20.03.2020 08:57

Welt in Zeiten von Corona

Wer unternimmt was gegen die Ausbreitung?

Globaler Kampf gegen das Virus: In Spanien kommen Drohnen zum Einsatz, in Israel Überwachungstechnologie, die eigentlich in der Terrorabwehr genutzt wird.

von
gux

Trendet derzeit in Grossbritannien: Eine Szene der politischen Satiresendung «Yes, Minister» (Quelle: Twitter) soll den Umgang der Regierungen im Kampf gegen das Coronavirus veranschaulichen.

8600 Menschen sind bislang dem Coronavirus weltweit zum Opfer gefallen. Mittlerweile verzeichnet Italien sogar mehr Todesfälle als China, und die Entwicklungsdynamik in zentraleuropäischen Ländern wie Spanien, Österreich, Deutschland und der Schweiz, aber auch in den USA gibt laut Spiegel.de Anlass zur Sorge. Ein – unvollständiger – Überblick zu den Massnahmen, die die Nationen im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie bislang getroffen haben.

ÖSTERREICH: Nur fünf Personen aufs Mal

Österreich hat die Bewegungsfreiheit der Bürger seit Wochenbeginn stark eingeschränkt. Einzig Supermärkte und Apotheken sind geöffnet. Draussen sollen sich nicht mehr als fünf Menschen gleichzeitig am selben Ort aufhalten, die Polizei überwacht dies unter Androhung von hohen Bussgeldern. Die Massnahmen sind zunächst auf eine Woche befristet.

DEUTSCHLAND: Keine allgemeine Ausgangssperre

Fast alle Bundesländer haben ihre Schulen und Kitas geschlossen, und auch Läden, Kirchen, Restaurants, Bars und Clubs bleiben zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Mittwoch in einer TV-Ansprache eindringlich an die Disziplin der Bürger appelliert, sich an die Regeln und Einschränkungen zu halten. Eine allgemeine Ausgangssperre hatte sie nicht verkündet.

ITALIEN: Ausgangssperre bis in April hinein

Im am stärksten betroffenen Land Europas dürfen die Menschen ihre Wohnungen nur verlassen, um das Allernotwendigste zu erledigen. Fast alle Läden mit Ausnahme jener zur Grundversorgung sind geschlossen, Bars und Restaurants sowieso. Soeben hat die Regierung beschlossen, die verhängte Ausgangssperre über den 3. April hinaus zu verlängern. Es sei unvermeidbar, die bisher beschlossenen Massnahmen fortzuführen, sagte Ministerpräsident Giuseppe Conte. Dazu gehört auch die Schliessung von Schulen und Unternehmen. In Italien gelten landesweit massive Beschränkungen der Reise- und Versammlungsfreiheit, die bislang bis zum 3. April dauern sollten.

Zusätzliche Verbote sollen laut Conte nicht verhängt werden - die Befolgung der bestehenden Regeln würde aber streng beobachtet. Am Mittwoch vermeldete Italien, dass 457 Menschen in nur einem Tag verstarben.

SPANIEN: Drohnen überwachen Ausgangssperre

Spanien ist eines der am schlimmsten betroffenen Länder weltweit: Hinter China, Italien und dem Iran ist es das Land mit den viertmeisten Fällen. Seit Sonntag gilt die nationale Ausgangssperre. Damit diese eingehalten wird, setzt die Polizei auch Drohnen ein. Die Menschen dürfen nur noch aus dem Haus, um Lebensmittel einzukaufen oder zur Apotheke, zum Arzt und zur Arbeit zu gehen. Trotz der Ausgangssperre schnellten die Infektionszahlen zuletzt weiter hoch. Am Donnerstag meldete Spanien einen Anstieg der Todesfälle um 169 auf 767 (28%) in innerhalb von 24 Stunden. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen stieg von 3431 auf 17'147.

FRANKREICH: Armee transportiert Kranke

In Frankreich gilt seit Dienstag eine 15-tägige Ausgangssperre, die verlängert werden könnte. Franzosen müssen ein offizielles Schreiben auf sich tragen, das erklärt, wieso sie nicht zu Hause sind. Mehr als 100'000 Sicherheitskräfte überwachen die Ausgangssperre. Bei Verstössen gibt es eine Busse von 38 Euro. Sie könnte aber bald auf 135 Euro erhöht werden. Die Armee soll Kranke aus stark betroffenen Regionen verlagern, um die dortigen Krankenhäuser zu entlasten.

