Wie Viren wirken: Wer sich zur falschen Zeit ansteckt, leidet mehr
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Wie Viren wirkenWer sich zur falschen Zeit ansteckt, leidet mehr

Für die Schwere von Vireninfektionen spielt die Tageszeit einer neuen Studie zufolge eine wichtige Rolle. Gefährlich wird es vor dem Einschlafen.

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Eine Ansteckung zur falschen Tageszeit kann offenbar eine viel schwerere Infektionskrankheit verursachen. So lautet das Ergebnis einer Studie von Forschern der University of Cambridge.

Eine Ansteckung zur falschen Tageszeit kann offenbar eine viel schwerere Infektionskrankheit verursachen. So lautet das Ergebnis einer Studie von Forschern der University of Cambridge.

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Die Entdeckung im Mausversuch könnte teilweise erklären, warum Schichtarbeiter anfällig für Erkrankungen sind oder warum Infektionskrankheiten eher im Winter auftreten.

Die Entdeckung im Mausversuch könnte teilweise erklären, warum Schichtarbeiter anfällig für Erkrankungen sind oder warum Infektionskrankheiten eher im Winter auftreten.

Keystone/AP/New York University
In der Studie kam das Herpesvirus MuHV-4 zum Einsatz. Ob die Erkenntnis auch auf exotischere Infektionskrankheiten zutrifft, ist offen.

In der Studie kam das Herpesvirus MuHV-4 zum Einsatz. Ob die Erkenntnis auch auf exotischere Infektionskrankheiten zutrifft, ist offen.

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Eine Untersuchung von Forschern der University of Cambridge an Mäusen hat gezeigt, dass Herpesviren sich weit schneller vermehren, wenn sich die Tiere zu Beginn ihrer Ruhephase infizieren.

Die Entdeckung könnte teilweise erklären, warum bei Impfungen auch die Tageszeit eine Rolle spiele, warum Schichtarbeiter anfällig für Erkrankungen sind oder warum Infektionskrankheiten eher im Winter auftreten, schreibt das Team um Akhilesh Reddy in den «Proceedings of the National Academy of Sciences». «Eine Ansteckung zur falschen Tageszeit könnte eine viel schwerere akute Infektion verursachen», so Reddy in einer Mitteilung der Hochschule.

Innere Uhr

Die Forscher infizierten Mäuse zunächst zu verschiedenen Tageszeiten durch die Nase mit dem Herpesvirus MuHV-4. Zu Beginn der Ruhephase – bei den nachtaktiven Nagern also morgens – vermehrten sich die Erreger etwa zehnmal mehr als bei einer Infektion zur aktiven Phase.

Bei genetisch veränderten Mäusen, denen Bmal1 – ein Schlüsselgen für die innere Uhr – fehlte, beeinflusste die Tageszeit das Infektionsgeschehen dagegen nicht, berichtet das Team. «Wenn wir die Körperuhr in Mäusen störten, spielte der Zeitpunkt der Ansteckung keine Rolle mehr», sagt Erstautorin Rachel Edgar. «Die Viren vermehrten sich ständig stark.»

Aktive Beeinflussung

Auch in Zellkulturen hing die Schwere einer Infektion von der jeweiligen Tagesphase ab. Bei Zellen ohne das «Uhr»-Gen Bmal1 vermehrten sich die Herpes-Viren dagegen zu jeder Zeit ähnlich stark. Weitere Versuche deuteten sogar darauf hin, dass die Viren die Zelluhr aktiv beeinflussten, um sich optimal entwickeln zu können.

Im nächsten Schritt prüfte das Team die Vermehrung von Grippeviren an Zellen – mit ähnlichem Resultat. «Der ähnliche Effekt der zellulären Rhythmusstörung auf zwei unterschiedliche, klinisch bedeutende Virusfamilien zeigt, dass die innere Uhr und ihre speziellen Komponenten wie Bmal1 auf Virusinfektionen einen breiten Einfluss haben», schreibt das Team.

Ursache für Häufung im Winter?

Dieser Effekt könne möglicherweise sogar zu Epidemien beitragen. So sei etwa Bmal1 beim Menschen in den Wintermonaten weniger aktiv. «Wir spekulieren, dass dies zu Ausbreitung von Viren auf Bevölkerungsebene beitragen kann, denn viele Viren wie etwa Influenza verursachen Infektionen eher im Winter», schreiben die Autoren.

Das Resultat könne zudem erklären, warum Schichtarbeiter, deren Körperuhr gestört ist, anfällig für chronische Erkrankungen seien, möglicherweise auch für Viruserkrankungen. Auch die Effektivität von Impfungen könnte von der Tageszeit abhängen, betont das Team.

Erst kürzlich hatte eine Studie an Menschen ab 65 Jahren darauf hingewiesen. Wie das Team um Anna Phillips von der britischen Universität Birmingham im Fachblatt «Vaccine» berichtete, kurbelten Grippeimpfungen am Morgen im Vergleich zu solchen am Nachmittag die Produktion von Antikörpern innerhalb eines Monats stärker an. (fee/sda)

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