Zwei Kumpel, zwei Welten: Weshalb Bärtschi trifft und Niederreiter nicht
Aktualisiert

Zwei Kumpel, zwei WeltenWeshalb Bärtschi trifft und Niederreiter nicht

Nino Niederreiter geht dem Ende einer miserablen ersten NHL-Saison entgegen. Er würde das nie so sagen. Doch es gibt Menschen im Umfeld der Islanders, die Klartext sprechen.

von
Jürg Federer
New York

Vier NHL-Spiele, drei Tore, es ist, als wäre Sven Bärtschi nie anderswo gewesen als in der NHL. Der 19-jährige Aarwangner hat nicht in unbedeutenden NHL-Spielen auf sich aufmerksam gemacht, sondern inmitten der NHL-Crunch Time, im Playoffkampf der Calgary Flames, gegen Gegner, die die Punkte genauso verzweifelt suchen wie Bärtschis Team. Die Intensität in der NHL ist zu diesem Zeitpunkt so hoch wie in den Playoffs, die Räume eng, die Zeit knapp. Der Wert von Bärtschis Toren ist damit umso höher. Nun hat Bärtschi in vier Spielen mehr getroffen als Nino Niederreiter in 55 Partien. Ist der Kumpel des Islanders-Stürmers am Ende trotz tieferer Draftposition der bessere Stürmer?

10 Minuten Eiszeit, 20 Minuten Hometrainer

Bärtschi mit Niederreiter zu vergleichen fällt schwer. Niederreiter ist 10cm grösser und 10kg schwerer. Bärtschi ist rein körperlich ein Athlet, von dem man nichts anderes erwarten kann, als einzig und alleine im Vorwärtsgang zu spielen. Bei Niederreiter hingegen ist man versucht zu meinen, er sei auch eine gute Ergänzung in der defensiven vierten Linie. Ein fataler Fehler, den die New York Islanders seit Beginn der Saison machen. «Es ist nicht einfach», ringt Niederreiter gegenüber 20 Minuten Online nach Worten. Der 19-Jährige ist bekannt für seine tadellosen Manieren, Kritik an seinem Arbeitgeber würde er niemals äussern. Er hält einzig fest, dass er hartes Brot esse, wenn ihm namenlose AHL-Spieler vorgezogen würden. «Und es ist schwierig, mit weniger als zehn Minuten Eiszeit gut zu spielen.»

Zuletzt durfte Niederreiter mit Josh Bailey in der dritten Linie aufs Eis, Bailey ist ein hoch gelobtes Talent, das in der New York Islanders Organisation zum Wassertragen gezwungen wird. «Mit Bailey läuft das Spiel besser als zuvor in der vierten Linie», sagt Niederreiter. «Aber wenn wir dann Partien haben, in denen es viele Strafen gibt, sitze ich halt trotz allem wieder auf der Ersatzbank.» Es sei nicht einfach, sagt Niederreiter wiederholt. Nach den Spielen sitzt er jeweils während 20 Minuten auf dem Hometrainer, zwängt die letzten Energiereserven aus sich heraus, die er im Spiel nicht einsetzen durfte. «Je weniger ich spiele, desto mehr trainiere ich», sagt er. Bei einem Grundlohn von 900 000 US-Dollar, die die Islanders während zehn Minuten auf dem Eis und während zwanzig Minuten auf dem Hometrainer einsetzen, könnten die Islanders Niederreiter eigentlich schon bald ein eigenes Fitnessstudio kaufen.

Anonyme Gotteslästerung gegenüber den Islanders

Eine Kritik, die die New York Islanders an Nino Niederreiter üben, ist sein langsames Schlittschuhlaufen. Das war aber schon so, als die «Isles» den Schweizer an fünfter Stelle weltweit in die NHL gedraftet hatten. Ihn jetzt dafür zu kritisieren ist, als würde man einen Toaster kaufen und sich danach beschweren, dass man damit nur schlecht Wasser kochen kann. Ein NHL-Insider, kein Gerüchte kochender Journalist sondern ein Fachmann, der im Alltag mit der Entwicklung von Eishockeyspielern und NHL-Mannschaften zu tun hat, sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Islanders-Headcoach Jack Capuano ist schlichtweg nicht genügend informiert, um die New York Islanders zu coachen, er kennt die Qualitäten seiner Spieler zu wenig gut, um ein Team erfolgreich zusammenzustellen.» Und dann fügt er an, Capuano reiche halt gerade mal so knapp, um ein AHL-Team zu führen. Im überschaubaren Rahmen der New York Islanders-Organisation sind solche Aussagen Gotteslästerung. Die Organisation hat in der Vergangenheit schon Journalisten die Akkreditierung entzogen, weil sie solche Meinungen publiziert hatten. Sogar der einzige verbliebene «Beat-Writer» der Islanders, ein Journalist, der mit dem Team zu allen 82 NHL-Spielen der Saison reist, übt sich in Zurückhaltung. Der NHL-Insider, der diese Aussagen im Rahmen des New Yorker Derbys gegenüber 20 Minuten Online gemacht hat, fügte deshalb nach seiner Brandrede dreimal unmissverständlich an, er wolle seinen Namen in keiner Zeitung wiederfinden, auch nicht in der Schweiz. Dieser Wunsch sei Befehl.

