Aktualisiert 10.02.2016 09:49

TV-Geschmack

Wer sich liebt, teilt auch die Serien-Vorlieben

«House of Cards» oder «Gilmore Girls»? Diese Frage ist in der Beziehung entscheidend – behauptet zumindest Netflix.

von
R. Landolt

Der Serien-Geschmack ist wichtig bei der Partnerwahl. Das besagt zumindest eine Umfrage, die der US-Streaming-Dienst Netflix in Auftrag gegeben hat. Ein Viertel der 1008 US-Teilnehmer finden Personen mit gleichen Serien-Gewohnheiten attraktiver. 58 Prozent geben in ihren Social-Media-Profilen an, auf welche Serien sie stehen – in der Hoffnung, das mache sie interessanter.

Fast zwei Drittel erwähnen beim ersten Date ihre Serien-Vorlieben. Doch auch später sind diese entscheidend: Knapp ein Drittel der Umfrage-Teilnehmer ist nämlich überzeugt, dass Serien-Kompatibilität zwischen Partnern wichtig ist. Und mehr als die Hälfte gab an, ein gemeinsamer Streaming-Account bedeute quasi das Gleiche wie «Ich würde dich gern meinen Eltern vorstellen».

«Sich auskennen gehört zum guten Ton»

Auch wenn die Umfrage in erster Linie ein Marketing-Gag sein dürfte: Für Brigitte Frizzoni, Dozentin für populäre Kulturen an der Universität Zürich, sind die Resultate nachvollziehbar. «Die Bedeutung von Serien hat in den letzten Jahren zugenommen», sagt sie. Das liege an zwei Faktoren: der gestiegenen Qualität und der grösseren Vielfalt. «Heute gehört es zum guten Ton, sich in diesem Angebot auszukennen. Man muss sich nicht mehr schämen, ein Serienjunkie zu sein, der sich Schrott reinzieht.» So könne man sich heute in der grossen Vielfalt mit seinem Wissen positionieren und sich mit jenen verbünden, die das Gleiche schauen.

Schon vor fünf Jahren hätten Umfragen ihrer Studenten gezeigt, dass es vielen Leuten wichtig ist, gemeinsam Serien zu schauen – mit dem Partner, den Freunden oder sogar in WGs. «Und dies, obwohl man sich denken könnte, dass vor allem einzelne Personen auf ihren Tablets Serien schauen. Denn Fernsehen ist heute ja eigentlich orts- und zeitunabhängig.» Serien würden eben einen Haufen Gesprächsstoff bieten.

«Zusammen fernsehen ist eine Schein-Verbindung»

Paartherapeut Reinhard Felix-Lustenberger sieht es pragmatischer. Dass viele ihre Serien-Präferenzen schon beim ersten Date offenlegten, liege daran, dass es ein «unverfängliches Gesprächsthema» sei. «Zudem sind Pärchen heute froh, wenn sie überhaupt Zeit für Gemeinsamkeit finden, auch wenn es nur während einer Serie ist.» Den meisten gehe es nicht ums «Fernseh-Schauen», sondern ums «Fernseh-Kuscheln». Der Vorteil dabei: «Man muss nicht reden und hat trotzdem das Gefühl, man sei einander verbunden.»

Dass der TV-Konsum in der Paarbeziehung eine solche Bedeutung gewonnen habe, findet er bedenklich. «Das ist ein kulturelles Armutszeugnis. Früher fühlte man sich über gemeinsame religiöse oder politische Einstellungen, Sport oder Politik miteinander verbunden.» Erstaunlich sei die Entwicklung aber nicht. «Vergangene Krisenzeiten haben gezeigt, dass man sich in die heile Welt zurückzieht, wenn es draussen stürmt und tobt.»

Dass Paare oft denselben Seriengeschmack haben, glaubt Felix-Lustenberger nicht. Oft stecke vielmehr ein «verdeckter Machtkampf» hinter der Auswahl. Einer setze sich durch, der andere gebe vor, ihm sei egal, was man sich ansehe.

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