Opfer leiden: Wer vom Blitz getroffen wird, bleibt gezeichnet
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Opfer leidenWer vom Blitz getroffen wird, bleibt gezeichnet

Margrith Z. aus Niederhasli hatte Glück: Sie überlebte einen Blitzschlag. Doch die 64-Jährige ist müde und traurig - typische Symptome von Blitzschlagopfern.

von
A. Hirschberg

Scheinbar unbeschadet hat Margrith Z. aus Niederhasli ZH am Samstagabend einen Blitzschlag überstanden. «Ich wollte wegen des Unwetters die Kühe von der Weide holen und hatte den Draht des Weidezauns in der Hand, als der Blitz einschlug», erzählt sie am Montag 20 Minuten Online. Im ersten Moment dachte sie, der Draht stehe unter Strom. «Dabei war es einfach der Blitz», so Margrith Z. Sie ist glücklich, den Blitzeinschlag unbeschadet überstanden zu haben.

In Deutschland waren nur einen Tag zuvor drei Frauen auf einem Golfplatz durch Blitzschlag gestorben. Ein Wunder ist das Überleben von Margrith Z. dennoch nicht: «Lediglich zehn Prozent sterben unmittelbar durch den Stromstoss», erklärt Berthold Schalke, Professor für Neurologie an der Uniklinik im deutschen Regensburg. In seiner Arbeitsgruppe für Blitzschlagverletzte hat er schon unzählige Patienten untersucht. Die grösste Gefahr bestehe, wenn der Blitz direkt in die Person einschlägt.

Die Fettschicht unter der Haut schützt den Körper

Weitaus häufiger würden Personen aber indirekt vom Blitz getroffen: «Der Blitz schlägt in der Nähe in den Boden, einen Baum, Mast oder das Wasser ein und verbreitet sich von dort aus weiter», so Schalke. Auch dann bekommt der Betroffene einen gewaltigen Stromstoss ab, der lebensgefährlich ist. Dennoch ist die Kraft des Blitzes bei indirekten Einschlägen vermindert, weil der Strom schon Widerstand überwinden musste und so schwächer wurde.

Blitz und Donner

«Ausserdem schützt der Körper sich selbst dank der Fettschicht unter der Haut gut», fügt Schalke an. Blitzschlagopfer erleiden darum oft Verbrennungen an der Haut oder Brüche, wenn sie weggeschleudert werden. Andere überstehen den Blitzeinschlag scheinbar unbeschadet – wie Margrith Z. Doch oft trügt der Schein.

Die feinen Nervenenden werden geschädigt

Die 64-Jährige hat das Ereignis gezeichnet. «Im Moment geht es mir nicht so gut, ich fühle mich niedergeschlagen, kraftlos und mein ganzer Körper kribbelt», sagt sie. Was die Bäuerin einfach als Nachwehen des Schocks abtut, sind gemäss Berthold Schalke typische Folgesymptome eines Blitzschlages.

Gemäss einer noch nicht publizierten Studie seiner Arbeitsgruppe werden durch einen Blitzeinschlag unter anderem die feinen Nervenfasern geschädigt. «Die grossen Nervenbahnen für Bewegungsapparat oder Tastsinn sind geschützt und funktionieren, geschädigte werden nur die feinen Enden. Darum scheinen die Symptome für Aussenstehende psychischer Natur zu sein», so Schalke. Mit gezielten Tests könne man die Schädigung aber nachweisen.

Manche werden arbeitsunfähig

Doch nicht nur die feinen Nerven sind bei Blitzschlagopfern betroffen. Auch im Hirn kann ein Blitzeinschlag Schaden anrichten. «Über die Augen, die Ohren und den Mund kann der Strom eindringen und ganze Hirnregionen beeinträchtigen», so Schalke. Viele Blitzschlagopfer hätten darum sogenannte neuropsychologisch-kognitive Defizite. «Sie können sich nicht mehr konzentrieren, vergessen vieles, sind depressiv, müde oder schlafen schlecht», so Berthold Schalke. Bei Manchen ist das so gravierend, dass sie nicht mehr arbeiten können.

Er empfiehlt Opfern von Blitzschlägen darum, sich mit ihren Beschwerden an einen Spezialisten zu wenden. «Ist eine Hirnregion geschädigt, kann man unter Umständen mit gezielten neurologischen Therapien Verbesserungen erzielen.»

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