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KommunikationWer nur auf Facebook lebt, stirbt früher

Die kanadische Psychologin Susan Pinker betont die Wichtigkeit der Face-to-Face-Kommunikation. Diese mache die Menschen glücklich – und man lebe länger.

von
B. Zanni
Gerade bei Jungen komme der direkte zwischenmenschliche Kontakt zu kurz, sagt Fachpsychologin Laura Tscharner.

Gerade bei Jungen komme der direkte zwischenmenschliche Kontakt zu kurz, sagt Fachpsychologin Laura Tscharner.

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Mit dem Computer oder Handy als Begleiter würden es viele wohl auf einer einsamen Insel aushalten. Im Sekundentakt können sie über die Geräte Nachrichten senden und empfangen. Die digitalen Medien vernetzen einen mit der ganzen Welt. Doch genau dieser Umstand bereitet der kanadischen Psychologin Susan Pinker Sorgen. In ihrem neuen Buch «The Village Effect» klagt sie: «Noch nie waren wir so gut vernetzt, und noch nie waren wir so einsam.»

Pinker stellt fest, dass der Face-to-Face-Kontakt im digitalen Zeitalter immer mehr verloren geht. Und sie kommt zu folgender Erkenntnis: Es ist wichtig, dass die Menschen miteinander von Angesicht zu Angesicht kommunizieren. Enge Freundschafts- und Liebesbeziehungen würden helfen, die Lebenserfahrung zu erweitern und sich glücklich zu fühlen. Sogar auf die Lebensdauer soll sich der direkte Kontakt positiv auswirken.

400 SMS pro Tag und tieftraurig

Auch Schweizer Experten warnen vor einer zu starken Fokussierung auf Social Media. «Die Face-to-Face-Kommunikation kommt heute vor allem bei jungen Leuten zu kurz», bemerkt Laura Tscharner, Fachpsychologin für Psychotherapie. Sie berate oft Jugendliche, die sich einsam fühlten, obwohl sie viele Facebook-Freunde hätten. Thomas Steiner, Fachpsychologe für Psychotherapie, erinnert sich an eine junge Patientin. «Sie tauschte pro Tag rund 400 SMS aus, ihr ging es aber himmeltraurig.»

Soziologe Ueli Mäder stellt fest, dass direkte Begegnungen wegen der Individualisierung eher abgenommen haben. «Früher war der dörfliche Zusammenhalt wohl grösser und die Menschen pflegten mit ihren Nachbarn einen intensiven Kontakt.» Die digitalen Geräte bergen laut dem Soziologen durchaus die Gefahr, dass sich Menschen zurückziehen. Laut den befragten Experten sehnen sich gerade viele junge Leute nach direkten Kontakten.

Direkte Kommunikation verbindet

«Die direkte Kommunikation fördert das Selbstwertgefühl, weil man umfassend wahrgenommen wird», sagt Steiner. Das Feedback des Gegenübers sei authentisch. «Weil mehr Sinneskanäle mit Informationen befriedigt werden, wirkt sich das positiv aus unser emotionales Erleben aus.»

Laut Tscharner sorgt die Face-to-Face-Kommunikation auch für eine tiefere Verbundenheit als virtuelle Gespräche. Der digitale Austausch schalte wichtige Faktoren aus. «Der Mensch braucht die Stimme, Mimik und Gestik des Gegenübers. Auch Emojis können dies nicht ersetzen.» In der realen Begegnung entstehe eine vertrauensvolle Beziehung, man gehe bei den Themen in die Tiefe und die Gesprächspartner erhielten die volle Aufmerksamkeit.

Damit sei auch die höhere Lebenserwartung von Menschen mit einem gesunden sozialen Umfeld zu erklären: «Die bei positiven Beziehungserleben ausgeschütteten Glückhormone wirken sich auf die Lebenserwartung günstig aus.» Steiner verweist auf Studien, die zeigen, dass die Lebenserwartung von Menschen mit einem intakten Freundes- und Bekanntenkreis deutlich höher ist.

Kein Grund zur Sorge

Experten schätzen die Situation jedoch nicht als prekär ein. «Die direkten sozialen Kontakte sind in der Schweiz noch sehr ausgeprägt», sagt Sarah Genner, Medienpsychologin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Da die Leute von Familien und Freunden nicht so weit auseinander wohnten wie etwa in den USA, nehme das digitale Kommunizieren nicht überhand. «Es hat mehr eine ergänzende als eine ersetzende Funktion.»

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