«Live aus dem Chefbüro»-Spezial: «Für den Strom zahlen wir in der Schweiz schon seit 10 Jahren zu viel»

«Live aus dem Chefbüro»-Spezial«Für den Strom zahlen wir in der Schweiz schon seit 10 Jahren zu viel»

Gibts Preisabsprachen beim Benzin, bei Medikamenten oder beim Döner Kebab? Was unternimmt der Preisüberwacher gegen die Preiserhöhungen? Verfolge den Live-Talk mit Monsieur Prix ab 12 Uhr.

von
Fabian Pöschl
Sandro Spaeth

Deine Meinung

Donnerstag, 04.08.2022

Schluss

Damit ist der Talk vorbei. Schön warst du dabei. Preisüberwacher Stefan Meierhans verriet im Interview, dass er schon mal 20 Franken für einen Kaffee bezahlen musste. Gegen die hohen Benzinpreise will er mit einer Benzinpreis-App vorgehen, die nur die günstigsten Angebote anzeigt. Bei den hohen Medikamentenpreisen kämpfe er gegen eine mächtige Industrie, die politisch gut vernetzt sei. Bei vielen Dingen wie teuren Rasierklingen müssten die Konsumenten und Konsumentinnen ihre Muskeln spielen lassen. Er rufe nicht zum Einkaufstourismus auf, verstehe aber jeden, der aufs Geld achten müsse und im Ausland shoppen gehe. Wenn der Community auffällt, dass jemand die Inflation ausnutzt und zu hohe Preise verlangt, dann soll sie sich bei Meierhans melden. Morgen in der Zeitung findest du auch eine Zusammenfassung des Interviews. Falls du einen Vorschlag hast, wen wir als Nächstes interviewen sollen, bei Kritik und Anregungen, melde dich gerne via Mail an wirtschaft@20minuten.ch.

Schnickschnack

Karl fragt: Wie ist es möglich, dass ein Preisüberwacher bei so viel Arbeit wie im Moment, Zeit für solchen Schnickschnack wie ein Talk bei 20 Minuten hat?

«Ich habe 8 Millionen Mitarbeitende, heute war also ein Mitarbeitergespräch. Ich sage danke für die Einladung.»

20min/Ela Çelik

Persönlicher Ärger

Welcher Preis ärgert Sie persönlich am meisten?

«Als ich heute nach Zürich kam, war ich zu spät für ein Sparbillett und musste den Normalpreis zahlen, das war wirklich sehr teuer.»

TV-Preise

Wie kann es sein, dass sich der Preis für einen Fernseher mehrmals täglich um hunderte Franken ändert?

«Das ist an vielen Orten tatsächlich ein Thema. Ich sehe das problematisch. Die EU hat Handlungsbedarf erkannt und stellt gesetzliche Regelungen in Aussicht. In der Schweiz sind wir da noch nicht wahnsinnig weit. Da gibt es noch Handlungsbedarf, aber da verstehe ich ehrlich gesagt auch noch nicht genug davon. Da muss ich mich noch damit beschäftigen.»

Medikamente

Beat fragt: Medikamente sind hierzulande massiv teurer als in anderen Ländern. Wird hier einfach abgesahnt? Oder was können Sie hier tun, um den Menschen zu helfen?

«Ich habe Freude, dass wir die Medikamentenpreise in den vergangenen zehn Jahren schon um hunderte Millionen Franken senken konnten. Aber das Problem ist, dass neue Therapien am Anfang wahnsinnig teuer sind. Das ist weltweit ein Problem. Da müssen wir zusammenarbeiten, damit wir uns nicht erpressbar machen von den Pharmafirmen. Dann gibt es das Problem mit den Kosten der Generika und patentabgelaufenen Medikamente. Ich habe einen Vorschlag gemacht, um 400 Millionen Franken sparen zu können, der Bundesrat war einverstanden, der Nationalrat lehnte aber eine entsprechende Änderung ab. Die Industrie hat entsprechend Einfluss bis ins Bundeshaus. Da kämpfe ich gegen eine mächtige, politisch sehr gut vernetzte Industrie.»

20min/Carole Alkabes

10-Franken-Mineralwasser

Leser fragt: Mineralwasser kostet ein Liter 10 Franken im Restaurant. Was soll das?

«Wenn es 10 Franken kostet, sucht euch ein anderes Restaurant. Wir haben viele gute und günstige Beizen. Da hat jeder eine Eigenverantwortung. Ich war selber schuld, dass ich in den Ferien 20 Euro für den Kaffee zahlte, ich hätte vorher fragen sollen.»

Getty Images

Döner-Preis

Leser fragt: Ich finde es komisch, dass in der Schweiz beim Döner-Kebab-Preis seit jeher eine hohe Preiseinigkeit herrscht. Von Wettbewerb ist da nichts zu spüren. Da drängen die Dönerspiess-Lieferanten (Quasi-Monopol) den Döner-Kebab-Ständen doch offensichtlich den Verkaufspreis auf. Gibts das Döner-Kartell?

