Mindestlohn-Debatte: «Wer zu wenig verdient, soll neue Stelle suchen»

Aktualisiert

Mindestlohn-Debatte«Wer zu wenig verdient, soll neue Stelle suchen»

Mindestlöhne hätten in einer staatlichen Regelung nichts zu suchen, sagt Migros-Chef Herbert Bolliger im Interview. Der guten Stimmung im Detailhandel traut er nicht richtig.

von
S. Spaeth
Bei den Markenartikeln zahle die Migros im Einkauf oft mehr, als der Artikel im deutschen Drogeriemarkt im Endverkauf koste, so Migros-Chef Herbert Bolliger. «Die Markenartikelhersteller spielen ihre Macht aus.»

Bei den Markenartikeln zahle die Migros im Einkauf oft mehr, als der Artikel im deutschen Drogeriemarkt im Endverkauf koste, so Migros-Chef Herbert Bolliger. «Die Markenartikelhersteller spielen ihre Macht aus.»

Herr Bolliger, bald stimmt die Schweiz über die Mindestlohninitiative ab. Was halten Sie von Mindestlöhnen?

Mindestlöhne sind klar eine Angelegenheit jeder einzelnen Branche. Sie haben in einer staatlichen Regelung nichts zu suchen. Man sollte sich innerhalb der Branche auf eine Brandbreite einigen und die Lohnniveaus nach Regionen unterscheiden. Es ist nicht sinnvoll, die ganze Schweiz über eine Leiste zu schlagen. Die Kaufkraft ist nicht überall gleich.

Dann werden Sie ein Nein einlegen.

Ja, selbstverständlich.

Mit einem Cheflohn lässt sich das leicht sagen. Wie erklären Sie das einer Floristin oder einer Kleiderverkäuferin, die nur rund 3000 Franken verdienen?

Auch eine Kleiderverkäuferin hat sehr viele Alternativen im Markt. Es gibt hierzulande glücklicherweise prozentual nicht sehr viele Arbeitslose und viele offene Stellen. Hätte ich das Gefühl, ich würde zu wenig verdienen, würde ich zuerst das Gespräch mit meinem Vorgesetzten suchen. Wer zu wenig verdient, sollte sich eine neue Stelle suchen.

Was würde ein Ja zur Initiative für die Migros bedeuten?

Die Forderung des Gewerkschaftsbundes ist ein Minimallohn von 22 Franken pro Stunde oder zwölfmal 4000 Franken. Geteilt durch 13 gibt das ein Minimum von knapp 3700 Franken im Monat. Mit dem aktuellen Migros-Mindestlohn von 3800 Franken erfüllen wir diese Forderung bereits klar. Ein Ja zur Initiative hätte für uns keine Konsequenzen.

Der Durchschnittslohn aller Migros-Angestellten ist 2013 leicht zurückgegangen. Wie erklären Sie das?

Das hängt mit der Expansion in Deutschland zusammen, beispielsweise mit der Übernahme des deutschen Detailhändlers Tegut. Unser Personalbestand ist dadurch im letzten Jahr um über 7 Prozent gestiegen. Das Lohnniveau ist in Deutschland deutlich tiefer, wobei dort auch das Preisniveau halb so hoch ist wie in der Schweiz. In der Schweiz haben wir in den letzten drei Jahren die Reallöhne jeweils um 1 Prozent erhöht.

Ihre Konkurrenten haben die Erhöhung ihrer Mindestlöhne als PR-Aktionen ausgeschlachtet. Stört Sie das?

Diese Konkurrenten haben vermutlich Probleme, gute Mitarbeiter zu finden. Das haben wir nicht. Angestellte können aber gut unterscheiden, was reiner Lohn ist und was an Sozial- und Zusatzleistungen dazukommt. Für Mitarbeitende, die sich nicht von der reinen Lohnsumme blenden lassen und das Gesamtpaket anschauen, sind wir mit unseren überdurchschnittlichen Sozialleistungen ein attraktiver Arbeitgeber.

Der Einkaufstourismus ist in den Medien nicht mehr so präsent. Wie stark macht die Thematik der Migros noch Sorgen?

