Publiziert

Dark TourismWeshalb Katastrophen faszinieren

Der Tourismus in Tschernobyl boomt. Auch andere Schauplätze von Tod, Verbrechen und Zerstörung ziehen neugierige Besucher an.

von
sei
26.4.2016
Kontrollpunkt vor der kontaminierten Zone. Sie wird bis heute von der Miliz bewacht.

Kontrollpunkt vor der kontaminierten Zone. Sie wird bis heute von der Miliz bewacht.

Dukas/Aftonbladet Bild / Agence Angeli
Teile der Sperrzone sind kurzfristig bewohnbar. Arbeiter und Soldaten halten sich zeitweilig in der Zone auf  sowie einige Illegale.

Teile der Sperrzone sind kurzfristig bewohnbar. Arbeiter und Soldaten halten sich zeitweilig in der Zone auf sowie einige Illegale.

Dukas/Aftonbladet Bild / Agence Angeli
Eine permanente Besiedlung aber wird durch die Strahlung verhindert.

Eine permanente Besiedlung aber wird durch die Strahlung verhindert.

Dukas/Aftonbladet Bild / Agence Angeli

30 Jahre ist der Super-GAU in Tschernobyl her. Doch der Ort der Katastrophe hat seine Anziehungskraft nicht verloren. Mehr als 10'000 Besucher wagen sich jährlich in das Gefahrengebiet vor. Diverse Anbieter lotsen die Schaulustigen ab Kiew in die die 30-Kilometer-Sperrzone. Besonders die Geisterstadt Pripyat ist hoch im Kurs. Auch Kuoni bietet in Zusammenarbeit mit der Hilfs- und Umweltorganisation Green Cross Studienreisen zum havarierten Kraftwerk an. Derzeit ist eine Gruppe vor Ort.

«Ziel ist es, Einblicke in die Projekte in und um Slawutitsch und Pakul zu erhalten und Gespräche mit der dort lebenden Bevölkerung zu führen», erklärt Pressesprecher Marcel Schlatter. Beim fakultativen Ausflug nach Tschernobyl und Prypjat wird die streng kontrollierte Sperrzone während circa sechs Stunden besucht. «Die Strahlenbelastung beschränkt sich durch die relativ kurze Aufenthaltszeit auf einen Wert von etwa drei bis fünf Prozent der natürlichen jährlichen Strahlenbelastung in Westeuropa», so Schlatter.

Wo die Serienmörderin ihre Opfer verbuddelte

Katastrophentourismus – auch Dark Tourism genannt – floriert. John Lennon von der Glasgow Caledonian University hat das Phänomen untersucht. Typisch dafür ist, dass «es Leiden und Tod anderer sind und man sich gerettet und privilegiert fühlen kann», bringt er die Faszination auf den Punkt. Schauplätze von Massakern, Desastern und Unterdrückung werden so zu makabren Ausflugszielen.

Beispiele sind das Konzentrationslager in Auschwitz, Ground Zero, die «Killing Fields» in Kambodscha oder die archäologische Stätte von Pompeji. Doch nicht nur Katastrophen, die in die Geschichtsbücher eingingen, ziehen Besucher in ihren Bann. In Sacramento kann etwa das ehemalige Wohnhaus von Serienmörderin Dorothea Puente besucht werden, die während den Achtzigerjahren in Kalifornien ihr Unwesen trieb. Im Garten erfährt man, wo genau sie ihre Opfer verbuddelte.

«Wir betreiben keinen Katastrophentourismus»

«Das Angebot im Bereich des Katastrophentourismus ist oftmals selektiv und vielmehr bestimmt von Besucherzahlen als von der Bestrebung, einen unverzerrten Blick auf die Geschichte zu gewähren», schreibt Lennon. Würden Katastrophen-Schauplätze verantwortungsvoll kuratiert, könnten sie einen lehrhaften Charakter haben, führt er weiter aus. Oftmals stünden jedoch Voyeurismus und Rendite im Zentrum.

«Wir betreiben keinen Katastrophentourismus», heisst es bei Kuoni. Auch den Vorwurf, die Ausflüge suggerierten eine Normalisierung der Lage in Tschernobyl lässt er nicht gelten: «Die Reise beinhaltet viel Wissenswertes über den Unfall im Kernkraftwerk und die gesundheitlichen Folgen für heutige und künftige Generationen.» Bei den Teilnehmern handle es sich um Gönner, Hilfswerksmitarbeiter und Fachpersonen, die sich mit strahlungsbedingten gesundheitlichen Folgen auseinandersetzten. «Ebenfalls mit dabei sind Leute, die selbst unweit von Atomkraftwerken leben und sich mit den Konsequenzen eines Atomunfalls befassen.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.