Rekordstand: Weshalb Gold nur noch teurer wird
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RekordstandWeshalb Gold nur noch teurer wird

Der Goldpreis ist auf Rekordjagd und hat erstmals die Marke von 1200 Dollar je Unze geknackt. Als Gründe werden der schwache Dollar und die Angst vor bankrotten Staaten angeführt. Das ist richtig. Doch: Gold wird auch künftig steigen – egal, wie das wirtschaftlich Umfeld aussieht.

von
Werner Grundlehner

Am Dienstag überschritt das Edelmetall in London erstmals in der Geschichte die 1200-Dollar-Marke je Unze (31,10 Gramm). Im asiatischen Handel legte das Edelmetall am Mittwoch auf 1215.86 Dollar zu. Die Experten begründen diesen Anstieg mit der Angst vor Inflation und der Überschuldung der Industrienationen, die zu Währungsabwertungen führen werde. Diese Erklärungsversuche implizieren: Sind die wirtschaftlichen Probleme gelöst, ist der Höhenflug des Goldes vorbei. Kaum jemand prognostiziert daher eine langfristige, nachhaltige Verteuerung des Edelmetalls. Doch es gibt gute Gründe, dass die Notierung weiter steigt und zwar unabhängig von der Wirtschaftsentwicklung.

Der optimistische Ausblick

Zuerst das Szenario für die Wirtschaftsoptimisten: «In diesem Fall wird Asien die Wirtschaftslokomotive bleiben und der Wohlstandseffekt in Indien und China wird Gold eine sehr hohe Nachfrage bescheren», erklärt Marc Gugerli von Gold 2000. Sein Unternehmen verwaltet mehrere Goldfonds – unter anderem auch für Julius Bär. Die Schmuckindustrie generiert rund 70 Prozent der weltweiten Goldnachfrage. Die schnell wachsende Mittelschicht in Südostasien hat ein grosses Verlangen nach Gold. Insbesondere in Indien wird die Mitgift der Braut immer öfter in Goldschmuck entrichtet – früher war es Silber.

Für all diese Nachfrage ist das Angebot relativ beschränkt. Alles Gold, das je auf der Welt geschürft wurde, ergäbe – würde es man in ein Stück giessen – einen Würfel mit einer Kantenlänge von 20 Metern. Der «Tanz um das goldene Kalb», den Notenbanken, Investoren und Schmuckindustrie veranstalten, findet somit um einen kleinen Quader von 150'000 Tonnen statt. «Und der Ausstoss der Goldminen wird in den nächsten Jahren sinken, momentan beträgt er rund 2400 Tonnen pro Jahr», fügt Marc Gugerli an. Die grossen Goldminen, beispielsweise in Südafrika, stehen am Ende des Lebenszyklus. Neue Vorkommen zu finden, wird immer schwieriger.

Das Krisenszenario

Dann gibt es noch das «Krisen-Szenario», das viele Beobachter als wahrscheinlich einschätzen und das den Goldpreis «richtig» antreiben würde. Annahme: Der Aufschwung käme schnell zu einem Stopp, die Konjunkturprogramme versickern und die Arbeitslosigkeit zieht dramatisch an. «Unter diesen Umständen bliebe das Zinsniveau weiterhin bei Null und das Gelddrucken ginge weiter», so Gugerli. Gold würde nach seiner Ansicht in diesem Umfeld markant profitieren. «Da es auf Gold keinen Zins gibt, aber auf dem Papiergeld auch keinen – sondern nur eine Entwertung –, ist klar, was man lieber besitzt», so Gugerli. Zudem ist Gold laut dem Goldfondsmanager im Gegensatz zu Geld an keinen Staat gebunden.

Und weltweit sind die Staatsfinanzen in einem schlechten Zustand: Das zeigen Meldungen aus den wichtigsten Wirtschaftsnationen. Per 30. Juni ist die Verschuldung der USA auf 52'793 Milliarden Dollar geklettert und macht damit 373 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung (BIP) aus. Heute Mittwoch beraten die EU-Finanzminister, ob ein Defizitverfahren gegen Deutschland und acht weiteren Staaten eröffnet werden soll. Das diesjährige deutsche Haushaltsdefizit verstösst gegen den EU-Stabilitätspakt. Gegen elf EU-Staaten läuft das Verfahren bereits. Verzweifelt kämpft gleichzeitig Japan gegen die Krise und pumpt riesige Geldmengen in die Wirtschaft. Die japanische Zentralbank beschloss am Dienstag, den Banken zu extrem günstigen Bedingungen zehn Billionen Yen (115 Milliarden Franken)zur Verfügung zu stellen.Die Regierung kündigte gleichzeitig ein neues Konjunkturprogramm über 2,7 Billionen Yen (31 Milliarden Franken) an.

Gründe, die immer gelten

Daneben gibt es auch «neutrale» Gründe, die den Goldkurs stützen. Die Notenbanken, die in den vergangenen Jahren Gold abgestossen haben, haben aufgehört, ihre Bestände zu veräussern. Im Gegenzug hat jüngst die indische Notenbank 200 Tonnen Gold gekauft. «Notenbanken in Schwellenländern haben tiefe Gold- und hohe Fremdwährungsreserven, das spricht für weitere Goldkäufe», sagt Dominic Schnider, Goldanalyst der UBS. Im Durchschnitt betrage Gold rund 13 Prozent der Notenbank-Reserven. In Ländern wie Russland, China, Indien und Brasilien belaufe sich der Prozentsatz jedoch erst auf 2 bis 6.

«Die Erklärung für einen weiteren Anstieg ist jedoch einfach. Gold wird von Investoren als Versicherung gegen Extremsituationen und als Diversifikationsmittel wieder gesucht», erklärt Schnider. Früher gab es im typischen Schweizer Private-Banking-Depot einen Anteil Gold. Doch im Zug der Euphorie um Dot-com, Hedge-Funds und strukturierte Produkte ist dieser zwischenzeitlich verschwunden. Das scheint sich nun zu korrigieren. Der UBS-Analyst rechnet ebenfalls mit einer weiterhin steigenden Goldnotierung. Er bleibt jedoch moderat. «Ein Plus von 5 bis 10 Prozent in den nächsten 18 Monaten liegt durchaus drin. Wer jedoch von 30 bis 40 Prozent ausgeht, dürfte enttäuscht werden».

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