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Online-DiskussionenWer schlau wirken will, der motzt im Netz

Wer sich auf Social Media negativ zu bestimmten Themen äussert, kann als kompetenter und gar intelligenter wahrgenommen werden als freundliche Mitmenschen.

von
Stephanie Sigrist
Wie nehmen wir die Meinungsäusserungen  etwa auf Facebook und Twitter  wahr? Eine neue Studie ging dieser Frage nach.

Wie nehmen wir die Meinungsäusserungen etwa auf Facebook und Twitter wahr? Eine neue Studie ging dieser Frage nach.

«So weit sind wir also schon», «Die Menschheit ist am Verblöden» oder «Was haben die sich dabei überlegt?!» sind einige der harmloseren Beispiele für negative Äusserungen, die täglich zuhauf auf Social Media gemacht werden. Insbesondere politische Themen werden auf Facebook, Twitter und dergleichen oftmals rege diskutiert.

Eine Studie der Harvard-Universität aus den 80er-Jahren besagt, dass die Verfasser von nicht zustimmenden oder kritischen Beiträgen von ihrem Umfeld als intelligenter wahrgenommen werden. Eine neue Untersuchung des Psychologen Bryan Gibson der US-Universität von Michigan zeigt gemäss der Tech-Plattform Wired nun, dass Menschen, die gerne als schlau wahrgenommen werden möchten, eher zu negativen und kritischen Beiträgen neigen.

Intelligent, aber unsympathisch

Für die Studie liess Gibson 117 Probanden einen Film schauen und diesen schriftlich bewerten. Die Rezensionen sollten anschliessend von einem anderen Studienteilnehmer gelesen werden. Rund die Hälfte der Gruppe hatte zuvor den Auftrag erhalten, sich bei ihrem Gegenüber als nett und freundlich zu präsentieren. Wer jemanden für sich einzunehmen versuchte, liess die Filmkritik deutlich positiver ausfallen.

Die andere Hälfte sollte beim anderen Gruppenmitglied einen intelligenten Eindruck hinterlassen: Diese Untersuchungsteilnehmer wählten eindeutig harschere Worte beim Verfassen ihrer Bewertungen.

Eigene Meinung ist entscheidend

Wirken Internetnutzer also schlauer, wenn sie sich zu negativen Äusserungen hinreissen lassen? «Es kommt darauf an, wie der Beobachter selber über das entsprechende Thema denkt», relativiert Johannes Ullrich, Sozialpsychologe der Universität Zürich. Wer selber nicht mit der Materie vertraut ist, über die sich der Kommunikationspartner negativ äussert, nehme sein Gegenüber vielleicht als kompetent, aber unsympathisch wahr.

Werde aber eine Sache kritisiert, die man selbst kenne und möge, werde «die Person mit den negativen Äusserungen abgewertet». Das heisst, dass der Kritiker weniger kompetent erscheint. «Umgekehrt werten wir eine Person auf, die sich negativ äussert über etwas, das wir ebenfalls nicht mögen.» So können Kommentarschreiber, die sich über eine bestimmte Thematik ablehnend oder kritisch auslassen, tatsächlich intelligenter wirken als ihre schweigenden oder sich positiv äussernden Mitmenschen.

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