Aktualisiert

Wahlbeteiligung im VorfeldWestschweizer Briefwähler sind sehr zögerlich

Deutschschweizer wählen tendenziell früher als vor vier Jahren. Nicht so die Welschen. Sie lassen sich damit bis zum letzten Moment Zeit.

von
Ronny Nicolussi
Immer weniger Wählerinnen und Wähler gehen am Wahltag selbst an die Urne.

Immer weniger Wählerinnen und Wähler gehen am Wahltag selbst an die Urne.

Vier Tage vor den Eidgenössischen Wahlen haben die meisten Wahlwilligen bereits brieflich gewählt. In der Stadt Basel beträgt der Anteil eingegangener Wahlzettel über 37 Prozent. Das sind fast sechs Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren, wie Wahlleiter Daniel Orsini auf Anfrage von 20 Minuten Online sagt. Das Einwohneramt der Stadt St. Gallen verzeichnet gar einen Rücklauf von 37,2 Prozent der Wahlzettel. Einen direkten Vergleich mit den Eidgenössischen Wahlen 2007 gibt es zwar nicht. Stephan Wenger, Leiter des Einwohneramts, rechnet jedoch damit, dass bis Sonntag eine Wahlbeteiligung von zwischen 44 und 47 Prozent resultieren wird. 2007 wählten 45,9 Prozent der St. Galler Wahlberechtigten.

Nicht so früh so hohe Wahlbeteiligungen können die Städte Zürich, Winterthur und Bern vorweisen. Allerdings haben die Menschen auch dort früher gewählt als vor vier Jahren. In Zürich stieg der Anteil eingegangener Wahlzettel vier Tage vor den Wahlen von 29,9 auf 31,4 Prozent, in Bern von knapp 30 auf gut 33 Prozent und in Winterthur von gut 25 auf knapp 33 Prozent.

Aus diesem Trend sollte jedoch nicht abgeleitete werden, dass am Ende auch die Wahlbeteiligung deutlich steigen wird, sagt Walter Bosshard, stellvertretender Stadtschreiber von Winterthur. «Würde man den aktuellen Trend hochrechnen, hätten wir am Ende über 60 Prozent Wahlbeteiligung und das ist sicher nicht zu erwarten.» Viel eher nutzten immer mehr Wählerinnen und Wähler die Möglichkeit, brieflich zu wählen.

Nur noch eine Urne in St. Gallen

Dass lieber brieflich als persönlich gewählt wird, hängt sicher auch mit der zunehmend eingeschränkten Zahl an Wahllokalen zusammen. In Bern gab es vor vier Jahren 16 Wahlurnen. Heuer werden es nur noch sechs sein. In St. Gallen hat man die Möglichkeit zur physischen Stimmabgabe auf das gesetzliche Minimum reduziert. Von den sechs Urnen die es 2007 in der Stadt noch gab, wird am Sonntag nur noch eine im Rathaus von zehn bis zwölf Uhr zugänglich sein, wie der Leiter des Einwohneramts sagt. Wenger rechnet damit, dass 98 Prozent der St. Gallerinnen und St. Galler brieflich wählen werden. «Im Schnitt kommen nicht mehr als 400 Personen an die Urne.»

Ganz anders scheint der Trend bei den diesjährigen Wahlen in der Westschweiz zu verlaufen. Die Romands warten zunehmend bis zur letzten Minute, um ihre Wahlzettel abzugeben. In Lausanne hat bis am Mittwoch nicht mal jeder Vierte gewählt. 2007 waren zum selben Zeitpunkt bereits 35,8 Prozent der Wahlzettel abgegeben oder abgeschickt worden, über elf Prozentpunkte mehr als heute.

Viele wählen erst am Samstag

Der stellvertretende Gemeindeschreiber, Sylvain Jaquenoud, kann sich diesen Rückgang nicht erklären. Ihm ist lediglich bereits im Verlauf des Jahres aufgefallen, dass auch bei Abstimmungen immer mehr Bürger im letzten Moment ihre Stimme abgeben: «Viele werfen das Wahlcouvert erst am Samstag in den Briefkasten des Rathauses.» Dass in Lausanne wie vor vier Jahren eine Wählerbeteiligung von bereits tiefen 40 Prozent erreicht wird, glaubt er jedoch nicht mehr.

Ebenfalls auf tiefem Niveau ist der Rücklauf der Wahlcouverts in Genf. Bis Dienstag hatten lediglich 23 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Recht Gebrauch gemacht. Dies ist gleich viel wie bei den letzten Eidgenössischen Wahlen. Die aktuellen Zahlen vom Mittwoch lagen vorerst nicht vor. 2007 hatten vier Tage vor den Wahlen 29,5 Prozent der Genferinnen und Genfer gewählt.

Schulferien als Grund?

Eine mögliche Begründung für das unterschiedliche Wahlverhalten im Vergleich zu den Wahlen 2007 sieht der stellvertretende Stadtschreiber von Winterthur im Zeitpunkt der Schulferien. Weil diese in Winterthur erst mit dem Wahlsonntag enden, ist er überzeugt, dass viele Winterthurerinnen und Winterthurer bereits vor ihrer Abreise gewählt hätten. Für den ungleichen Trend in der Deutschschweiz und der Romandie gilt diese Begründung jedoch nicht. In Lausanne sind derzeit ebenfalls Schulferien.

Einen Fall für sich stellt die italienische Schweiz dar. Mit einem Rücklauf von 31,4 Prozent reiht sich das Wahlvolk von Lugano zwischen Deutschschweizer Früh- und welschen Last-Minute-Wählern ein. Ein Trend im Vergleich zu anderen Jahren kann jedoch nicht ermittelt werden. Denn dass neben den National- auch die Ständeräte brieflich gewählt werden können, ist im Tessin eine Premiere.

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