Aktualisiert 01.09.2018 13:09

Fragliche Investition

Wer mit Nachhilfe ins Gymi kommt, bleibt eher sitzen

Schüler, die es mittels Nachhilfeunterricht ans Gymnasium schaffen, müssen deutlich öfter repetieren. Zu viel Nachhilfe macht bequem, sagt eine Bildungsforscherin.

von
Simon Ulrich
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Wer nur mittels Nachhilfestunden das Gymi-Niveau erreicht, läuft Gefahr, nach dem ersten Jahr zu straucheln.

Wer nur mittels Nachhilfestunden das Gymi-Niveau erreicht, läuft Gefahr, nach dem ersten Jahr zu straucheln.

Steve Debenport
Laut dem Bildungsbericht Schweiz 2018 Bei Gymnasiasten war die Repetitionswahrscheinlichkeit bei Gymnasiasten, die am Ende der obligatorischen Schulzeit Nachhilfe beanspruchten,, um vier Prozentpunkte höher als bei ihren Kameraden ohne Nachhilfe.

Laut dem Bildungsbericht Schweiz 2018 Bei Gymnasiasten war die Repetitionswahrscheinlichkeit bei Gymnasiasten, die am Ende der obligatorischen Schulzeit Nachhilfe beanspruchten,, um vier Prozentpunkte höher als bei ihren Kameraden ohne Nachhilfe.

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Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Denkbar ist, dass sich die Schüler bei regelmässigem und intensivem Nachhilfeunterricht Lernstrategien aneignen, die für das Gymnasium kontraproduktiv sein könnten. «Man hockt nicht mehr selber hin und lernt, sondern macht seine Hausaufgaben mit dem Nachhilfelehrer», sagt Stefanie Hof von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).

Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Denkbar ist, dass sich die Schüler bei regelmässigem und intensivem Nachhilfeunterricht Lernstrategien aneignen, die für das Gymnasium kontraproduktiv sein könnten. «Man hockt nicht mehr selber hin und lernt, sondern macht seine Hausaufgaben mit dem Nachhilfelehrer», sagt Stefanie Hof von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).

Steve Debenport

Tausende Schüler haben in den letzten Wochen frohen Mutes das Gymnasium in Angriff genommen. Viele von ihnen werden aber schon im nächsten Sommer einen Dämpfer erleiden und das erste Schuljahr wiederholen müssen. Besonders gefährdet sind jene Knaben und Mädchen, die den Sprung ins Gymi nur mittels bezahltem Nachhilfe-Unterricht geschafft haben.

Wie der neueste Bildungsbericht Schweiz zeigt, liegt die Repetitions-Wahrscheinlichkeit bei Gymnasiasten, die am Ende der obligatorischen Schulzeit Nachhilfe beanspruchten, um vier Prozentpunkte höher als bei ihren Kameraden ohne Nachhilfe. Vier Prozentpunkte, das klingt nach wenig. Aber: «Gemessen an den durchschnittlich 9,5 Prozent, die in der untersuchten Stichprobe das erste Jahr repetierten, ist das ziemlich viel», sagt Mitautorin Stefanie Hof von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).

Reduzierte Lernanstrengung und niedrigeres Potenzial

Von den Resultaten, die auf den Längsschnittdaten der PISA-2012-Kohorte basieren, zeigt sich Hof überrascht. Bisher sei die Forschung davon ausgegangen, dass zwei Schüler, die bei der Aufnahmeprüfung dieselbe Leistung erbringen, auch dieselben Chancen auf eine erfolgreiche gymnasiale Laufbahn haben. «Entscheidend ist offenbar aber auch, wie man das geforderte Kompetenzniveau erreicht», so die Projektkoordinatorin Bildungsbericht Schweiz.

Warum Schüler mit Nachhilfe eher sitzen bleiben, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Hof vermutet, dass sich die Schüler bei regelmässigem und intensivem Nachhilfeunterricht Lernstrategien aneignen, die für das Gymnasium kontraproduktiv sein könnten. «Man hockt nicht mehr selber hin und lernt, sondern macht seine Hausaufgaben mit dem Nachhilfelehrer», sagt die Bildungsforscherin. Die Folgen: Die eigene Lernanstrengung sinkt und die antrainierte Bequemlichkeit nimmt man ans Gymi mit.

Naheliegend sei zudem, dass solche Schüler – trotz gleicher Kompetenzen vor dem Eintritt ins Gymi – schlicht nicht über dasselbe Potenzial verfügen wie ihre nachhilfelosen Altersgenossen, um das Gymnasium erfolgreich zu durchlaufen. Mit anderen Worten: Es sind die schlechteren Schüler. «Mit der Nachhilfe haben sie sich ihr Potenzial erkauft und ihre Leistung kurzfristig heraufgepusht», sagt Hof. «Mittelfristig verpufft jedoch dieser Effekt.»

Peer-Group-Effekt und unwissende Eltern

Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, erstaunen die Ergebnisse wenig. Bereits frühere Studien hätten gezeigt, dass Nachhilfe über eine lange Zeit nicht mit besseren Noten einhergehen würden. «Nachhilfeunterricht ist nur dann sinnvoll, wenn er punktuell eingesetzt wird, etwa nach einer längeren Unterrichtsabsenz oder bei Teilschwächen in einzelnen Fächern», sagt Zemp.

Oft sei den Jugendlichen mit Nachhilfeunterricht – etwa aus Gesprächen mit dem Klassenlehrer – durchaus bewusst, dass ihnen am Gymnasium ein rauer Wind entgegenwehen könnte. Der Peer-Group-Effekt lässt allerdings die eigenen Bedenken schwinden. «Wenn ihre gleichaltrigen Kollegen ans Gymi gehen, wollen sie ebenfalls dorthin – auch wenn sie vom Potenzial her vielleicht nicht dafür bestimmt sind», so Zemp.

Zahlreiche Eltern würden ihre Sprösslinge zudem trotz mässiger schulischer Leistungen aufs Gymnasium schicken, weil sie denken, die gymnasiale Matura sei der einzige Weg zur Universität. Dabei lässt sich heute ohne Weiteres auch nach der Berufs- oder Fachmatura via Passarelle einen tertiärer Abschluss erlangen. Zemp: «Viele Eltern haben leider noch nicht begriffen, wie durchlässig unser Bildungssystem ist.» Umso wichtiger sei es, dass sie bei Gesprächen mit dem Klassenlehrer und in Berufsberatungen über die verschiedenen Bildungspfade aufgeklärt würden.

Repetition und Nachhilfe

Rund ein Fünftel der Gymnasiasten in der Schweiz kommen nicht in der Regelzeit durch das Gymnasium, sondern repetieren mindestens einmal. Diese Repetitionen können volkswirtschaftlich bedeutsam sein. In jedem Fall verursachen sie persönliche Kosten, sei es durch eine verringerte Bildungsrendite, durch die verlängerte Bildungsdauer oder durch psychologische Kosten aufgrund des «Scheiterns». Über 34 Prozent der Schüler besuchen am Ende der obligatorischen Schule bezahlte Nachhilfe. Zwei Drittel dieser Schüler gehen regelmässig in den Nachhilfeunterricht. (Quelle: Bildung Schweiz, 9/18).

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