Dünne Models: Eine Expertin über den Trend in den aktuellen Modeshows

Bella Hadid posiert auf Instagram für eine Werbekampagne. Eine Expertin verrät, wie solche Bilder Schaden anrichten können.

Bella Hadid posiert auf Instagram für eine Werbekampagne. Eine Expertin verrät, wie solche Bilder Schaden anrichten können.

Instagram/bellahadid
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Mehr dünne Models«Werden dünne Körper idealisiert, löst das etwas aus»

Die Modewelt setzt in den letzten Monaten vermehrt dünne Körper in Szene. Diese Entwicklung besorgt nicht nur junge Menschen, sondern auch Fachleute.

von
Johanna Senn

Die Nachricht, dass Kim Kardashian sieben Kilo abgenommen hat, um für die Met Gala in das Kleid von Marilyn Monroe zu passen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Viele sehen den veränderten Körper des Superstars als Zeichen eines gesellschaftlichen Wendepunkts, was Körperakzeptanz und Body Positivity betrifft. 

Auch auf Tiktok ist Kim Kardashians Gewichtsverlust wochenlang ein Thema. «An diejenigen, die in den 90ern und Nullerjahren Teenager waren: Merkt ihr auch, wie das erneut einen perfekten Nährboden für noch mehr Essstörungen gibt? Das macht mir so Angst!», so Tiktokerin bruna.meir.

«Es melden sich bereits Eltern von Neunjährigen bei uns»

Die Psychologin und Ernährungsberaterin Sarah Stidwill arbeitet seit sechs Jahren bei AES, der Arbeitsgemeinschaft für Ess-Störungen. 

Frau Stidwill, wie beurteilen Sie den Trend zu dünnen Körpern in der Modeszene?

Wir versuchen, von einer Essstörung betroffenen Menschen zu vermitteln, dass jeder Körper gut ist. Wenn Betroffene dann die dünnen Schaufensterpuppen sehen und in Werbung und auf Social Media vor allen Dingen dünne Körper ins Licht gerückt werden, löst das etwas aus.

Was sind die Gefahren, wenn dünne Körper als erstrebenswert dargestellt werden?

Es wird etwas als erstrebenswert verkauft, das für den Körper vielleicht gar nicht natürlich ist. Das fördert auch den Leistungsaspekt in der Gesellschaft. Die Klischees, dass man sich gehen lässt oder keine Disziplin hat, wenn man nicht dem Körperideal entspricht, sind immer noch tief verankerte Glaubenssätze.

Merken Sie in der Praxis etwas davon?

Unser Klientel wird jünger. Teilweise bekommen wir Anfragen von Zwölf- oder auch 13- oder 14-Jährigen. Es melden sich teilweise auch Eltern von Neunjährigen bei uns, die merken, dass es ihrem Kind nicht gut geht. 

Hat Body Positivity gar nichts gebracht?

Das würde ich nicht sagen. Ich beobachte aber, dass der Begriff oft als Hülle benutzt wird und am Ende nicht ernst gemeint ist.

Gibt es einen Generationenunterschied? 

Von aussen gesehen hat sich die Situation für junge Menschen leicht verbessert. Wir sind heute aber viel vernetzter als noch vor zehn Jahren. Das führt zu Vergleichsmöglichkeiten, die sehr unfair sind.

Was für Massnahmen sollten betroffene Menschen ergreifen?

Die Bildschirmzeit einschränken und sich bewusst machen, wie echt diese Bilder wirklich sind. Eine Essstörung ist aber viel mehr, als dass man nur wegen eines Bildes schlanker sein möchte – es ist eine Bewältigungsstrategie. Doch diese Bilder können sie bestärken.

Labels vergessen inklusive Grössen

In der Mode werden aktuell 90er- und 2000er-Trends gefeiert. Die Rückkehr dieser Dekade bringt nicht nur Kleidungsstücke wie den Microskirt oder knappe Hüfthosen zurück. Auch damals glorifizierte Körpertypen werden wieder inszeniert. Das zeigt etwa das Ensemble von Miumiu, das dieses Jahr für einen viralen Modemoment sorgte.

