Arbeitslose Akademiker: Wer studiert hat, muss härter um Job kämpfen
Aktualisiert

Arbeitslose AkademikerWer studiert hat, muss härter um Job kämpfen

Hochqualifizierten fällt es zunehmend schwer, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Arbeitgeber mit Idealvorstellungen und die Zuwanderung treffen sie hart.

von
B. Zanni
Büffeln die Studenten für nichts? Akademiker haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht einfach.

Büffeln die Studenten für nichts? Akademiker haben es auf dem Arbeitsmarkt nicht einfach.

Hochschulabsolventen müssen sich nach dem Studium auf harte Zeiten gefasst machen. Der Arbeitsmarkt hat auf die hellen Köpfe nicht gewartet. Deutlich macht dies die Studie «Arbeitsmarktmobilität und Fachkräftemangel» der Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich (Amosa). Diese kommt zum Schluss, dass die Anzahl der hochqualifizierten Stellensuchenden mit jährlich 11,2 Prozent zwischen 2008 und 2013 mehr als doppelt so schnell gewachsen ist wie die Zahl der hochqualifizierten Erwerbstätigen.

Im Kanton Zug und Zürich ist der Anteil mit 24 Prozent am höchsten. Mario Frei, Mentoring-Projektleiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit, spricht in der «Zürichsee-Zeitung» bezogen auf Zürich von einer Zunahme von über zehn Prozent in den letzten zehn Jahren. Experten bestätigen, dass der Arbeitsmarkt Menschen mit hohen Abschlüssen herausfordert. Dafür verantwortlich ist einerseits, dass laut der Studie heute mehr als jeder dritte Erwerbstätige eine höhere berufliche Bildung oder einen Hochschulabschluss in der Tasche hat.

Laut Patrik Schellenbauer, Arbeitsmarkt-Experte beim liberalen Thinktank Avenir Suisse, ist dies inbesondere für Geisteswissenschaftler ein Problem. Für sie gebe es auf dem Arbeitsmarkt nicht genügend Nachfrage: «Geisteswissenschaftler landen dann vielleicht in der Informatik. Dass ein solcher Wechsel nicht reibungslos über die Bühne geht, ist klar.»

Nur ideale Bewerber haben Chance

Einen weiteren Grund sieht Schellenbauer in der angestiegenen Gesamtarbeitslosigkeit seit der Finanzkrise 2008. «Der Abbau in der Finanzindustrie hat viele Akademiker getroffen».

Die schweizweit tätige Organisation «Beraten Netzwerken Fördern» BNF fördert die Arbeitsmarktfähigkeit hoch qualifizierter Stellensuchender. Co-Geschäftsleiterin Barbara Huser fällt auf, dass die Unternehmen sehr detaillierte Stellenprofile ausschreiben. «Die Arbeitgeber haben häufig ein Idealbild ihres künftigen Arbeitnehmers im Kopf.» Unter Umständen werde auch international rekrutiert.

Zu qualifiziert für einen Job

Ursula Renold, Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, bestätigt, dass die Arbeitgeber auf Erfahrung setzen. «Die Unternehmer sind heute weniger bereit, junge Leute ohne Erfahrung im Betrieb zum Salär eines fertig ausgebildeten Angestellten einzuarbeiten.» Renold vermutet, dass dies auch den Studienabgängern die Stellensuche erschwere.

Profis auf ihrem Gebiet sind gegen eine mühsame Stellensuche aber nicht gefeit. «Doktoranden, die in der Forschung tätig sind und die akademische Karriere nicht schaffen, haben, gerade weil sie fast überqualifiziert sind, Schwierigkeiten auf dem hiesigen Arbeitsmarkt», sagt Carla Mom, Leiterin beim BIZ Oerlikon und Laufbahnberaterin

Zuwanderer schnappen Jobs weg

Laut den Experten sind die Akademiker Opfer der Zuwanderung. Schellenbauer stellt fest, dass die Zuwanderung am ehesten die Inländer mit Hochschulbildung getroffen hat, denn viele Zuwanderer hätten einen Studienabschluss. «Sie sind primär eine Ergänzung für den Arbeitsmarkt, für Hochschulabsolventen aber auch eine Konkurrenz.»

Hoch qualifizierte Ausländer bleiben manchmal selbst auf der Strecke. «Verlieren sie ihren Job in der Schweiz und mussten nie Deutsch lernen, haben sie auf dem hiesigen Arbeitsmarkt ein Problem», sagt Mom.

Um die Zahl der arbeitssuchenden Akademiker zu reduzieren, schlägt Schellenbauer Studienwahllektionen in Gymnasien vor. «Erzählen Hochschulabsolventen lebensnah von Studium und Karriere, werden mehr Gymnasiasten merken, dass man neben den persönlichen Interessen auch die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt gewichten sollte.»

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