«Haben Sie gelbe Haut bekommen?» – Westschweizer Komikerin beleidigt Chinesen
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«Haben Sie gelbe Haut bekommen?»Westschweizer Komikerin beleidigt Chinesen

Asien-Schweizer laufen Sturm gegen einen Sketch der Zeitung «Le Temps». Darin macht sich die Protagonistin über die chinesische Bevölkerung lustig.

von
Bettina Zanni
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In einem Sketch von «Le Temps» macht sich Komikerin Claude-Inga Barbey über Chinesinnen und Chinesen lustig.  

In einem Sketch von «Le Temps» macht sich Komikerin Claude-Inga Barbey über Chinesinnen und Chinesen lustig.

Screenshot/Le Temps/Youtube
Anstatt Gabeln habe sie kürzlich zum Fondue Stäbchen aufgetischt, berichtet sie Psychologin Jacqueline im Sketch. 

Anstatt Gabeln habe sie kürzlich zum Fondue Stäbchen aufgetischt, berichtet sie Psychologin Jacqueline im Sketch.

Screenshot/Le Temps/Youtube
Die Stäbchen sind nicht das einzige Klischee, dem sich Barbey bedient. So esse sie etwa «den ganzen Tag Reis», beschreibt sie als weiteres «seltsames Symptom». 

Die Stäbchen sind nicht das einzige Klischee, dem sich Barbey bedient. So esse sie etwa «den ganzen Tag Reis», beschreibt sie als weiteres «seltsames Symptom».

Screenshot/Le Temps/Youtube

Darum gehts

Eine Patientin sitzt bei «Jacqueline la Psy» auf der Couch und beklagt sich über «seltsame Symptome». Anstatt Gabeln habe sie kürzlich zum Fondue Stäbchen aufgetischt, berichtet sie Psychologin Jacqueline im Sketch, den die welsche Zeitung «Le Temps» vor einigen Tagen auf Youtube veröffentlichte. «Covid-Gesetz: das Auge Pekings», lautet der Titel. In die Rolle der Patientin und der Psychiaterin ist Komikerin Claude-Inga Barbey geschlüpft. Die Stäbchen sind nicht das einzige Klischee, dessen sich Barbey bedient.

In ihrer Rolle als Patientin beschreibt sie weitere «seltsame Symptome». So esse sie «den ganzen Tag Reis», habe ihren «schwarzweissen Hund mit Bambussprossen» gefüttert und ein «Meerschweinchen-Ragout» gegessen.

«Von Überwachungskameras angezogen?»

«Haben Sie kürzlich eine gelbliche Färbung ihrer Haut festgestellt und eine leichte Verformung ihrer Augenlider», fragt «Jacqueline la Psy», worauf die Patientin zustimmt und ihre Augenlider nach hinten zieht. Auch will «Jacqueline la Psy» etwa wissen, ob ihre Patientin systematisch von Überwachungskameras angezogen werde und die Geolokalisation auf ihrem Telefon aktiviert habe.

Nachdem sie von der Patientin erfahren hat, dass diese widerwillig für das Covid-19-Gesetz gestimmt hat, stellt «Jacqueline la Psy» folgende Diagnose: «Sie leiden am Symptom des Wählers in der Falle.» Es gebe viele Menschen, die wegen der Finanzhilfen für das Gesetz gestimmt hätten, jedoch die mögliche Massenüberwachung, wie sie in China herrsche, nicht befürworteten. Nun wehre sich das Gewissen in Form der geschilderten Verhaltensänderungen. Als Mittel dagegen empfiehlt sie ihr ein Päckchen Judasohren (siehe Box). Die Sitzung beendet die Psychologin mit den Worten «Chin-toc» und äfft dabei die chinesische Dankesgeste nach.

«Ich wurde als Kind mit all den Stereotypen schikaniert»

Schweizerinnen und Schweizer mit chinesischen Wurzeln laufen gegen den Sketch Sturm. «Ich wurde als Kind mit all den Stereotypen schikaniert, die diese dumme Frau verwendet. Sowas kann ich nicht durchgehen lassen», schrieb J. M.* in einer Insta-Story. Dabei bat er seine Followerinnen und Follower, das Video auf Youtube zu disliken und dort zu melden.

Auch bei anderen Userinnen und Usern löst der Beitrag heftige Kritik aus. «Humor kann gefallen oder nicht, aber das ist beleidigend und rassistisch», kommentiert ein Nutzer. «Rassistische Stereotype … nicht lustig und offensiv», findet ein weiterer. Andere bezeichnen den Sketch als «beschämend» und «Humor zum Kotzen».

«Geschmacklose Darstellung»

Die Zürcher Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) verurteilt den Sketch scharf. «Der Fall ist klar: bitte löschen», sagt Geschäftsleiterin Dina Wyler. Humor dürfe auch mal plakativ oder plump sein, um über aktuelle politische Debatten einen Diskurs zu führen. Aber in diesem Sketch gehe es überhaupt nicht um eine politische Debatte. «Es ist eine geschmacklose Darstellung von Menschen asiatischer Herkunft und reproduziert Vorurteile.»

Für die betroffenen Gruppen sei der Sketch doppelt schmerzhaft, sagt Wyler. «Typische Alltagsrassismen kommen nicht nur vor, sondern erhalten durch die Zeitung auch noch offiziell eine Plattform.» Die betroffene Zeitung als Meinungsmacherin solle ihre Verantwortung wahrnehmen und keine solchen Inhalte mehr publizieren.

«Jeder weiss, dass vor allem sie leiden»

In der Pandemie entwickelte sich gegenüber Menschen mit asiatischer Herkunft ein Corona-Rassismus. Etwa zu Beginn der Pandemie nahmen Menschen Abstand von chinesisch gelesenen Personen. Der Corona-Rassismus gipfelt darin, dass sich Asiatinnen und Asiaten mit dem Hashtag «JeNeSuisPasUnVirus» («Ich bin kein Virus») gegen die Attacken wehrten.

Für Dina Wyler ist «absolut unverständlich», dass eine Zeitung nach 1,5 Jahren Pandemie sowie den Protesten rund um Black Live Matters auf solche Ideen kommt. «Mittlerweile weiss jeder, dass vor allem Menschen mit asiatischem Hintergrund leiden.»

«Wir publizieren den Sketch weiterhin»

Die Chefredaktorin von «Le Temps» verteidigt den Sketch. «Wir halten dieses Video nicht für rassistisch und hatten auch nie die Absicht, irgendjemanden damit zu verletzen», sagt Madeleine von Holzen. «Wir publizieren den Sketch weiterhin.» Die Komikerin habe die Angst vor Covid, dem Tracing und dem Zertifikat im Vorfeld zur Abstimmung über das Covid-19-Gesetz thematisiert.

Claude-Inga Barbey stellt laut von Holzen in der Rolle einer Psychologin und von Patienten jede Woche Personen in einem aktuellen Zusammenhang dar. Die Psychologin sei neurotisch, was allgemein auch auf deren Patientinnen und Patienten zutreffe. «Es handelt sich um bewusst schräge und satirische Sketches.» Claude-Inga sei in der Romandie eine sehr bekannte Komikerin sowohl auf der Bühne als auch in ihren Sketch-Videos.

*Name der Redaktion bekannt.

Pilz mit Legende

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Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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