Introvertierte wehren sich gegen Lärm und Stress in Grossraumbüros

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GesundheitsschädenDarum sind Grossraumbüros für Introvertierte ein Alptraum

Für introvertierte Menschen war die Rückkehr ins geteilte Büro die Hölle. Jetzt wehren sich immer mehr gegen lärmige Grossraumbüros – zu Recht, wie Arbeitspsychologinnen sagen.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Die Arbeit im Grossraumbüro kann gerade für eher introvertierte Menschen sehr anstrengend sein. 

Die Arbeit im Grossraumbüro kann gerade für eher introvertierte Menschen sehr anstrengend sein. 

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Die Folgen von zu viel Lärm und Betriebsamkeit sind oft Kopfschmerzen oder schnelles Ermüden. 

Die Folgen von zu viel Lärm und Betriebsamkeit sind oft Kopfschmerzen oder schnelles Ermüden. 

Zürichsee Zeitung
Auch dauernde Meetings und Austausch mit vielen Menschen kann für introvertierte Menschen schwierig sein. 

Auch dauernde Meetings und Austausch mit vielen Menschen kann für introvertierte Menschen schwierig sein. 

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Darum gehts

  • Auf den Homeoffice-Boom während Corona folgte die Rückkehr ins Büro, das oft mit vielen anderen Mitarbeitenden geteilt wird. 

  • Gerade für introvertierte Menschen war das teils extrem anstrengend, wie verschiedene Beiträge auf Linkedin zeigen. 

  • Menschen, die eher introvertiert sind, bereitet die Arbeit im Grossraumbüro oft deutlich mehr Mühe als extrovertierten Menschen. 

  • Eine Arbeitspsychologin und eine Organisationsentwicklerin erklären, wie den Bedürfnissen der Introvertierten besser Rechnung getragen werden kann. 

Seit der Rückkehr aus dem Homeoffice ins Büro leiden Menschen, die eher introvertiert sind. Auf Plattformen wie Linkedin teilen sie ihre Erfahrungen und wehren sich gegen Lärm, gemeinsame Aktivitäten und Mittagessen. «Es fordert viel Mut, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen, obwohl sie nicht in eine extrovertierte Arbeitswelt passen», schreibt eine junge Frau auf LinkedIn.

Auch die 20-Minuten-Community kennt das Problem. «Das dauernde Klingeln der Telefone macht mich richtig aggressiv», schreibt eine Betroffene. Weitere Erfahrungsberichte kannst du hier lesen. Andere berichten von Kopfschmerzen und viel Mühe, sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Introvertiert und extrovertiert – was ist der Unterschied?

«Extrovertierte Menschen sind typischerweise gesellig, lieben Interaktionen und gewinnen aus dem Zusammensein Energie», erklärt Arbeitspsychologin Milena Sina Wütschert. Das Gegenteilige sei bei Introvertierten der Fall: «Sie bevorzugen Ruhe, sind bedacht und im Job sehr konzentriert und eher in einer beobachtenden Rolle.» Introvertierte Menschen seien sozialen Interaktionen nicht abgeneigt, seien aber viel schneller erschöpft davon – der Firmenanlass sei also nicht unbedingt gewinnbringend für sie.

Wieso ist das gerade jetzt aktuell?

«Die heutige Arbeitswelt ist in vielerlei Hinsicht auf eher extrovertierte Menschen ausgerichtet», sagt Organisationsentwicklerin Norina Peier. Corona habe das noch verstärkt: «Die Unternehmen merkten während der Pandemie, dass das Alltagsgeschäft auch vom Homeoffice aus erstaunlich gut zu bewerkstelligen ist, Kreativität und Innovation hingegen zu kurz kommen. Deshalb haben sie in letzter Zeit wieder viel in Meetings vor Ort, Austausch-Treffen und Events investiert, um die Kollaboration zu fördern», so Peier. Es gelte nun, die richtige Balance zwischen beiden Arbeitsweisen zu finden.

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Wieso sind Grossraumbüros problematisch?

«Weil es keine Zugangs- und Verhaltenskontrolle gibt, etwa in Form einer Tür», sagt Wütschert. «Der offene Raum suggeriert, dass man für jeden verfügbar ist – dass man immer angesprochen wird, ist vor allem für introvertierte Menschen sehr schwierig.» Viele Teams ässen jeden Tag zusammen zu Mittag – eine introvertierte Person würde derweil vielleicht lieber spazieren gehen. «Dieser Rückzug ist aber heutzutage nicht mehr konform», so Wütschert. Ein zu hoher Lärmpegel oder etwa die Sicht auf Bildschirme anderer Mitarbeitenden seien wenig förderlich.

Was können Arbeitgebende tun?

«Arbeitgeber sind gefordert, Diversität zuzulassen und darauf zu vertrauen, dass ihre Mitarbeitenden am besten wissen, was sie brauchen», sagt Peier. Könne die Diversität in der Firma nicht ausgelebt werden, verliere die Unternehmung an Innovationskraft, was ein grosser Verlust sei. Die Gestaltungsmöglichkeiten für eher introvertierte Menschen seien heute aber schon vielseitiger als früher: Arbeitnehmende könnten sich beispielsweise ins Homeoffice zurückziehen und die stark digitale Kommunikation, die oft schriftlich stattfindet, liege ihnen auch besser.

Laut Wütschert könnte ein Büro-Knigge Abhilfe schaffen: «Es müssen gemeinsame Regeln erstellt und berücksichtigt werden», sagt Wütschert. Anstatt nur Begegnungszonen einzuplanen, brauche es als Gegengewicht auch Ruhezonen. Zukünftig werde laut der Arbeitspsychologin das Abgrenzungs-Management wichtig: «Wir sollten uns bei den Introvertierten eine Scheibe abschneiden», sagt sie. Das heisse, zu sich selbst zu stehen, zu wissen, was man braucht, und lernen, Nein zu sagen. «Sonst entsteht ganz schnell Erschöpfung am Arbeitsplatz.»

Es drohen gesundheitliche Schäden

Gelingt es nicht, die Bedürfnisse aller Mitarbeitenden gleichermassen zu berücksichtigen, drohen laut Wütschert gesundheitliche Schäden – sowohl für intro- als auch für extrovertierte Menschen. «Wir sollten uns bei den Introvertierten eine Scheibe abschneiden», sagt sie. Das heisse, zu sich selbst zu stehen, zu wissen, was man braucht, und lernen, Nein zu sagen. «Sonst entsteht ganz schnell Erschöpfung am Arbeitsplatz.»

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