Aktualisiert 14.08.2019 15:26

Mängel bei SBB-Zügen

«Werden Türen verriegelt, hat man keine Chance»

Die SBB unterzieht nach dem tödlichen Unfall von Bruno R. ihre Wagen einer Sonderkontrolle. Nachrüsten will sie vorerst nicht.

von
ehs

Zugbegleiter Bruno R. (54) starb am Morgen des 4. Augusts, als er in Baden von einer Zugtür eingeklemmt und vom Interregio mitgeschleift wurde. Das Sicherheitssystem, das die Tür wieder hätte öffnen sollen, der sogenannte Einklemmschutz, versagte. Das teilte die Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) mit.

Die defekte Tür ist kein Einzelfall. Seit zwei Tagen führen Mitarbeiter der SBB Sonderkontrollen bei den Türen der Wagen des Typs EW IV durch. Bei den ersten etwa 40 kontrollierten Wagen wurden sie bereits mehrere Male fündig: Fünf «auffällige Türen» wurden entdeckt, wie Martin Fischer, Leiter Serviceanlagen Ost, sagt.

500 Wagen sind im Einsatz

Eine hohe Fehlerquote? Das könne man bei dieser Zahl der kontrollierten Wagen noch nicht sagen, so Fischer. «Ich bin seit Jahren in der Instandhaltung tätig und bin nicht überrascht.» Etwa 500 Wagen des Typs EW IV hat die SBB insgesamt im Einsatz.

Der Einklemmschutz bei den Türen des EW IV funktioniert auf einer pneumatischen Basis. Er entdeckt kleine Gegenstände, etwa Schirme, Hände oder Handgelenke von Kindern, nicht. «Der Einklemmschutz kann Gegenstände, die kleiner als 30 Millimeter sind, nicht detektieren», sagt Fischer. Das entspreche der gültigen Norm. Ist also etwa eine kleinere Hand in einer Tür, wird diese trotzdem verriegelt.

Kein Nachrüsten geplant

Um zu verhindern, dass das passiert, gibt es den Abfertigungsprozess (siehe Box). Denn: «Werden die Türen verriegelt, hat man keine Chance, etwas wieder herauszuziehen», sagt Elmar Käser, Leiter Technik Fahrzeuge der SBB.

Moderne Züge sind auch deshalb mit zusätzlichen Sicherungssystemen wie Lichtschranken oder Sensoren ausgerüstet, die verhindern, dass der Zug abfährt, wenn kleinere Gegenstände eingeklemmt sind. Rüstet die SBB nun die EW IV, die teils noch bis in die 2030er-Jahre im Einsatz stehen sollen, nach?

Fürs Erste ist das nicht geplant. Service-Leiter Fischer sagt: «Nachrüsten kann man alles. Es ist eine Frage der Sinnhaftigkeit. Es geht um den Preis und die Zuverlässigkeit, die man damit beeinflussen würde.» Man wolle erst die Resultate der Sonderkontrolle abwarten. Wäre der Unfall bei einer entsprechend ausgerüsteten Tür nicht passiert? «Das ist Spekulation», sagt Fischer.

Im Video oben erklärt Martin Fischer, Leiter Serviceanlagen Ost, wie die Wagen kontrolliert werden und wieso sie nicht nachgerüstet werden. (Video: G. Brönnimann)

Der Abfertigungsprozess

Um zu verhindern, dass jemand eingeklemmt wird, gibt es den Abfertigungsprozess, den die SBB wie folgt beschreibt: Bevor ein Zug abfährt, schickt die Chef-Kundenbegleiterin dem Lokführer die Abfahrtserlaubnis per SMS oder über einen Kasten auf dem Perron. Dann betätigt sie im Zug die Türschliessung mittels eines sogenannten Schliessbefehls. Die Tür, bei der sie diesen Befehl erteilt, bleibt dabei offen. Die Kundenbegleiterin beobachtet dann vom Wageninnern bei der nächsten Türe den Schliessvorgang und schliesst dann ihre eigene Türe. Danach erlischt eine Lampe im Führerstand, der Lokführer kann abfahren. Viele Züge im S-Bahn- oder Regionalverkehr fahren hingegen unbegleitet, die Abfertigung findet dort automatisiert statt.

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