Pegasus-Affäre - Wer spioniert die Handys von Politikern aus?
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Pegasus-AffäreWer spioniert die Handys von Politikern aus?

Die Überwachungssoftware Pegasus soll die Smartphones von Staatschefs, Diplomatinnen, Journalisten und Aktivistinnen ausgespäht haben. Ein Skandal mit noch vielen Fragezeichen.

von
Karin Leuthold
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Die israelische Firma NSO stellt die Software Pegasus her, mit der nach Recherchen eines internationalen Journalistenkonsortiums Smartphones von Journalistinnen, Menschenrechtlern, Politikerinnen und Geschäftsleuten ausgespäht worden seien.

Die israelische Firma NSO stellt die Software Pegasus her, mit der nach Recherchen eines internationalen Journalistenkonsortiums Smartphones von Journalistinnen, Menschenrechtlern, Politikerinnen und Geschäftsleuten ausgespäht worden seien.

REUTERS
Im Leak des Pegasus-Projekts seien die Nummern von 14 Staats- und Regierungschefs aufgelistet. Ein Rechercheteam hat die Telefonkontakte von Regierungsmitgliedern aus 20 Staaten und von Hunderten Regierungsbeamten und -beamtinnen aus mehr als 30 Ländern identifiziert.

Im Leak des Pegasus-Projekts seien die Nummern von 14 Staats- und Regierungschefs aufgelistet. Ein Rechercheteam hat die Telefonkontakte von Regierungsmitgliedern aus 20 Staaten und von Hunderten Regierungsbeamten und -beamtinnen aus mehr als 30 Ländern identifiziert.

AFP
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und mehrere Regierungsmitglieder waren laut «Le Monde» 2019 mögliche Ziele des an staatliche Stellen verkauften Spähprogramms des israelischen Unternehmens NSO.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und mehrere Regierungsmitglieder waren laut «Le Monde» 2019 mögliche Ziele des an staatliche Stellen verkauften Spähprogramms des israelischen Unternehmens NSO.

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Darum gehts

  • Mit der israelischen Software Pegasus sollen Smartphones von Journalisten, Menschenrechtlerinnen, Politikern und Geschäftsleuten ausgespäht worden sein.

  • Pegasus nutzt Sicherheitslücken in Smartphone-Software, um weitreichenden Zugriff auf Daten zu erlangen.

  • Die Firma NSO, Anbieter der Software, weist die Vorwürfe zurück.

Die mögliche Ausspähung der Mobiltelefone zahlreicher Staatschefs, Staatschefinnen, Journalistinnen und Journalisten mit der Überwachungssoftware Pegasus hat die internationale Gemeinschaft alarmiert. Was ist Pegasus, wie kam die Affäre ans Licht? Die brennendsten Fragen im Überblick:

Was ist Pegasus?

Pegasus ist eine hochentwickelte Spähsoftware aus Israel. Sie ist in der Lage, infiltrierte Mobiltelefone in Echtzeit auszuspähen und die Verschlüsselung von Messenger-Diensten wie Whatsapp oder Signal zu umgehen. Die israelische NSO Group verkauft das Programm nur an staatliche Behörden – offiziell zum Zweck der Bekämpfung von Terrorismus und schwerer Kriminalität.

Warum ist das ein Skandal?

Eine internationale Recherchegruppe wertete ein Datenleak mit mehr als 50'000 Telefonnummern aus, die seit 2016 als Ziel möglicher Überwachung durch NSO-Kunden ausgewählt worden sein sollen. Das Netzwerk erhielt die Liste nach eigenen Angaben von Amnesty International und der in Paris ansässigen Organisation Forbidden Stories, die sich für bedrohte Journalistinnen und Journalisten einsetzt.

Auf der Liste fanden sich allerdings nicht nur die Nummern von mutmasslichen Kriminellen und Terroristen, sondern auch die von mindestens 180 Journalisten und Journalistinnen, 600 Politikerinnen und Politikern, 85 Menschenrechtsaktivisten und -aktivistinnen sowie 65 Unternehmern und Unternehmerinnen.

Welche internationale Persönlichkeiten wurden angeblich ausspioniert?

  • Emmanuel Macron

Eine der Handynummern von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron steht auf einer geleakten Liste. Macron nutze die betroffene Nummer seit 2017, wie «Le Monde» berichtet. Er sei auch in den vergangenen Tagen darüber erreichbar gewesen.

Neben Macron sollen auch der frühere Regierungschef Edouard Philippe und 14 weitere Regierungsmitglieder zu den Spähzielen gehört haben.

  • Umfeld des Dalai Lama

Menschen aus dem Umfeld des Dalai Lama sollen ebenfalls ausgespäht worden sein. Das 86 Jahre alte geistliche Oberhaupt der Tibeter selbst besitzt Berichten zufolge kein eigenes Smartphone.

