Nach Massenschlägerei: Weshalb griffen PKK-Anhänger ein türkisches Kinderfest an?

Nach MassenschlägereiWeshalb griffen PKK-Anhänger ein türkisches Kinderfest an?

Ein türkisches Kinderfest in Basel endete am Sonntag in einer Massenschlägerei: Im Studio diskutieren Ibrahim Halil Gücük vom Kurdischen Kulturverein Zürich und Suat Sahin von der Türkischen Gemeinschaft Schweiz, wieso es dazu kommen konnte.

von
Lukas Hausendorf

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Montag, 09.05.2022

Zusammenfassung

Im Studio von 20 Minuten diskutierten am Montagnachmittag Ibrahim Halil Gücük vom Kurdischen Kulturverein Zürich und Suat Sahin von der Türkischen Gemeinschaft Schweiz über den Angriff auf das türkische Kinderfest in Basel vom Sonntagabend. Dieser wurde mutmasslich von Anhängern der kurdischen Arbeiterpartei PKK verübt, die in der Türkei und EU als Terrororganisation gilt. «Die PKK ist das Problem, nicht die Kurden», sagt Sahin.

Die beiden führten ein engagiertes und bisweilen emotionales Gespräch. Dabei zeigten sich auch die Bruchlinien des seit Jahrzehnten dauernden Konfliktes zwischen Kurden und Türken. Gücük, der in der Türkei als Lehrer arbeitete, erinnerte an Repressionen, denen die kurdische Minderheit ausgesetzt sei. Sahin, der Vertreter der türkischen Gemeinschaft stellte dies infrage und beschwor wiederholt die Einigkeit mit dem «Brudervolk» der Kurden. Das Problem sei einzig die PKK. Das greift für Gücük wiederum zu kurz.

Einig waren sich beide, dass der Dialog geführt werden müsse und Gewalttaten wie in Basel ein absolutes No-go seien.

«Dieses Gespräch ist wichtig», sagt Kurde Gücük. Man habe hier kein Problem zwischen Kurden und Türken. «Wir sind Menschen, wir reden zusammen», unterstreicht auch Sahin zum Schluss des Gesprächs.

Wie kommt der Konflikt aber nach Basel? Beide sind sich einig, dass Gewalt ein «No-go» ist. Sahin betont die Bruderschaft zwischen Kurden und Türken. Er habe selbst kurdische Angestellte, sei aber auch schon Opfer von Buttersäure-Anschlägen der PKK geworden. Gücük hat indes Vorbehalte gegenüber der vielbeschworenen Bruderschaft. «Brüder tun einander nicht weh», sagt er.

«Die Hochzeit meiner Schwester wurde von der Polizei unterbrochen, weil kurdisch gesungen wurde», erzählt Gücük, der in der Türkei als Lehrer arbeitete. Es gebe reale Repressionen gegen Kurden in der Türkei. Sahin von der Türkischen Gemeinschaft relativiert. Es gebe beispielsweise auch kurdisches Fernsehen.

Kurden und Türken leben in der Türkei friedlich zusammen. Die PKK sei aber eine terroristische Organisation, so Sahin. Der Konflikt mit der PKK bestehe schon lange. Gücük wendet aber ein, dass die Teilnahme am Kinderfest von Kurden auch als eine Form der Assimilierung wahrgenommen werde. Das Verhältnis zwischen Kurden und Türken sei nicht so unbelastet.

«Gewalt ist in keinem Fall akzeptabel»

«Ich verstehe nicht, warum das passieren konnte», sagt Suat Sahin von der Türkischen Gemeinschaft Schweiz. Das Kinderfest sei keine politische Veranstaltung. «Da waren Kinder und Mütter.» Die türkische Gemeinschaft habe kein Problem mit ihrem kurdischen «Brudervolk», betont Sahin. Das Problem sei die PKK.

«Gewalt ist in keinem Fall akzeptabel», unterstreicht auch Ibrahim Halil Gücük vom Kurdischen Kulturverein Zürich.

Mehrere Verletzte und Festnahmen

Am Sonntagabend wurde das türkische Kinderfest auf dem Basler Marktplatz von Anhängern der kurdischen PKK angegriffen. Mehrere Dutzend Männer seien am Angriff beteiligt gewesen, wie ein Familienvater gegenüber 20 Minuten berichtete. Fünf Verletzte wurden zur Behandlung ins Spital gebracht. Die Polizei konnte vor Ort fünf Männer im Alter von 24 bis 30 Jahren festnehmen. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen ein Verfahren eröffnet. Bereits am Nachmittag kam es den bisherigen Ermittlungen zufolge zu verbalen Provokationen gegen die Festbesucherinnen und Festbesucher.

Das türkische Aussenministerium reagierte noch am Sonntagabend auf die Attacke in Basel. Es verurteilte die Attacke aufs Schärfste. Dass sie ein Kinderfest im Herzen Europas ins Visier nehmen, zeige der internationalen Öffentlichkeit wieder einmal «das hässliche Gesicht der Terrororganisation», hiess es in einer Mitteilung. Die kurdische Arbeiterpartei PKK wird von der Türkei, der EU und USA als Terrororganisation eingestuft, nicht jedoch von der Schweiz. In der Schweiz leben rund 15'000 Kurdinnen und Kurden, ein Grossteil der Diaspora ist in der Region Basel zuhause.

Die Türkei hat Ende April eine Offensive im Nordirak gestartet, wo die PKK ihr Hauptquartier unterhält. Die sogenannten Frühjahresoffensiven sind indes nicht neu. Der Konflikt zwischen der Türkei und der PKK dauert schon seit 1984.