Unesco-Weltkulturerbe: Weshalb sind Industrie-Städte Welterbe?
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Unesco-WeltkulturerbeWeshalb sind Industrie-Städte Welterbe?

Wer noch nie in La Chaux-de-Fonds und Le Locle war, wundert sich vielleicht, weshalb Neuenburger Industrie-Städte unter Unesco-Schutz gestellt werden. Ein Augenschein in La Chaux-de-Fonds zeigt, dass die Uhrenindustrie eine besondere Stadtlandschaft hervorbrachte.

Der erste Blick auf La Chaux-de-Fonds ist verwirrend. Mitten in einer typischen Jura-Weidlandschaft erhebt sich auf 1000 Meter über Meer eine unerwartet grosse Stadt. Nicht nur die Grösse überrascht. Für eine Schweizer Stadt mit 37 000 Einwohnern einmalig, sind Strassen und Häuser schachbrettartig angeordnet - wie in amerikanischen Grossstädten.

»Die Städte in den Neuenburger Bergen sind von der Uhrenindustrie für die Uhrenindustrie gebaut worden», erklärt Laurent Kurth, Mitglied der Stadtregierung von La Chaux-de-Fonds.

Visionäre Stadtplanung

Nach einem Grossbrand 1794 legten Kurths Vorgänger einen breiten Abstand zwischen den Häuserzeilen und das klare Strassenraster fest, um weitere Grossbrände zu verhindern.

Diese Stadtplanung trug aber auch der aufkommenden Uhrenindustrie Rechnung. «Diese Gegend hier ist karg und unwirtlich», sagt der städtische Denkmalpfleger Jean-Daniel Jeanneret. Die Winter sind lang und kalt, der Schnee häuft sich oft meterhoch.

Die Bauern des Hochplateaus mussten sich auf Viehzucht und Waldwirtschaft beschränken. Die nahe französische Grenze hingegen schärfte ihren Sinn für allerlei Geschäfte. So feilschten sie mit vorbeiziehenden Armeen, verkauften Pferde, Vieh und Waffen.

Bauern werden geschickte Handwerker

Die Legende besagt, dass es einem Bauer um 1700 gelang, die Uhr eines englischen Handelsreisenden zu reparieren - und zu kopieren. Der Grundstein für eine neue Ära war gelegt. Zeit hatten die Bauern im Winter im Überfluss, handwerkliches Geschick offensichtlich auch.

Viel Platz brauchten die Uhrmacher-Bauern nicht, vor allem Licht war nötig. Dies bewog die Stadtoberen, die Strassenzüge so auszurichten, dass möglichst viel davon in die Ateliers einfällt.

Reihenweise verfügen die Häuser im Stadtkern über grosszügig angelegte Festerreihen. Bei den ersten Häusern wurden die Werkstätten oft im Dachstock untergebracht, bei späteren Bauten dann im Hochparterre.

Kultur und eine Avenue wie in Paris

Die Uhrmacher der frühen Zeit kamen in der Welt herum. Sie machten Station in Genf, Paris und London und häuften soviel Reichtum an, dass die beiden Städte bis zur Uhrenkrise der 1970er- Jahre die aristokratisch geprägte Kantonshauptstadt dominierten.

Von ihren Reisen brachten die Uhrmacher Ideen für ein Theater, Literatursalons, ein Konservatorium und eine Avenue von Pariser Dimensionen mit heim. Auch in der Architektur hinterliessen die Eindrücke aus dem Ausland ihre Spuren - so zum Beispiel in zahlreichen Jugendstilbauten.

Und auch Einheimische trugen zum spannenden Architekturmix bei. Charles-Edouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier, baute für die Uhren-Patrons unter anderem die «Maison Blanche» und die «Villa Turque».

Uhrenerbe pflegen

Trotz einschneidender Uhrenkrise und Diversifikation in die Medizinaltechnik, Robotik und Informationstechnologie drückt die Uhrenidustrie den beiden Städten weiterhin den Stempel auf. Mehrere heruntergekommene Fabriken wurden zwar in Lofts und Büros umgewandelt. Manche ehemalige Wohnräume wurden während dem Uhrenboom der letzten Jahre indes wieder zu Ateliers umgebaut.

In La Chaux-de-Fonds arbeiteten vor der neusten Wirtschaftskrise wieder rund 5500 Menschen in der Uhrenindustrie, in der 10 000 Seelen-Stadt Le Locle sind es 2000.

Von und mit den Uhren sollen auch künftige Generationen leben. «Es macht im Marketing einen Unterschied, wenn wir das Unesco-Label als Uhrenstadt tragen», sagt Jeanneret. Uhrenstädte wie Biel und Grenchen SO könnten es nicht vorweisen.

Der Kampf um Standortvorteile sei hart, denn Hochpräzisionsarbeit werde im fernen Osten auch für sehr viel weniger Geld geleistet. Luxusmarken wie Cartier, Corum, Ebel oder Girard-Perregaux, sollten deshalb in der Welt mit Stolz verkünden, wo sie produzieren. (sda)

Industrie-Welterbe-Stätten sind keine Seltenheit

Es ist nicht das erste Mal, dass die UNESCO das Weltkultur-Label einem Standort verleiht, der sich durch seine Industrie-Geschichte auszeichnet. Solche Stätten gibt es auf der ganzen Welt. Viele davon stammen aus der Frühzeit der Industrialisierung, wie etwa die Kupfermine in Falun, die ihre Blütezeit bereits im 17. Jahrhundert hatte und die wirtschaftliche Entwicklung Schwedens nachhaltig beeinflusste.

In Deutschland wurden die Zollverein-Kohlenzechen in Rheinland- Pfalz, die Völklinger Eisenhütten und die Rammelsberger Metall-Minen unter Schutz gestellt. In Chile erhielten die Salpeter-Fabriken von Humberstone und Santa Laura das Label.

Aber auch Zeugen anderer wirtschaftlicher Aktivitäten befand die UNESCO für schützenswert: In Kuba hat die Weltkulturorganisation die archäologische Landschaft der ersten Kaffeeplantagen und in Belgien die Schleusenwerke von La Louvière und Le Roeulx geschützt.

Damit solche Stätten das Label erhalten, müssen sie von aussergewöhnlichem universellem Wert und ein aussergewöhnliches Beispiel für eine bestimmte Technologie sein, die eine oder mehrere signifikante Perioden der Menschheitsgeschichte illustriert.

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