Wer sind die Katzenfänger?
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Wer sind die Katzenfänger?

Vermeintlich entführte Katzen und Medienberichte haben dazu geführt, dass eine grosse Angst vor kommerziellen «Katzenfängern» umgeht. Gibt es solche in der Schweiz wirklich? 20minuten.ch hat bei Katzenfellhändlern nachgefragt.

Nach verschiedenen Berichten von Presseagenturen und Polizeistellen, wonach in gewissen Regionen (so zum Beispiel Arisdorf BL) Katzen entführt worden oder verschwunden seien, meldeten sich mehrere Katzenbesitzer bei 20minuten.ch. Auch ihre Katze sei entführt worden. Zweck der Entführung: Tötung, Häutung und Verkauf des Katzenfells an Pelzhändler, die die Felle als Rheumadecken verkaufen.

Wenig Katzen vermisst

Nach Recherchen von 20minuten.ch hat die Zahl der vermissten Katzen nicht markant zugenommen. «80 Prozent der vermissten Tiere sind Katzen, weil sie das häufigste Haustier und oft alleine unterwegs sind. Dass in letzter Zeit mehr Katzen als sonst verschwinden, können wir nicht feststellen», sagt Sarah Schoch von der Schweizerischen Tiermeldezentrale.

Ins gleiche Horn stösst Denise Delley. Sie ist der Big-Brother der Schweizer Haustiere, verwaltet beim Animal Identity Service (Anis) die Daten sämtlicher Schweizer Tiere, die einen ID-Chip eingepflanzt bekommen haben. «Wir verzeichnen keine spezielle Zunahme von vermissten Katzen», sagt Delley. Zwar werden mehr Katzen vermisst gemeldet, jedoch in gleichem Masse mehr Katzen mit einem Chip versehen. Als verschwunden kann eine Katze dann bezeichnet werden, wenn sie länger vermisst wird, aber ihr Chip an keiner Tierkadaverstelle oder in keinem Tier-Asyl gescannt wird. Solche Fälle gebe es wenig. Von den insgesamt 1,2 Millionen Katzen, die in der Schweiz leben, sind lediglich 90 000 elektronisch markiert, also weniger als zehn Prozent.

Paradies für Katzenfänger

Ab Anfang 2009 wird der Handel mit Katzenfellen in der EU verboten. Diese Meldung wiederum ruft die Tierschützer auf den Plan. Sie befürchten, dass die Schweiz dann zum Paradies für Katzenfell-Händler und die Entführung ahnungsloser Hausbüsi zum lohnenden Geschäft wird. «Alles totaler Humbug», sagt der ehemalige Katzenfell-Händler H. B. (Name der Red. bekannt) aus Basel. «Der Aufwand, Katzen einzeln einzufangen, ist viel zu gross», sagt B. Ausserdem sei der Handel mit Katzenfellen zum Spiessrutenlauf geworden. «Vor 30 Jahren war der Handel mit Rheumadecken ein lukratives Geschäft. Die Tierschützer haben dem ein Ende gemacht», sagt B.

Fell-Drehscheibe Deutschland

B. bezog seine Felle jeweils von Frankfurter oder Berliner Pelzgrosshändlern. B.'s ehemaliger Berliner Geschäftspartner L. (Name der Red. bekannt) erklärt gegenüber 20minuten.ch, warum kein Mensch mit kommerziellen Absichten Katzen jagt. «Eine Rheumadecke besteht aus rund zehn Fellen und kostet im Grosshandel 70 Euro. Ein Fänger hierzulande müsste mindestens 10 Euro für Fangen und Häuten pro Fell berechnen, noch einmal soviel der Gerber. Bis im Einzelhandel wären wir dann bei einem Preis von gegen 300 Euro pro Decke. Eine Katzenfelldecke zu diesem Preis ist unverkäuflich», sagt L.

L. bezieht seine Katzenfelle bis Ende 2008 bei chinesischen Anbietern. «Dort gehören die Katzen als Nutztiere zu Grossfarmen, die sie zur Schädlingsbekämpfung nutzen. Weil sie sich zu schnell vermehren, wird ein Grossteil getötet. Das verwertbare Fell wird natürlich exportiert», sagt L.

«Die Plätzli auf den Bäumen»

Der Markt für Rheumadecken in der Schweiz ist klein. Der Berliner Fell-Magnat L. beispielsweise beliefert in der Schweiz keine Kunden mehr. Eine Gerberin aus dem Waadtland sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, sie verkaufe in der Schweiz vielleicht ein Dutzend Katzenfelle. Genug also für eine einzige Katzendecke. Der Basler Fell-Händler H. B. hat in den achtziger Jahren nach eigenen Angaben mehrere hundert Decken pro Jahr verkauft. Die Tierschützer haben ihr Ziel erreicht. H. B. hat sich zur Ruhe gesetzt. Doch verstehen kann er seine Kritiker nicht: «Das sind doch genau die, die meinen, die Kalbsplätzli wüchsen auf den Bäumen.»

Maurice Thiriet, 20minuten.ch

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