«Ich habe das noch nie vertieft untersucht. Auch nicht die Fleischklösse. Aber ich weiss, dass wir im Lebensmittelbereich sehr hohe Preise haben, gerade beim Fleisch. Das ist das Ergebnis der Landwirtschaftspolitik. Wir haben Zollkontingente, um die einheimische Produktion zu schützen. Das Volk hat auch mehrfach darüber abgestimmt, bald kommt die Abstimmung über die Massentierhaltung. Ich respektiere die politischen Entscheidungen, wenn die Mehrheit so abstimmt.»

imago images/Gottfried Czepluch

Rasierklingen

Michel: Ich möchte wissen, warum Rasierklingen so teuer sind. Die Dinger werden für ein paar Rappen maschinell zusammengepappt und kosten danach ein Vermögen im Laden. Da spielt doch kein richtiger Wettbewerb. Wie sehen Sie das?

«Wir haben das vor langer Zeit angeschaut. Im Ausland sind sie sehr viel günstiger. Ich rufe nicht dazu auf, im Ausland einzukaufen, aber ich kann den Ärger nachvollziehen. Nutzt den Wettbewerb und zeigt es in den Absatzzahlen, damit es die Anbieter merken. Konsumentinnen und Konsumenten müssen in Masse ihre Muskeln spielen lassen. Das nahm in der Pandemie ab, weil man nicht mehr ins Ausland konnte.»

imago images/Norbert Schmidt

Teure Netznutzung

Alex fragt: Dass bei erhöhter Nachfrage der Strompreis steigt, ist verständlich. Ich verstehe aber nicht, weshalb die Kosten für die Netznutzung ebenfalls erhöht wurden. Ist das so gerechtfertigt?

«Wir zahlen seit zehn Jahren zu viel. Wenn man daheim Strom bezieht, geht nur die Hälfte des Preises für die Energie drauf, die andere für die Nutzung des Netzes. Ich bin schon mehrfach an den Bundesrat gelangt, weil ich da knapp 200 Millionen Franken Sparpotenzial sehe. Da ist der Bundesrat verantwortlich, aber ich werde nicht locker lassen.»

20min/Matthias Spicher

Strompreise

Sebastiano fragt: Der Strom im privaten Haushalt wird teurer. Er steigt bei mir von 20 Rp. auf 46 Rp. pro Kilowattstunde. Ist das gerechtfertigt? Schauen Sie als Preisüberwacher den Stromanbietern auf die Finger?

«Ja. Aber es ist davon auszugehen, dass tatsächlich für viele der Strom massiv teurer wird. Es kommt darauf an, wie der Anbieter aufgestellt ist. Wenn er selber Strom produziert, sollten die Schwankungen nicht so gross sein. Aber diejenigen, die den Strom einkaufen, bei denen schlägt der internationale Strompreis voll durch. Eine Verdopplung ist sehr happig. Ich würde der Behörde Elkom eine Meldung machen. Die prüft die Tarife, das läuft derzeit in diesen Tagen.»

20min/Michael Scherrer

Hörgeräte

Bruno fragt, warum Hörgeräte alle gleich viel kosten?

«Es gibt einen Höchstvergütungsbeitrag von den Krankenkassen, deshalb setzen die Hersteller bei diesem Betrag an. Die Vergütung ist also falsch. Ich habe den Vorschlag für eine zentrale Beschaffung für die meistgenutzten Hörgeräte zu machen eingebracht, das braucht aber noch Zeit.»

Ersatzteile

Jack fragt: Ich habe eine Suzuki und musste 900 Franken für die Reparatur zahlen, der Kollege für einen Audi aber nur 400 Franken. Kann das sein?

«Ich rate dazu, eine Offerte zu verlangen oder bei der Stammgarage nach dem Preis zu fragen und dann im Internet zu vergleichen. Dann kann man immer noch die Notbremse ziehen, wenn es zu teuer ist. Aber Markenersatzteile sind ein anderes Thema. Ich bin mir nicht sicher, ob da der Wettbewerb spielt, das ist vielleicht auch ein Geschäftsmodell, dass es die Autos günstig gibt und dann die Ersatzteile teuer sind. Die Firmen sagten mir schon, man soll online ein Ersatzteil bestellen und das dem Garagisten bringen, um so den teuren Preisen ausweichen zu können.»

20min/Taddeo Cerletti

Lob

Jean-Claude bedankt sich für die Arbeit des Preisüberwachers.

«Danke, Jean-Claude. Ich bekomme doch auch positives Feedback, das ist mir wichtig. Die Öffentlichkeit zu informieren ist mein Job, ich will den Austausch pflegen. Manchmal kann ich nichts unternehmen, aber zumindest die Sachlage erklären. Das wird sehr geschätzt.»

