Aktualisiert 01.09.2019 11:00

Häusliche GewaltWeshalb werden Femizide nicht verhindert?

186 Frauen und Mädchen wurden in der Schweiz in den letzten zehn Jahren durch häusliche Gewalt getötet. Häufig fallen die Täter zuvor polizeilich auf.

von
J. Käser
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Fast alle zwei Wochen verliert eine Frau in der Schweiz ihr Leben – wegen einem Delikt im häuslichen Bereich.

Fast alle zwei Wochen verliert eine Frau in der Schweiz ihr Leben – wegen einem Delikt im häuslichen Bereich.

Keystone/Luis Berg
Am Montag hat soll ein 37-Jähriger in Dietikon (ZH) seine Frau (34) erstochen haben. Er wurde bereits im Februar 2018 aktenkundig wegen häuslicher Gewalt.

Am Montag hat soll ein 37-Jähriger in Dietikon (ZH) seine Frau (34) erstochen haben. Er wurde bereits im Februar 2018 aktenkundig wegen häuslicher Gewalt.

Leser-Reporter
In Au (ZH) kam es Ende Juli zu einem tödlichen Streit. Ein 33-Jähriger tötete seine Ehefrau und stellte sich schliesslich der Polizei.

In Au (ZH) kam es Ende Juli zu einem tödlichen Streit. Ein 33-Jähriger tötete seine Ehefrau und stellte sich schliesslich der Polizei.

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Am Montag wurde eine 34-jährige Frau in Dietikon ZH von ihrem Ehemann umgebracht. Vor rund zwei Wochen brachte eine junger Mann in Rapperswil SG seine Mutter um. Ende Juli wurde eine 24-jährige junge Frau in Au ZH von ihrem Partner und Vater ihres kleinen Kindes getötet. Nur eine Woche zuvor war eine 51-Jährige in Affoltern am Albis ZH ihrem Ehemann zum Opfer gefallen, der seine ganze Familie auslöschte. Bereits im Juni hatte ein Waadtländer seine Frau und den gemeinsamen Sohn tödlich verletzt, bevor er sich selbst richtete.

Diese Liste könnte noch lange weitergeführt werden: Fast alle zwei Wochen verliert eine Frau in der Schweiz ihr Leben – wegen einem Delikt im häuslichen Bereich. Frauen werden viermal häufiger Opfer von häuslicher Gewalt als Männer. Bei den tödlich endenden Fällen ist der Unterschied noch höher: Hier ist der Frauenanteil siebenmal so hoch wie jener der Männer. Das veranschaulicht eine mehrjährige Erhebung des Bundesamts für Statistik von 2018. In den letzten zehn Jahren wurden insgesamt 186 Frauen und Mädchen im Rahmen von häuslicher Gewalt getötet, wie die Schweizer Kriminalstatistik zeigt. Inkludiert man die versuchten Tötungsdelikte sind es 471 Frauen und Mädchen.

Grösstenteils Partnerschaftliche Beziehungen

Der Grossteil davon steht in einer partnerschaftlichen Beziehung zum Täter. So erfasste die Polizei zwischen 2011 bis 2016 insgesamt 294 versuchte oder vollendete Tötungsdelikte im Zusammenhang einer Partnerschaft. 206 Täter-Opfer-Paare waren zum Tatzeitpunkt in einer bestehenden Beziehung, 88 in einer ehemaligen. Laut dem BfS wird mehr als jeder Fünfte Tatverdächtige in den zwei Jahren vor der Tat polizeilich registriert. Bei jedem zehnten Fall geht es direkt um eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt.

Doch wieso können die Täter nicht gestoppt werden, bevor es zu einer Bluttat kommt? Ist es am Ende die Polizei, die versagt? «Nein», sagt Johanna Bundi Ryser, Präsidentin des Schweizerischen Polizeibeamtenverbandes, zur «Schweiz am Wochenende». Die Möglichkeiten der Beamten seien beschränkt, denn die gesetzlichen Hürden, um jemanden zu verhaften, seien hoch. Fühle sich eine Frau bedroht und melde sich deshalb bei der Polizei, werde der betroffene Mann vorgeladen. Doch: «Kein Richter der Schweiz bewilligt eine präventive Haft, ohne, dass vorher etwas Gravierendes passiert ist», so Bundi Ryser zur Zeitung. Häufig habe man keine andere Wahl, als den Verdächtigen laufen zu lassen.

Polizei soll Frauen besser schützen können

Zahlreiche Täter fallen laut der höchsten Polizistin der Schweiz nicht bei der Polizei auf, sondern in der Schule der Kinder, auf dem Sozialamt oder bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Davon würden aber kaum Hinweise oder Warnungen zur Polizei gelangen – wegen des hohen Datenschutzes für die Täter. Dieser werde «höher gewichtet als das Schutzbedürfnis der Frauen.» Bundi Ryser appelliert an Politiker und Juristen. Diese sollten sich Gedanken darüber machen, wie Polizisten Frauen in Zukunft besser schützen können.

Auch auf der Strasse werden die jüngsten Fälle von häuslicher Gewalt zum Thema. So fand am Donnerstag in Zürich eine spontane Demo gegen Femizide statt (siehe Tweets). Schon am Frauenstreik hatten rund eine halbe Million Frauen unter anderem für bessere Massnahmen gegen häusliche Gewalt demonstriert.

Schliesslich werden auch in der Politik Stimmen laut, die den Bund auffordern, gezielt gegen häusliche Tötungsdelikte an Frauen vorzugehen. Grünen-Nationalrätin Maya Graf hat im Juni ein Postulat eingereicht, in dem sie vom Bundesrat einen Bericht zum Thema fordert. Dieser soll Auskunft darüber geben, welche Präventions- und Schutzmassnahmen erarbeitet werden können, um Frauen besser zu schützen. Laut Graf fehlen dazu aber wichtige Daten und Ursachenforschung. Diese müssten nun dringend gesammelt und evaluiert werden.

Das hat der Bund bereits getan

Erst im Juli hat der Bundesrat beschlossen, dass Opfer von häuslicher Gewalt ab Juli 2020 bessere geschützt werden sollen. Kontakt- oder Rayonverbote können durch elektronische Armbänder oder Fussfesseln, die potenzielle Gewalttäter oder Stalker tragen müssen, in Zukunft besser überwacht werden. Zudem sollen Opfer von häuslicher Gewalt laufende Verfahren bei Verdacht auf weitere Gewalt nicht mehr sistieren können.

Tatverdächtige bei häuslicher Gewalt in Partnerschaften

Über 90 Prozent der Tatverdächtigen gehören zur dauerhaften Schweizer Wohnbevölkerung. Laut BfS-Zahlen sind Ausländer, die dauerhaft in der Schweiz wohnen, gut doppelt so häufig Tatverdächtige in besonders schweren Fällen von häuslicher Gewalt. Auf 100'000 ausländische dauerhafte Einwohner kommen 1,8 Tatverdächtige. Unter den Schweizer Männern ist diese Rate mit 0,7 Tatverdächtige auf 100'000 Einwohner kleiner. Bei den vollendeten Tötungsdelikten schwindet der Unterschied deutlich: So zählt das BfS pro 100'000 Schweizer 0,3 Tatverdächtige und pro 100'000 Ausländer 0,5.

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