  • Die Familie von Andrés Manuel López Obrador

Die Telefonnummern der Ehefrau des mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, seiner Kinder, seines Bruders und sogar seines Kardiologen seien zwischen 2016 und 2017 zur Überwachung durch die Pegasus-Software in eine Liste eingetragen worden, berichtete die Nachrichtenwebsite Aristegui Noticias. López Obrador selbst taucht dagegen nicht auf der Liste auf. Zu dem Zeitpunkt war López Obrador Oppositionsführer und politischer Rivale des damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto.

Ebenfalls als potenzielle Überwachungsziele identifiziert wurden mehrere Mitglieder der heutigen Regierung und die Bürgermeisterin von Mexiko-Stadt, Claudia Sheinbaum.

  • Cyril Ramaphosa

Auch der Präsident Südafrikas gehört zu den Betroffenen der Spionage-Software.

  • Rahul Gandhi

In Indien zählten zur Liste potenzieller Überwachungsopfer der frühere Präsident der Kongresspartei Rahul Gandhi. Zudem mindestens 40 Journalisten, ein gegenüber Modi kritisch eingestellter Wahlstratege und ein führender Virologe wurden offenbar abgehört.

Prinzessin Latifa, Tochter des Emirs von Dubai, wie auch dessen Ex-Frau Prinzessin Haya bint al-Hussain sind auf der geleakten Liste.

Latifa wurde seit einem gescheiterten Fluchtversuch im März 2018 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Der britische Sender BBC veröffentlichte Mitte Februar einen etwa zwei Jahre alten Video-Hilferuf der Prinzessin. Darin berichtete sie, dass sie von ihrem Vater, Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum, in einer zu einem Gefängnis umfunktionierten Villa in Dubai festgehalten werde und um ihr Leben fürchte. Prinzessin Haya floh 2019 aus Dubai. Sie sagte ebenfalls, sie habe um ihr Leben gefürchtet.

Wurden auch Medienschaffende ausgespäht?

Zu den entdeckten Telefonnummern zählen auch die Nummern von mehr als 80 Medienschaffenden in zehn Ländern, darunter Mitarbeitende der Nachrichtenagenturen AFP, Reuters und AP, der Zeitungen «New York Times», «Le Monde», «El País» und der Sender Al-Dschasira, Radio Free Europe und CNN. Insgesamt konnten demnach mehr als 180 Nummern von Journalisten und Journalistinnen ausgewertet werden.

In Ungarn sollen auf 37 Smartphones von Journalisten, Menschenrechtlern, deren Familienangehörigen und Geschäftsleuten und einem Ex-Politiker Spuren von Angriffen mit der Pegasus-Software des Unternehmens gefunden worden sein.

Wer steckt dahinter?

Bei der Spähaktion gegen Frankreichs Präsident Macron führen die Spuren nach Marokko. Macron und weitere ausgespähte Politiker stehen laut «Le Monde» und dem Sender Radio France «auf einer Liste von Nummern, die einer der Sicherheitsdienste des marokkanischen Staates als Nutzer der Spionage-Software Pegasus für einen möglichen Hackerangriff geführt hat».

Die Regierung in Rabat erklärte am 21. Juli, sie weise «kategorisch diese falschen und unbegründeten Anschuldigungen» zurück, dass ein staatlicher Sicherheitsdienst des nordafrikanischen Landes die Späh-Software genutzt habe. Marokko werde «international gegen jede Partei juristisch vorgehen, die diese falschen Anschuldigungen aufgreift».

Im Fall von Ungarn und der Überwachung von Journalisten richtet sich der Blick auf die Regierung. Viktor Orban verfolgt seit seinem ersten Amtsantritt 2010 eine international kritisierte, restriktive Medienpolitik, die sich gegen die Oppositionspresse richtet.

Was sagt Israel als Hersteller der Software?

Israel will die Affäre untersuchen lassen. Die israelische Regierung bildet nun ein Spezialteam aus Vertretern und Vertreterinnen verschiedener Ministerien, des Auslandsgeheimdienstes Mossad und der Armee.

Die Enthüllungen mit Blick auf die Exportlizenz von NSO könnte künftige Geschäfte der Firma und anderer israelischer Unternehmen beeinflussen. Die Exportlizenz beinhaltet allerdings Klauseln zum Missbrauch von Spionagesoftware. Nach NSO-Angaben wird die Technologie «ausschliesslich an Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste von geprüften Regierungen verkauft, mit dem alleinigen Ziel, durch Verhinderung von Verbrechen und Terrorakten Menschenleben zu retten».

Zusammengefasst mit Material von AFP und DPA

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