Trittbrettfahrer

Stefan: Haben Sie Anzeichen, dass Firmen ihre Preise unter dem Vorwand der Inflation übermässig stark erhöhen?

«Das ist auch meine Befürchtung, dass es Trittbrettfahrer gibt. Ich habe auch den Verdacht und würde das gerne untersuchen, bis jetzt habe ich aber die Ressourcen noch nicht und möchte erst mit den Firmen sprechen. Ich will das in die Community zurückgeben. Wenn Sie das Gefühl haben, jemand ist ein Trittbrettfahrer, dann meldet das bei mir, am liebsten mit Belegen. Ihr alle seid auch meine Mitarbeiter, ihr seht mehr als ich in Bern in meiner Amtsstube.»

ÖV

Leon fragt: Was unternehmen Sie gegen die hohen ÖV-Preise?

«Ich bin ständig in Kontakt, wir haben schon mehrere Millionen gespart bis hin zu keine Zahlung mehr beim GA-Hinterlegen. Zurzeit gibt es zwei Pilotversuche in der Westschweiz für ein Homeoffice-GA, weil Homeoffice heute Realität ist. Die Angebote kommen sehr gut an. Da ist die Gesamtbranche viel zu langsam mit neuen innovativen Angeboten. Ich bin aber auf ihre Zusammenarbeit angewiesen. Wenn ich vor Gericht ginge, würde das zehn Jahre dauern, deshalb setze ich auf Gespräche mit den Verbänden. In Deutschland haben sie innerhalb von Wochen das 9-Euro-Ticket umgesetzt. Ich würde mir erwarten, dass es mehr Flexibilität gäbe.»

IMAGO/A. Friedrichs

Kontaktmöglichkeiten

Salome fragt: Wie kann man Sie als Preisüberwacher informieren, wenn man irgendwo überhöhte Preise oder Abzocke vermutet?

«Wir haben auf meiner Webseite preisueberwacher.admin.ch ein Formular, das man ausfüllen kann. Ich bekomme sehr viele Meldungen, im Vergleich zum letzten Jahr eine Verdopplung. Wir wollen jede Anfrage ernst nehmen, aber jetzt sind es gerade sehr viele Anfragen. Es gibt ein generelles Gefühl der Verunsicherung in der Bevölkerung. Die Krankenkassenprämien, Heizen, Strom wird teurer, das verunsichert und darum ist es wichtig, dass man dem nachgeht. Bei Nebenkosten würde ich zuerst mit der Hausverwaltung sprechen, aber da ist man auch ein bisschen ausgeliefert. Ich kann ehrlich gesagt nicht viel tun gegen die hohen Benzin- und Gaspreise, ich kann Herrn Putin keinen Brief schreiben, dass er mit dem Krieg aufhören soll.»

Interventionsmöglichkeiten

Martin fragt: Welche Instrumente bräuchten Sie, um Benzinpreis-Abzocke endlich stoppen zu können?

«Laut Gesetz kann der Preisüberwacher dann eingreifen, wenn der Preiswettbewerb nicht spielt. Da gibt es Entscheidungen, an die ich gebunden bin. Wenn es heisst, es herrscht Wettbewerb, kann ich nicht intervenieren, da sind mir klare Vorschriften im Gesetz gestellt. Ich kann keine Bussen verteilen, aber Preise senken. Jetzt geht es gerade um Abfallgebühren, das beim Bundesgericht geprüft wird, das braucht Zeit. Ich bin dafür, dass wir miteinander verhandeln, wie wir das bei der Briefpreiserhöhung bei der Post gemacht haben. Es läuft auch schon lange ein Vorverfahren zu Booking, auch mit Syngenta trafen wir Vereinbarungen zu Pestiziden.»

20min/Michael Scherrer

Regionale Preisabsprachen?

Markus fragt: Warum sind in den Kantonen Uri oder Zug die Benzinpreise fast alle gleich hoch? Fahre ich in den Kanton Schwyz, sind die Preise unterschiedlich. Gibts regionale Preisabsprachen?

«Nach Schweizer Recht ist Abschauen nicht verboten, nur Absprache. Wenn es keinen gibt, der ausschert, ist die Bewegung viel schwerer. Deshalb braucht es nationale Transparenz, dass es Auswirkungen in allen Regionen hat. Das wäre die Idee hinter der App.»

20min/Taddeo Cerletti

Erste Benzinpreis-Ergebnisse

Wann gibt es Ergebnisse zu den Margenuntersuchungen?

«Da werden wir im Herbst informieren können.»

Wann kommt die App?

Wie weit ist dieses App-Projekt?

«Ich kann noch nicht sagen, wann sie live geht. Ich bin im Kontakt mit den deutschen und österreichischen Behörden, um lernen zu können. Aber die Parlamente entscheiden, wann sie kommt. Ich hoffe, dass es nicht Jahre sondern Monate dauert, aber wir werden es sehen.»

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