Nur zwei Tage später erbringen die New York Islanders im Heimspiel gegen die Washington Capitals den Beweis für diese unerhörten Aussagen. Wieder einmal haben die New York Islanders geführt, im zweiten Drittel sogar mit drei Toren Vorsprung, und wieder einmal haben sie die Partie noch aus der Hand gegeben. Im Penaltyschiessen übernahmen Frans Nielsen, Matt Moulson und John Tavares die Verantwortung, nach je drei Schützen stand es 1:1. Für Washington trat Matt Hendricks zum letzten Penalty an. Kennen Sie den? Nicht weiter schlimm, wenn dieser Name zum ersten Mal auftaucht. Hendricks ist 30 Jahre alt, in der NHL spielt er erst seit vier Jahren und das für ein Butterbrot. Ihm steht Mark Streit gegenüber, der Schweizer NHL-Superstar, Teamcaptain und Dollarmillionär der New York Islanders – eine klare Angelegenheit. Hendricks hat in seiner Karriere von neun Penaltys sechs verwandelt, Streit traf in seiner Bilderbuchkarriere in sechs Versuchen noch gar nie. Man muss kein Fachmann sein, um zu wissen, dass sich Mark Streit als Penaltyschütze nicht eignet, eigentlich braucht es dazu lediglich einen Computer, einen Internetanschluss und fünf Minuten Zeit. Hendricks traf, Streit nicht – eben, eine klare Angelegenheit. Mit der Selektion für den alles entscheidenden Penaltyschützen hat New York Islanders Headcoach Jack Capuano zum wiederholten Male Punkte an den Gegner verschenkt. Des NHL-Insiders Aussagen sind damit bestätigt.

Niederreiter lebt im Moment, nicht in der Zukunft

Capuano hätte Nino Niederreiter aufstellen können, in seiner noch jungen Karriere hat Niederreiter bereits unzählige Male bewiesen, dass er dann am besten spielt, wenn es wirklich zählt – in einem Penaltyschiessen zum Beispiel. Mit Niederreiter haben die Islanders einen Stürmer mit Händen wie Seide und Nerven wie Stahl im Kader, doch sie setzen ihn nur sporadisch in der dritten Angriffsformation ein. Wenn man ein Haus im Wert von zehn Millionen Dollar besitzt, einen Privatjet fliegt und sechs Ferraris in der Garage stehen hat, ist es verständlich, dass man das Cabriolet nur an schönen Sommertagen ausfährt. Die Islanders haben aber weder ein Haus, einen Privatjet noch einen Fuhrpark. Sie haben nur das Cabriolet und trotzdem gehen sie zu Fuss zur Arbeit.

Nino Niederreiter sagt gegenüber 20 Minuten Online, er habe keine Ahnung, was er noch tun müsse, um mehr Eiszeit zu erhalten. «Der Coach spricht nie mit mir», sagt er, «aber ich bleibe einfach nach jedem Training noch so lange auf dem Eis, bis der Zamboni kommt und ich versuche, meine Fehlerquote so tief wie möglich zu halten.» Sein Agent, André Rufener, und Mark Streit seien die einzigen Bezugspersonen, von denen er Feedback erhalte, bestätigt Niederreiter. «Streit sagt mir immer, ich müsse die Sache im grösseren Bild betrachten, ich müsse berücksichtigen, dass ich erst 19 Jahre alt sei und meine Karriere noch vor mir liege. Aber ich bin halt ein Mensch, der im Moment lebt und nicht in der Zukunft», sagt Niederreiter und wiederholt noch einmal: «Es ist nicht einfach.»

Die WM ist noch kein Thema

Niederreiter ist nicht besser und nicht schlechter als sein Landsmann Sven Bärtschi – er ist anders. Beide Spieler befinden sich an anderen Punkten in ihrer Karriere. Bärtschi reitet auf einer Erfolgswelle und Niederreiter ist vom Misserfolg geknickt, der Leistungsunterschied liegt im mentalen Bereich. Bärtschi ist zudem einfach in der besser gemanagten und besser gecoachten Mannschaft als Niederreiter. Niederreiter gönnt Bärtschi jeden Erfolg, er ist jeweils einer der ersten, der von Bärtschi-Toren erfährt. «Das erste NHL-Tor», sagt er, «ist das Speziellste. Diesen Moment vergisst man nie mehr, ich weiss noch heute, wie ich vor über einem Jahr mein erstes Tor erzielt habe, es ist, als wäre es gestern gewesen.» Er sagt, dass er trotz aussichtsloser Playoffqualifikation der Islanders noch nicht an eine WM-Teilnahme denke.

Eben, Niederreiter lebt im Moment und nicht in der Zukunft. Und der Moment ist eine missratene erste NHL-Saison. Niederreiter würde das mit seinen vorzüglichen Manieren nie so aussprechen, er dementiert die Aussage auf Anfrage von 20 Minuten Online aber auch nicht. Zitieren lässt er sich mit folgenden Worten: «Ich bin jetzt da, wo ich immer sein wollte – in der NHL.»

Deine Meinung