Aktualisiert 30.06.2014 16:21

Diego Benaglio«Werde die Hymne mit Inbrunst singen»

Wie laut müssen die Schweizer Nati-Spieler die Landeshymne mitsingen? Diese Frage wird zur Fussball-WM in Brasilien wieder leidenschaftlich diskutiert.

von
S. Compagno und E. Tedesco, São Paulo

Liesse sich Nationalstolz in Dezibel messen, der Sieger stünde schon fest: So inbrünstig wie die Brasilianer singt kein WM-Teilnehmer die Landeshymne. An der WM 1990 in Italien hatte der damalige Teamchef Franz Beckenbauer gar eine Singpflicht für die deutsche Elf verfügt. «So wurden wir Weltmeister», sagte der Kaiser einst zu seiner Massnahme. Doch hat die Sangeskunst einer Nationalmannschaft wirklich Auswirkungen auf den sportlichen Erfolg? Spätestens 2010 war die Antwort allen klar: Spanien holte den Titel, ein Land, dessen Hymne «Marcha Real» ohne Text auskommt.

Der Schweizerpsalm hat einen Text. Er findet sich in den Kirchengesangbüchern der reformierten (Nr. 519), der katholischen (Nr. 563) und der christkatholischen Kirche (Nr. 728). An der WM in Brasilien wird er von drei Schweizern gesungen: Diego Benaglio, Fabian Schär und Gökhan Inler. Das ist gerade bei Letzterem erstaunlich, bekennt sich doch der Sohn türkischer Einwanderer zum islamischen Glauben. «Gökhan Inler lebt die Rolle des Captains mit jeder Faser seines Körpers», erklärt Peter Stadelmann, der Delegierte der Schweizer Nationalmannschaft.

Dass er dabei einen religiösen Text singt, ist kein Problem. Der Schweizerpsalm gilt als interreligiös, nicht nur Christen können sich mit ihm identifizieren. Gottesbegriffe wie der «Hocherhabene, Herrliche», der «Menschenfreundliche, Liebende», der «Unergründliche, Ewige» und der «allmächtig Waltende, Rettende» finden sich auch in den 99 Synonymen Allahs. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) hat die Hymne vor der WM mit der Mannschaft thematisiert und für fakultativ erklärt. Stadelmann hat Verständnis für Spieler, die den Mund halten: «Wir haben nun einmal Spieler mit verschiedenen Nationalitäten in unserer Mannschaft.»

Benaglio singt und ist stolz

Spieler wie Josip Drmic ist einer aus der Fraktion der Singfaulen. «Ich kenne offen gestanden nicht einmal den Text», gibt der schweizerisch-kroatische Doppelbürger unumwunden zu. «Meine Mutter hat mir schon mehrfach gesagt, ich solle die Hymne singen. Vielleicht komme ich ja mal dazu, die erste Strophe auswendig zu lernen.» Diego Benaglio ist einer, der singt. «Mich erfüllt es mit unheimlichem Stolz, für die Schweiz auf dem Platz zu stehen. Deshalb werde ich auch am Dienstag gegen Argentinien voller Inbrunst die Hymne singen», sagt der Nachfahre italienischer Einwanderer.

Dass sich der Stammtisch und Teile der Politik des Themas annehmen, ist dabei so sicher wie das Amen in der Kirche. Aktuell regt sich Roger Liebi, Präsident der Stadtzürcher SVP, öffentlich auf, namentlich über Granit Xhaka. «Spielt dieser Xhaka überhaupt mit oder denkt er an Albanien? Man sieht es halt schon bei der Nationalhymne!!!!! Keinen Stolz für das Land!!!!», twitterte der Mann vom rechten Flügel.

Dabei müssen moderne Fussballer keine Patrioten sein. Sie sind Internationalisten, gerade die Schweizer Nationalspieler, die mehr Migrationshintergrund aufweisen als alle anderen 31 WM-Teilnehmer und ihr Geld fast alle im Ausland verdienen. Man darf vielleicht wünschen, dass sie singen, verlangen kann man es nicht. Wie sagt der Nati-Delegierte Stadelmann so schön? «Ginge es darum, möglichst schön und laut zu singen, hätten wir Francine Jordi aufgeboten.»

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