NIEDERLANDE: Klarstellung zur «Gruppenimmunität»

Zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben nun auch die Niederlande ein faktisches Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger angeordnet. Es gelte ab gestern Donnerstag 18 Uhr für zunächst 30 Tage. Bislang sind Kabinett und eine grosse Mehrheit der Abgeordneten gegen eine totale Ausgangssperre. Ministerpräsident Mark Rutte stellte zudem klar, seine Äusserungen über die Möglichkeit der Erlangung einer «Gruppenimmunität» durch eine grössere Zahl von Infektionen seien missverstanden worden. Immunität durch Ansteckungen sei nicht das Ziel, sondern lediglich ein normaler Nebeneffekt.

Die Massnahmen der Niederlande im Kampf gegen das Virus seien beinahe genauso streng wie in Frankreich oder Belgien, sagte der Ministerpräsident. Dort sind aber Ausgangssperren verfügt worden.

BELGIEN: Nur Senioren dürfen vor 9 Uhr einkaufen

In Belgien herrscht seit diesem Mittwoch Ausnahmezustand: Bis in den April hinein gilt eine landesweite Ausgangssperre. Nur «unverzichtbare» Läden sind geöffnet. Der öffentliche Verkehr fährt noch, nach draussen darf man allerdings höchstens zu zweit gehen. In Belgien, aber auch in Irland, Grossbritannien oder Norwegen werden Senioren zudem beim Einkaufen unterstützt: Die belgische Supermarktkette Delhaize lässt seit Dienstag zwischen 8 und 9 Uhr morgens bevorzugt Menschen im Alter von über 65 Jahren einkaufen. Ausserdem wird pro 15 Quadratmeter Ladenfläche nur ein Kunde hereingelassen. Andere Kunden würden gebeten, erst nach 9 Uhr ihre Einkäufe zu erledigen. Seit Montag arbeiten die etwa 32'000 Mitarbeiter der EU-Kommission in Brüssel von zu Hause aus. Zum ersten Mal in der Geschichte der EU wurde zudem die monatliche Sitzungswoche in Strassburg abgesagt.

GROSSBRITANNIEN: Zurückhaltend bei Massnahmen

Die Zahl der Todesopfer in Grossbritannien stieg am Mittwoch auf 104. Am Dienstag hatte die Regierung 71 Todesfälle und 2626 bestätigte Infektionen gemeldet. Am Mittwoch wurden landesweit die Schulen geschlossen. Premierminister Boris Johnson wollte darauf noch am Montag verzichten. Er rief dazu auf, unnötige soziale Kontakte, Reisen oder den Besuch von Massenveranstaltungen zu vermeiden. Der öffentliche Verkehr wird eingeschränkt. Die Regierung will mit kleineren Schritten verhindern, dass der Ausbruch zu stark unterdrückt wird und in der Grippesaison im Herbst zurückkehrt. Die Zurückhaltung seitens der Regierung ruft auf der Insel auch Kritik und Spott hervor. Nicht umsonst trendet seit Tagen ein Ausschnitt aus einer politischen Satire-Serie der 80er-Jahre (siehe Video oben).

TÜRKEI: Freitagsgebete untersagt

Die Türkei schliesst seit Mittwoch ihre Grenzen zu den EU-Ländern Griechenland und Bulgarien. Der Flugverkehr von und nach Europa ist eingestellt, Schulen setzen den Unterricht aus, seit dem 17. März sind auch alle öffentlichen Erholungs- und Vergnügungsorte geschlossen. Freitagsgebete sowie gemeinschaftliches Beten sind landesweit untersagt. In der Türkei sind nach offiziellen Angaben bislang 191 Menschen positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden (Stand Donnerstag). Nicht wenige Stimmen behaupten, dass die Dunkelziffer in Wirklichkeit höher liegen dürfte.

IRAN: Keine Reiseverbote

Iran ist nach China und Italien mit am stärksten vom Coronavirus betroffen. Offiziellen Angaben zufolge sind 17'361 Menschen infiziert, mehr als 1100 sind gestorben (Stand Mittwoch). Laut der WHO sollen die Zahlen sogar fünfmal so hoch sein. Es gibt noch immer keine Reiseverbote. Berichten zufolge soll aber die Polizei Autobahnen und Landstrassen sperren, um Reisen in Provinzen zu verhindern. Die Menschen sollen daheimbleiben, so der Aufruf der Regierung. Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Feierlichkeiten zum traditionellen Feuerfest «Tschahar Schanbe Suri» verboten. Als die Corona-Epidemie im Februar ausbrach, vertuschten oder verharmlosten iranische Behörden die Situation: Der stellvertretende Gesundheitsminister spielte in einer Pressekonferenz Ende Februar die Lage herunter. Am nächsten Tag gab er bekannt, dass er selbst mit dem Coronavirus infiziert sei. Mittlerweile hat der Ton geändert: «Alle zehn Minuten stirbt im Iran ein Mensch am Coronavirus und 50 stecken sich damit an», teilt jetzt das Gesundheitsministerium auf Twitter mit.

