Aktualisiert 21.05.2013 14:59

Palästinenser-IkoneWer tötete Mohammed – wenn überhaupt?

Der Tod eines zwölfjährigen Palästinensers vor laufender Kamera wurde vor 13 Jahren zum Symbol der zweiten Intifada. Israel weist nun in einem Bericht jegliche Schuld an dem Vorfall zurück.

von
pbl

Die Aufnahmen gingen um die Welt: Jamal al-Dura und sein zwölfjähriger Sohn Mohammed gerieten am 30. September 2000 im Gazastreifen in einen Schusswechsel zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Sicherheitskräften. Ein Kameramann des Fernsehsenders France 2 filmte den Vorfall. Laut dem Bericht des Korrespondenten Charles Enderlin kam Mohammed al-Dura bei dem Feuergefecht ums Leben. Er und sein Vater seien «von der israelischen Stellung aus beschossen worden».

Die Bilder des jämmerlich weinenden und augenscheinlich in den Armen seines Vaters sterbenden Jungen spielten eine wichtige Rolle beim medialen Schlagabtausch zwischen Palästinensern und Israelis zu Beginn der Zweiten Intifada, des Aufstands der Palästinenser. An einer emotionalen öffentlichen Beisetzung wurde Mohammed al-Dura als Märtyrer gefeiert. Die israelische Armee äusserte eine Entschuldigung für den Tod des Zwölfjährigen, zog diese jedoch wieder zurück, nachdem Zweifel an der Darstellung von France 2 aufgekommen waren.

Nicht von Kugeln getroffen?

Seither schwelt die Kontroverse um die ikonenhaften Bilder. Nun hat eine israelische Untersuchungskommission eine Mitverantwortung an Mohammeds Tod zurückgewiesen. Der Bericht von France 2 sei «substanzlos», heisst es in einer Analyse des Ministeriums für internationale Beziehungen. Darin ist von «zahlreichen Hinweisen» die Rede, dass weder der Junge noch sein Vater Jamal überhaupt von Kugeln getroffen worden seien. Ballistischen Untersuchungen zufolge sei es auch «extrem zweifelhaft», dass Einschusslöcher in der gefilmten Umgebung von israelischen Soldaten verursacht wurden.

Bereits zuvor hatten verschiedene Medien den Vorfall im Gazastreifen rekonstruiert und analysiert. Sie stiessen auf verschiedene Ungereimtheiten. Demnach hat France 2 Filmszenen herausgeschnitten, auf denen Mohammed al-Dura lebend zu sehen sei. Das ungeschnittene Originalmaterial zeige, dass der Junge «seinen Arm bewegt und seinen Kopf dreht», heisst es im israelischen Bericht (siehe Video). Auch ein französisches Gericht war 2008 zum Schluss gekommen, dass einzelne Szenen des Fernsehberichts «nicht echt» wirkten.

Unabhängige Untersuchung verlangt

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der den rund 40-seitigen Bericht in Auftrag gegeben hatte, sprach von einem «Sieg der Wahrheit über die Lügen». «Dies ist ein Beleg für die anhaltende, verleumderische Kampagne zur Delegitimierung Israels», sagte er. Der Ruf seines Landes sei durch die Reportage zu unrecht beschädigt worden. Der France-2-Journalist Charles Enderlin hingegen sagte der Nachrichtenagentur AFP, er sei jederzeit bereit zu einer unabhängigen öffentlichen Überprüfung des Falls nach internationalen Standards.

Auch Jamal al-Dura sprach sich für eine solche Lösung aus. Der israelische Bericht sei «komplett gefälscht». «Die Israelis lügen und versuchen, die Wahrheit zu verschleiern», sagte er. Er sei bereit, den Körper seines Sohnes exhumieren zu lassen, um zu beweisen, dass er durch israelische Kugeln getötet worden sei. Charles Enderlin sicherte ihm dabei laut «Jerusalem Post» die Unterstützung seines Senders zu, inklusive möglichen DNA-Test. Das letzte Kapitel im Fall Mohammed al-Dura dürfte noch lange nicht geschrieben sein. (pbl/sda)

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