Sexting-Opfer: «Wer nicht früh genug Stopp sagt, hat verloren»
Aktualisiert

Sexting-Opfer«Wer nicht früh genug Stopp sagt, hat verloren»

Ein junger Mann wurde verurteilt, weil er Mädchen zu Nacktbildern und Sex nötigte. Ein forensischer Psychiater erklärt, weshalb Minderjährige auf solche Täter hereinfallen.

von
Lorenz Hanselmann

In Zürich ist ein 22-Jähriger zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er junge Mädchen nötigte, ihm Nacktbilder und -videos zu schicken. Eine junge Frau vergewaltigte er auch. Wie kann es so weit kommen?

Marc Graf: In der Regel fängt das sehr unverfänglich an. Das zeigt die Auswertung der Computer- und Handydaten, die wir von mehreren Fällen haben. Der Täter umgarnt das Opfer, gibt sich sympathisch, schmeichelt ihm. Sie tauschen harmlose Fotos aus. Es folgen anzügliche, aber immer noch lobende Bemerkungen. Dann verschickt das Opfer erste Nacktbilder.

Ist es damit bereits in die Falle getappt?

Wenn das Opfer hier nicht früh genug Stopp sagt, hat es verloren. Wenn der Täter das Gefühl hat, er habe bereits genügend Abhängigkeit geschaffen, schlägt er zu und fordert immer mehr. Das geht bis hin zu Gruppenvergewaltigungen.

Einem der Mädchen sagte der Mann, ein Kollege von ihm wolle sie kennenlernen. Dafür müsse sie ihm aber Oben-ohne-Fotos schicken. Wieso macht ein Mädchen bei so etwas mit?

Schon Kinder merken in der Regel, wenn ein Kontakt missbräuchlich ist. Doch die Opfer von Sexting sind oft wenig sozial gefestigt, sie können sich Freunden oder Eltern nicht anvertrauen. Und sie fühlen sich ja geschmeichelt, sagen sich: «Endlich interessiert sich jemand für mich.» Viele hoffen auch, es werde am Ende doch noch etwas Tolles. Ab einem gewissen Punkt schämt sich das Opfer dann so sehr, dass es sich nicht mehr getraut, sich jemandem anzuvertrauen. Selbstsichere und sozial gut eingebettete Menschen können diesen Ablauf meist früher und rechtzeitig stoppen.

Suchen sich die Täter gezielt solch schwache Opfer aus?

Ja. Die Täter spüren das. Sie merken: Da ist jemand, der nicht selbstsicher ist, der bereits Schwierigkeiten hat, bedürftig nach Zuwendung ist und sich nicht wehrt.

Wissen die Täter, dass sie etwas Unmoralisches oder sogar Illegales tun?

Fast alle wissen es sehr genau, deswegen versuchen sie ja, dies geheimzuhalten. Sie suchen aber gezielt ein Machtgefälle. Sie wollen Partner nicht verführen, sondern ihre sexuellen Bedürfnisse mit Druck, Macht und Gewalt durchsetzen. Sie fühlen sich mächtig und überlegen, dies verschafft ihnen Reiz und Befriedigung. Oft sind es auch Mehrfachtäter. Wenn es das erste Mal funktioniert, machen sie in der Regel weiter.

Wieso gehen so wenige Opfer zur Polizei?

Leute, die in eine solche Falle tappen, haben leider meist auch weniger Kompetenzen, damit richtig umgehen zu können. Bis zum Gang auf den Polizeiposten ist es ohnehin ein weiter Weg. Zuerst müssten die Opfer mit Freunden oder den Eltern reden können. Doch sie sind eben oft sozial isoliert oder es bestehen keine ausreichend stabilen Vertrauensverhältnisse. Zur Polizei gehen viele erst, wenn sie völlig verzweifelt sind.

Die Opfer von Sexting sind meist sehr jung. Sind sie besonders leichte Opfer?

Die Täter sind meist 20 bis 25 Jahre alt, die Opfer zwischen 11 und 16. In diesem Alter durchleben die Opfer eine Risikoperiode. Sie sind in der Pubertät, einer Umbruchphase, sie distanzieren sich von ihren Eltern und suchen gleichzeitig intensiv nach anderen, auch sexuellen Sozialkontakten. Noch Jüngere interessiert Sexting noch nicht, Ältere stehen schon zu fest im Leben.

Der Täter E.C. wurde zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, die zugunsten einer Massnahme aufgeschoben wurden. Ist das so richtig?

Ich kenne den Fall zu wenig, um das zu kommentieren. Grundsätzlich kommt es sehr auf den Täter an. Die meisten sind nicht psychisch gestört, sondern wollten einfach ihre Triebe befriedigen. Wichtig ist, dass man ihnen klar aufzeigt, was die Norm ist. Hier ist eine harte, konsequente Strafverfolgung wichtig, weil sie abschreckend wirkt.

Was kann man präventiv tun, um solche Fälle zu verhindern?

Man muss die Medienkompetenz der Jugendlichen fördern, und zwar schon sehr früh, schon in der Primarschule. Sie sollten erfahren, dass die neuen Medien zwar etwas sehr Tolles sind und viele Chancen bieten, aber eben auch erhebliche Risiken bergen. Das darf man nicht tabuisieren, sondern man sollte es kritisch anschauen – sachlich, nicht übersexualisiert. Hier ist in den letzten Jahren schon einiges passiert in der Schweiz. Diesen Weg könnten wir aber noch konsequenter gehen.

Marc Graf ist Direktor der Forensisch Psychiatrischen Klinik Basel

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