Wie sich Miumiu die Masse der Microskirt-Trägerinnen vorstellt, erkannte man mit einem Blick auf die Grössentabelle für das Stück. Der Rock ist bis zur Grösse 46S erhältlich. Laut Grössentabelle des Labels entspricht das einem Hüftumfang von bis zu 104 Zentimetern, dem Durchschnitt einer Frau hierzulande. Model Paloma Elsesser trug das Miumiu-Ensemble dennoch und wurde dafür gefeiert. Nur: Der Rock musste extra für das Model gefertigt werden.

Hast du das Gefühl, dass dünne Models wieder vermehrt im Rampenlicht stehen?

Werden Models wirklich dünner?

Von 247 Modeshows, die diese Saison stattfanden, liefen in rund 90 davon Plus-Size-Models, wie die Modesuchmaschine Tagwalk herausgefunden hat. «Dass 64 Prozent der Marken immer noch nur den superschlanken Körpertyp einsetzen, ist ein langsamer Fortschritt. Aber die Kurve zeigt in die richtige Richtung», schreibt der «Guardian». Von den Top 20 Shows dieser Saison waren laut Tagwalk in nur acht Prozent davon Plus-Size-Models zu sehen. 

Bella Hadid geht viral

Für viele Modefans scheint es derweil, als wären sehr schlanke Models wie Bella Hadid diese Saison überall gewesen. Dabei gehörte Hadid nicht einmal zu den Top 10 der meistgebuchten Models der Herbstsaison. Doch Shows, in denen Bella Hadid läuft, gehen durch die Decke. Ist die 26-Jährige auf dem Runway, führt das zu einem 853-prozentigen Suchanstieg für den jeweiligen Look.

Nicht nur schlanke Körper lösen diesen viralen Effekt aus. Wenn Plus-Size-Model Paloma Elsesser auf dem Runway ist, führt das laut Tagwalk zu einem Anstieg der Suchanfragen um bis zu 351 Prozent.

Für die viralen Momente buchen Labels dennoch Models wie Bella Hadid. Um das ikonische Kleid aus der Sprühdose zu inszenieren, zeigte Coperni das Spektakel an Bella Hadids fast nacktem Körper.

Die Aktion sollte eigentlich das umweltfreundliche Material Fabrican feiern. «Aber es fühlte sich auch wie eine Zurschaustellung von Hadids Hüftknochen an», schreibt «Guardian»-Autorin Jess Cartner-Morley.

Artikel sorgt für Shitstorm

Ein Artikel der «New York Post» mit der Headline: «Bye-bye booty: Heroin chic is back» (auf Deutsch: «Ciao Füdli: Heroin Chic ist zurück») rief kürzlich mit dem problematischen Begriff «Heroin Chic» die Glorifizierung dünner Körper aus. Damit sorgte das Blatt für einen Shitstorm. Der Artikel thematisiert Kim Kardashians Gewichtsverlust und den Missbrauch des Diabetes-Medikaments Ozempics zum Abnehmen. Mit dem gewählten Titel ruft das Boulevardblatt «Dünnsein» aber sogleich auch als Trend aus. «Unsere Körper sind keine Trends! Verpisst euch!», so Schauspielerin Jameela Jamil auf Twitter. Jamil schreibt: «Statt dass uns diese Industrie hungern lässt, wie wäre es, wenn wir sie aushungern?»

«Vogue»-Journalistin Yomi Adegoke schreibt: «Wenn der weibliche Körper als Trend wahrgenommen und mit der Kleidung gleichgesetzt wird, gibt es keine Gewinner, ausser die Diät-Industrie und Schönheitschirurgen.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine Essstörung?

Hier findest du Hilfe:

Fachstelle PEP, Beratung für Betroffene und Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

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