Aktualisiert 08.09.2016 19:23

Kochen für Todgeweihten«Wer stirbt schon gern mit leerem Magen»

Um ihm seine tödliche Krankheit erträglicher zu machen, bekochte ein Berner seinen Freund über Jahre. Die Rezepte hat er in einem Buch gesammelt.

von
Mira Weingartner

Ein Buch voller Henkersmahlzeiten: Auf 224 Seiten

hält der Autor Robert Riesen die Lieblingsspeisen seines verstorbenen Freundes Tinu fest. Am Donnerstagabend präsentiert Riesen das bewegende Rezeptbuch an seiner Vernissage in der Berner Matte.

Anlass zum Buch gab das traurige Schicksal von Martin Tinu Boss: Der IT-Ingenieur aus Bern starb am 3. Oktober 2014 im Alter von 49 Jahren im Inselspital. Zuvor kämpfte er sechs Jahre gegen die Nervenkrankheit ALS an, die unweigerlich tödlich endet. «Als die Diagnose bekannt wurde, spürten wir ganz deutlich, dass alles endlich ist», sagt Riesen heute.

In den letzten verbleibenden Jahren stand Robert Riesen mehrmals pro Woche für seinen Freund am Herd: «Ich kochte für ihn alles, was er in seinem Leben noch einmal geniessen wollte.» Die deftigen Fleischgerichte und schmackhaften, würzigen Kuchen hätten Tinu nicht nur viel Energie gegeben; auch sei während den Essen, bei denen immer viele Freunde anwesend waren, gelacht, getrunken, geraucht und gelebt worden.

«Tinu wäre stolz»

Das Kochbuch «Kochen für Boss – Wer stirbt schon gern mit leerem Magen» sei nun eine Erinnerung an diese einerseits sehr traurige, aber auch sehr schöne Zeit. «Nach dem Tod von Tinu fielen wir alle in ein tiefes Loch, die Leere war anfänglich kaum auszuhalten. Das Buchprojekt gab uns wieder einen Inhalt», sagt Riesen. Auch Tinus Lebenspartnerin, die Grafikerin Pedä Siegrist, arbeitete mit am Buch. «Es hat mir einige Stunden beim Psychiater erspart», sagt sie.

Siegrist ist sich sicher: «Tinu würde uns wegen diesem Buch zwar für wahnsinnig, für völlig verrückt erklären, aber dennoch hätte er Freude daran. Er wäre sicherlich stolz.»

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