Smartphone-Sucht: «Wer zuerst zum Handy greift, zahlt eine Runde»
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Smartphone-Sucht«Wer zuerst zum Handy greift, zahlt eine Runde»

Jugendliche wollen im Ausgang nicht mehr am Smartphone hängen – und greifen zu unkonventionellen Mitteln.

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lz
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Das Bierglas bleibt unberührt und das Gespräch will nicht so richtig in Fahrt kommen. Nein, es ist kein schlechtes Tinder-Date, sondern ein Abend unter Freunden, bei dem alle nur auf ihr Smartphone starren.

Das Bierglas bleibt unberührt und das Gespräch will nicht so richtig in Fahrt kommen. Nein, es ist kein schlechtes Tinder-Date, sondern ein Abend unter Freunden, bei dem alle nur auf ihr Smartphone starren.

colourbox/ lev Dolgachov
«Man merkt ja leider auch selber, dass man immer abhängiger vom Smartphone wird und es auch während eines lustigen Abends nicht mehr in der Tasche lassen kann», sagt der 22-jährige Noah Wechsler* aus Luzern. Durch die permanente Ablenkung seien die Gespräche oft oberflächlich geblieben.*Name geändert

«Man merkt ja leider auch selber, dass man immer abhängiger vom Smartphone wird und es auch während eines lustigen Abends nicht mehr in der Tasche lassen kann», sagt der 22-jährige Noah Wechsler* aus Luzern. Durch die permanente Ablenkung seien die Gespräche oft oberflächlich geblieben.*Name geändert

Keystone/Gaetan Bally
Diese Situation im Ausgang begann ihn und seine Kollegen zunehmend zu nerven. Sie haben darum auf eine kreative Lösung zurückgegriffen: Am Beginn des Abend legen alle ihr Handy in die Mitte des Tischen. Wer zuerst aufgibt und nach seinem Handy greift, der muss dem Tisch eine Runde ausgeben.

Diese Situation im Ausgang begann ihn und seine Kollegen zunehmend zu nerven. Sie haben darum auf eine kreative Lösung zurückgegriffen: Am Beginn des Abend legen alle ihr Handy in die Mitte des Tischen. Wer zuerst aufgibt und nach seinem Handy greift, der muss dem Tisch eine Runde ausgeben.

epa/Christian Bruna

Das Bierglas bleibt unberührt und das Gespräch will nicht so richtig in Fahrt kommen. Nein, es ist kein schlechtes Tinder-Date, sondern ein Abend unter Freunden, bei dem alle nur auf ihr Smartphone starren. «Da spricht man über Whatsapp oder Facebook mit der ganzen Welt, aber nicht mehr miteinander», sagt der 22-jährige Noah Wechsler* aus Luzern. «Man merkt ja leider auch selber, dass man sogar während eines lustigen Abends das Smartphone nicht mehr in der Tasche lassen kann.» Vor allem die Frischverliebten klebten immer am Handy.

Durch die permanente Ablenkung seien die Gespräche oft oberflächlich geblieben: «Es fehlte der Tiefgang, weil Nachrichten auf dem Handy attraktiver schienen als das, was der Kollege zu erzählen hatte.» Diese Situation im Ausgang begann ihn und seine Kollegen zunehmend zu nerven. «Wir begannen um ein Bier zu wetten, dass man das Handy nicht liegen lassen kann, wenn das Schätzeli wieder anruft», schmunzelt er. Inzwischen legen alle zu Beginn des Abends ihr Handy in die Mitte des Tisches. «Wer zuerst aufgibt und nach seinem Handy greift, der muss eine Runde zahlen.»

«Smartphone gibt auch Gesprächsstoff»

«Dank dem Smartphoneverzicht sind wieder näher zusammengerückt», sagt Wechsler. Dennoch sei das Smartphone nicht zu verteufeln: «Es bietet auch Möglichkeiten, Gesprächsstoff auszutauschen, indem man sich einen Artikel oder ein Video zeigt.»

Im Ausgang würde die Smartphone-Regel besonders in grösseren Gruppen helfen, alle beim Gespräch zu halten. «Wenn man mit sechs Personen an einem Tisch sitzt, ist die Versuchung sonst gross, sich aus dem Gespräch auszuklinken und das Telefon rauszuholen», sagt Wechsler. Es sei auch eine Methode, sich von anderen im Ausgang abzugrenzen. «Je nachdem, in welche Bar oder welchen Club man geht, kann es gut sein, dass man zu den Einzigen gehört, die sich nicht mit ihren Handys beschäftigen.»

Smartphone-Verzicht als kleine Rebellion

Das beobachtet auch Familientherapeut und Mediator Jürgen Feigel. Für Jugendliche böte sich mit dem Smartphone-Verzicht auch eine Möglichkeit, sich voneinander abzugrenzen. «Wer sein Handy im Ausgang in die Mitte des Tisches legt, der verzichtet demonstrativ darauf. Das ist eine Art kleine Rebellion, die einen von der Masse der Handy-Zombies abhebt.»

Die Jungen würden in der Gruppe langsam merken, wenn ihr Smartphone-Konsum ihnen in der Freizeit den Spass nimmt, und würden ihn dann zusammen auf spielerische Weise regulieren. So würden manche Jugendliche auch eine ähnliche Challenge via Guppenchat veranstalten. «Jeder darf einmal etwas reinschreiben, und dann muss man offline bleiben. Da man im Chat nachschauen kann, wann jemand online war, sieht man sofort, wer verloren hat.» Unter Gleichaltrigen funktionieren solche Regulierungen oft besser, als wenn Eltern das Handy wegnehmen wollen, so Feigel.

Laut Feigel sind junge Menschen zum Teil stärker für die «Smartphone-Sucht» sensibilisiert und nehmen somit auch positiv Einfluss aufeinander. Erwachsene würden heutzutage ebenfalls oft übermässig am Smartphone hängen. «Im Gegensatz zu Jugendlichen lassen sich die Eltern meist von niemandem sagen, sie verbrächten zu viel Zeit am Handy.» Zwischen Ehepaaren entstünden auch oft Konflikte wegen übermässigen Smartphone-Gebrauchs. «Das soll natürlich nicht bedeuten, dass Eltern nicht auf den Smartphone Konsum Jugendlicher achten und Grenzen setzen müssen, wenn es notwendig wird», sagt Feigel.

*Name geändert

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