Aktualisiert 16.12.2010 11:12

Geschenke-StreitWeshalb Kinder ein bisschen Krieg brauchen

Lange waren Spielzeugwaffen und Kriegsspiele verpönt. Nun schwenken Kinderpsychologen um. Geschenkt werden Plastikschwerter und Co. trotzdem kaum.

von
Alex Hämmerli

Kinder stehen auf Gewalt – jedenfalls wenn es ums Spielen geht. Mit glänzenden Augen fechten sie mit Plastik-Pendants von Piratensäbeln und Laserschwertern. Oder sie köpfen den gefangenen schwarzen Ritter im Innenhof ihrer Lego-Burg.

Bei einem solchen Anblick wird es so manchen Eltern mulmig. Doch Kinderpsychologen und Spieltheoretiker beruhigen: Die Idee, Kinder müssten im Spiel unschuldig sein, sei Wunschdenken der Erwachsenen, sagt etwa der amerikanische Spieltheoretiker Brian Sutton-Smith. Die Kids suchten ein mittelalterliches, archaisches Vergnügen; im Spiel seien sie obszön, gefährlich und skrupellos, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt.

Waffen fürs Erwachsenwerden

Sutton-Smith betont überdies, dass es wichtig sei, Konflikte zu inszenieren. Dies helfe ihnen auf dem Weg zum Erwachsensein. Und: Im Gut-Böse-Schema, beispielsweise in der Lego-Welt von Rittern oder Jedi-Kriegern, sei dies viel einfacher als in der harmonischen Umgebung von Plastikponys und Plüschtieren.

Im Fachmagazin «American Journal of Play» heisst es zudem, den Kindern die Spielzeugwaffen und Kriegsspiele vorzuenthalten sei richtiggehend sinnlos. Denn dann würden Stöcke im Wald zu Schwertern – oder der zurechtgeschnittene Frühstückstoast zur Pistole. Mittlerweile vertreten viele Kinderpsychologen die Meinung, dass Waffen eine wichtige Rolle im Leben von Kindern spielen. Denn sie würden helfen, mit Aggressionen umzugehen, die eigene Rolle zu finden und sich ein bisschen stärker zu fühlen.

Kein Trend zum Krieg in Kinderzimmer

Dieses Umdenken spiegelt sich allerdings kaum im Kaufverhalten der Schweizer wider. Franz Schweighofer, Verkaufsleiter von Toys'R'Us, sieht beispielsweise keinen Trend zu mehr Krieg und Gewalt in Schweizer Kinderzimmern. «Klar, Playmobil und Lego erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit, die Waffen stehen aber nicht im Vordergrund.»

Die Renner der Saison bei Lego sei die Fantasiewelt «Atlantis». Dort gebe es natürlich auch «Böse», die man mit der Harpune abschiessen könne. Doch bei «Atlantis» seien die Kinder viel eher Forscher unter Wasser, so Schweighofer. Genau so verhalte es sich bei den «Top Agents» von Playmobil. Die Plastik-Charaktere seien Geheimagenten und hätten Pistolen. Deswegen von einem gewalttätigen Spiel zu sprechen, wäre aber übertrieben: «Die Kinder spielen keine Rambos.»

Spielzeugwaffen kaum zu finden

Ähnlich tönt es bei den Detailhändlern Coop, Manor und Migros. «Wir verkaufen gar kein Kriegsspielzeug», sagt etwa Coop-Sprecher Nicolas Schmied. Eine Ausnahme seien Wasserpistolen. Diese seien unter dem Weihnachtsbaum aber saisonal bedingt nicht oft anzutreffen. Die Traditionskette Franz Carl Weber habe nach den Anschlägen von 9/11 Spielzeugwaffen komplett aus dem Sortiment genommen.

«Klassisches Kriegsspielzeug wie realistische Modellnachbildungen von Panzern oder anderen Militärfahrzeugen in Tarnfarben oder Modelle von Kampf-Flugzeugen und ähnliches Spielzeug sind nicht in unserem Sortiment vorhanden», winkt auch Migros-Sprecherin Monika Weibel ab. «Wir distanzieren uns bewusst von solchen Artikeln. Es gibt auch definitiv keine Bestrebungen, solche Artikel neu ins Sortiment zu integrieren.» Natürlich gebe es aber im Thema auch Graubereiche: «Wir bieten Wasserspritzer, Actionfiguren wie Transformers und andere, sowie eher klassische Spielthemen wie Piraten, Ritter und Burgen an. Diese Artikel verkaufen sich so weit gut. Wir können aber keine generellen Umsatzsteigerungen feststellen.»

Staatliches Verbot

Ein Grund für die fehlenden Waffen vom Christkind ist auch die staatliche Regulierung. Seit Ende 2008 dürfen nämlich keine «Imitationswaffen» mehr verkauft werden. Sprich: Spielzeugpistolen, die wie echte Waffen aussehen, dürfen nur noch verkauft werden, wenn der Ladenbesitzer eine «Waffenhandelsbewilligung für Nichtfeuerwaffen» besitzt. Und das tut kaum einer.

Parallel wurde auch das Tragen von echt aussehenden Spielzeugwaffen in der Öffentlichkeit verboten. Dies, weil die Verwechslungsgefahr gross ist. Und weil es in der Vergangenheit zu Überfällen mit Luftdruck- oder Soft-Air-Pistolen kam.

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