ISRAEL: Handyortung und -überwachung

Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, kommt in Israel Überwachungstechnologie zum Einsatz, die sonst für die Terrorbekämpfung genutzt wird. Handys von Kranken und Verdachtsfällen werden laut Medienberichten geortet, um verordnete häusliche Quarantäne zu überwachen. Über die Standortdaten der Handys sollen zudem Menschen identifiziert werden, die möglicherweise mit Kranken in Kontakt standen. Diese könnten dann direkt über ihre Handys informiert und dazu aufgerufen werden, sich in Heimquarantäne zu begeben oder sich testen zu lassen.

RUSSLAND: Gesichtserkennungskameras

In Russland kommen die Massnahmen nur schleppend in Gang. Der Grund: Offiziell gibt es «nur» 114 bestätigte Corona-Fälle. Tatsächlich dürfte die Zahl deutlich höher sein. Lange wurden Reisende am Flughafen kontrolliert und mussten in Quarantäne. Ansonsten herrschte weitgehend Normalbetrieb. Seit Mittwoch wurden nun aber sämtliche Grenzen für Ausländer geschlossen, ab kommendem Montag landesweit auch die Schulen. Besucher von Restaurants sollen einen Mindestabstand einhalten. In Moskau kommen Gesichtserkennungskameras zum Einsatz, die Verstösse gegen die «Selbstisolation» und Quarantäne ahnden.

CHINA: Minime Lockerungen

In Wuhan, dem Zentrum des Ausbruchs, sitzen die Menschen seit sechs Wochen zu Hause. Vereinzelt dürfen sie auf die Strasse, und wenige Läden sind wieder geöffnet. Auch in Städten wie Peking und Shanghai harren Hunderttausende in Quarantäne aus. Die Zahl der bestätigten Infektionen stieg laut den offiziellen Angaben auf 80'928, insgesamt starben bislang mindestens 3245 Personen. China meldet aber, dass erstmals seit Veröffentlichung der offiziellen Statistiken im Land kein neuer Fall von Ansteckung registriert worden sei. Allerdings wurden 34 neue Corona-Patienten verzeichnet, die sich im Ausland angesteckt haben sollen. Dies nährt die Sorge, dass solch «importierte Ansteckungen» eine zweite Welle Infektionswelle lostreten könnten.

ASIATISCHE LÄNDER: Angst vor zweiter Welle

In Südkorea, Singapur oder Hongkong setzte man früh rigide Massnahmen durch – Tracking der Infektionen, grossflächige Tests und schnelle Isolation – und brachte so die einheimischen Krankheitsfälle relativ rasch unter Kontrolle. Jetzt aber meldet etwa Singapur 47 neue Krankheitsfälle, von denen 30 heimkehrende Singapurer waren. Auch Südkorea, Hongkong und Taiwan verzeichnen diese Woche neue Krankheitsfälle durch Rückkehrer.

Die Behörden befürchten, dass die Zunahme von Ansteckungen im Ausland eine zweite Ansteckungswelle daheim lostreten und die Fortschritte zunichtemachen könnten.

AUSTRALIEN und NEUSEELAND: Grenzen ab heute zu

Australien und Neuseeland schliessen seit gestern Donnerstag ihre Grenzen. Ausgenommen von dem Einreiseverbot seien in beiden Ländern die eigenen Bürger und Menschen mit dauerhaftem Wohnsitz.

USA: Keine landesweite Ausgangssperre

Vorübergehend schliessen die USA ihre gemeinsame Grenze mit Kanada für «nicht unbedingt notwendigen Verkehr». Auch haben die USA ihre Grenzen für Einreisen aus Europa geschlossen. Nur Amerikaner und Personen mit einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis (Green Card) und deren Angehörige dürfen in die USA zurück. Sie müssen sich einer Gesundheitskontrolle unterziehen und sind aufgerufen, sich in eine 14-tägige Selbstquarantäne zu begeben. Eine nationale Ausgangssperre gibt es keine. Über weitere konkrete Massnahmen entscheiden die Einzelstaaten in den USA selbst. So schliesst etwa Nevada in Las Vegas neben Malls, Restaurants, Kinos und Bars auch alle Kasinos für 30 Tage.

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