Laut Zahlen der GFK-Marktforscher hat der gezielte Einkaufstourismus auch letztes Jahr noch leicht zugenommen. Zum Glück aber nicht mehr so stark wie in den vorangegangenen Perioden. Das gesamte Volumen ist aber riesig und beläuft sich auf rund 10 Milliarden Franken, was 10 Prozent des Schweizer Detailhandelsumsatzes ausmacht. Das ist für die Schweizer Volkswirtschaft ungesund.

In welchen Bereichen sind die Preise im Vergleich zum Ausland noch zu hoch?

Ein Teil des Preisunterschiedes ist politisch gewollt, beispielsweise in der Landwirtschaft. Hier schützt die Schweiz mit Zöllen die einheimische Produktion. Wenn man die Preisabstände insgesamt anschaut, haben wir in zwei Bereichen europäisches Preisniveau: bei der Elektronik und bei den Einrichtungsgegenständen. Gross sind die Differenzen noch immer bei den Markenartikeln. Hier zahlt die Migros im Einkauf oft mehr, als der Artikel in Deutschland im Drogeriemarkt im Endverkauf kostet. Die Markenartikelhersteller spielen ihre Macht aus.

Bei diesen grossen Preisunterschieden: Verstehen Sie es, wenn ein Basler statt zur Migros nach Lörrach in den Marktkauf fährt?

Ich kann es nachvollziehen, wenn es um Kosmetik geht. Nicht nachvollziehen kann ich die Haltung der Einkaufstouristen, wenn es um Fleisch geht, beispielsweise um Geflügelprodukte. Da vergessen die Konsumenten plötzlich den Tierschutz.

Für das laufende Jahr sind die Aussichten für den Detailhandel ausgezeichnet. Zu gut?

Meine Erfahrung sagt, dass es so schön nicht bleiben kann. Irgendwo wird eine rote Warnlampe angehen. Die Erfolgswelle von ausgezeichneter Konsumentenstimmung und guten Umsätzen wird immer wieder von Faktoren beeinflusst, die wir nicht steuern können, beispielsweise Naturkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen. Wir wissen beispielsweise nicht, ob sich der russische Präsident Wladimir Putin beruhigt oder die Situation eskaliert.

Wie sehr beschäftigt Sie das Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative?

Sorgen macht uns die Initiative noch nicht. Der Bundesrat wird jetzt schauen, wie er sie umsetzen will. Schwierig wäre es, wenn es zu Einschränkungen für Grenzgänger käme. Sie sind in den Regionen Basel und Genf für uns sehr wichtige Angestellte. Klar ist: Die Migros hat von der Zuwanderung stets profitiert.

Migros-Gewinn steigt auf fast 771 Millionen Franken

Die Migros-Gruppe ist 2013 weiter gewachsen und hat auch mehr verdient. Der Gewinn stieg um 6,4 Prozent auf 770,9 Millionen Franken, der Umsatz kletterte um 7 Prozent auf 26,737 Milliarden. Gewachsen ist auch der Personalbestand: Die Zahl der Angestellten nahm um 6815 auf 94'276 zu. Hauptgrund ist die Übernahme des deutschen Bio-Spezialisten Tegut. Der Detailumsatz der Gruppe stieg dank dieser Übernahme um 7,2 Prozent auf 22,9 Milliarden Franken. Ohne Tegut hätte das Plus 1,6 Prozent betragen.

Für 2014 ist die Migros zuversichtlich. Konzernchef Herbert Bolliger geht von einem Umsatzplus von 3 bis 4 Prozent aus, wozu der übernommene Ferienhaus-Vermittler Inter Chalet und die Modekette Schild beitragen. Auch werden die Preise kaum noch sinken. In den Supermärkten bleiben die Preise im laufenden Jahr tendenziell stabil, sagte Bolliger an der Jahresmedienkonferenz. Hingegen dürften die Preise für Früchte und Gemüse aufgrund der guten Ernteaussichten unter Druck geraten. Nochmals billiger werden voraussichtlich im Schnitt auch die Nicht-Nahrungsmittel, insbesondere die Sortimente der Fachmärkte. (sda)

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