Aktualisiert 03.12.2019 09:34

Ohrfeigen und Fuditätsch«Wer selbst Gewalt erlebt, schlägt eher zu»

Forscher Dirk Baier erklärt, warum immer noch viele Eltern ihre Kinder züchtigen. Er warnt: Ohrfeigen könnten ähnlichen Schaden anrichten wie starke Gewalt.

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Viele Eltern geraten bei der Kindererziehung an ihre Grenzen.

Viele Eltern geraten bei der Kindererziehung an ihre Grenzen.

iStock/Fizkes
Das endet nicht selten in körperlicher Gewalt. (Symbolbild)

Das endet nicht selten in körperlicher Gewalt. (Symbolbild)

Keystone/Steffen Schmidt
Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild)

Jeder vierte Elternteil nimmt an, dass ein Klaps auf den Hintern noch niemandem geschadet habe oder Ohrfeigen als Ausnahme erlaubt seien. (Symbolbild)

Keystone/Steffen Schmidt

Herr Baier, wie verbreitet ist Gewalt in der Erziehung in der Schweiz?

Sie ist weiter verbreitet als in den umliegenden Ländern. In einer von uns durchgeführten Studie stellte sich heraus, dass nur ein Drittel der Schweizer Kinder gewaltfrei aufwächst. In Deutschland sind es 60 Prozent.

Wieso ist das so?

In Frankreich und Deutschland wurden auf gesetzlicher Ebene Züchtigungsverbote eingeführt. Die Schweiz ist, was die gesetzlichen Rahmenbedingungen anbelangt, noch immer im Rückstand.

Sechs bis zehn Prozent der Eltern wenden regelmässig physische Gewalt an. Was sind die Risikofaktoren, zu dieser Gruppe zu gehören?

Ich denke, es sind sogar noch mehr, denn für die Studie wurden die Eltern befragt. Fragt man hingegen Personen, ob sie Gewalt in der Kindheit erfahren haben, zeigen die Resultate: Es sind eher zwanzig Prozent der Eltern, die schwere Gewalt anwenden. Es gibt hierfür drei Risikofaktoren.

Welche sind das?

Erstens: Eltern, die in der in Kindheit selbst Gewalt erfahren haben, schlagen eher zu. Zweitens: Stress aufgrund einer sozial schwierigen Lage, beispielsweise Arbeitslosigkeit oder Armut. Drittens: die ethnische Zugehörigkeit. So gehört Gewalt in der Erziehung kulturell bei Familien beispielsweise aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei oder Sri Lanka eher dazu. Teilweise spielt auch die Religion eine Rolle.

Wie kann gegen Gewalt in der Erziehung vorgegangen werden?

Wichtig ist, dass sich die Gesellschaft zu Gewaltlosigkeit positioniert. Das kann über ein Züchtigungsverbot auf gesetzlicher Ebene geschehen. Gleichzeitig braucht es viel Basisarbeit. Man sollte den Eltern ab der Geburt ihrer Kinder vermitteln, wie sie diese gut erziehen. In Kindergärten und Schulen können weitere Beratungs- und Informationsangebote für Eltern und Kinder platziert werden. Dort können alternative Reaktionsmöglichkeiten für schwierige Situationen vermittelt werden.

«Ein Klaps auf den Hintern hat noch niemandem geschadet»: Wie häufig ist diese Ansicht?

Die Ansicht ist bereits weniger verbreitet als früher. Der Weg stimmt also, aber es braucht ein klares Zeichen dafür, und das ist eben das Züchtigungsverbot. Dieses kann zu einer Veränderung in der Einstellung und weiter auch im Verhalten der Eltern führen.

Ist denn der Klaps auf den Hintern tatsächlich schädlich?

Ja. Wir müssen dieses Denken aus den Köpfen der Menschen rauskriegen. Denn man sollte das aus der Perspektive der Kinder betrachten: Wenn jemand, dem man vertraut, der grösser und stärker ist als man selbst, einen schlägt, so zerbricht das Vertrauensverhältnis zu dieser Person. Deshalb können Ohrfeigen oder eben der Klaps auf den Hintern, also leichte Formen der Gewalt, genauso viel Schaden anrichten wie starke Gewalt.

Dirk Baier ist Leiter Institut Delinquenz & Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

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