Tierethiker kritisiert: «Bei der Gansabhauet wird der Tiertod rituell gefeiert, das ist problematisch» 

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Tierethiker kritisiert«Bei der Gansabhauet wird der Tiertod rituell gefeiert, das ist problematisch» 

Einer toten Gans wird mit einem stumpfen Säbel der Hals durchtrennt. Tausende Zuschauer bejubeln dabei die Schläger. Tierschützer fordern die Abschaffung dieses Brauchs. Ein Anwalt erklärt, wie es dazu kommen könnte.

von
Vanessa Federli
Matthias Giordano
20min/L. Hausendorf/noh

Darum gehts

«What’s next? Katzen verbrennen?», empört sich Nationalrätin Meret Schneider auf Twitter. Und mit ihr zahlreiche Tierschützerinnen und Tierschützer. Wie jedes Jahr gibt es Protest, wenn am 11. November in der Surseer Altstadt einer aufgehängten toten Gans mit einem stumpfen Säbel der Kopf abgehackt wird. Von sogenannten Schlägern in rotem Umhang und verbundenen Augen. Die angemeldeten Frauen und Männer haben je einen Versuch – normalerweise braucht es fünf bis 20 Hiebe, bis die Gans geköpft ist. Eine alte Tradition.

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11.11.2022, Sursee LU, erste Gansabhauet seit 2019. Ein Schläger steht bereit für seinen Versuch.

11.11.2022, Sursee LU, erste Gansabhauet seit 2019. Ein Schläger steht bereit für seinen Versuch.

20min/News-Scout
Jährlich jubeln rund 4000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Teilnehmenden zu.

Jährlich jubeln rund 4000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Teilnehmenden zu.

20min/News-Scout
Die Tradition geht zurück auf das 18. Jahrhundert.

Die Tradition geht zurück auf das 18. Jahrhundert.

20min/News-Scout

Eine Tradition allerdings, die «das Ehrgefühl und die Würde des Tieres verletzt, wie es im Schweizer Tierschutzgesetz festgeschrieben steht», findet nun ein Petitionskomitee, das die Abschaffung der Gansabhauet fordert. Ein paar Hundert Stimmen kamen bisher zusammen. Der Protest wächst von Jahr zu Jahr. Auch Nationalrätin (Grüne) und Mitinitiantin der Massentierhaltungsinitiative, Meret Schneider, äussert sich empört:

Tradition sollte auch weiterhin stattfinden

Diese Debatte könne man führen, sagt Erich Felber, Präsident der Gansabhauet-Kommission. «Wir akzeptieren das.» Er möchte jedoch die Würdigung der Gans hervorheben: «In Sursee besteht eine grosse Wertschätzung gegenüber dem Tier. Der Ursprung der Tradition führt lange zurück, als die Gans als wertvolles Nahrungsmittel von den Klöstern überreicht wurde. Unter diesem Aspekt können wir den Brauch verantworten», sagt Felber. 

Was hältst du von der Gansabhauet in Sursee?

Als Schauplatz dient eine Bühne vor dem Rathaus, vor der rund 4000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Schlägern und Schlägerinnen zujubeln. «Ein nüchterner Blick auf die Tierethik macht deutlich, dass ein solcher Umgang mit der toten Gans hinterfragbar ist», sagt Antoine F. Goetschel, einer der bedeutendsten Juristen, die sich für Tiere und ihren Schutz einsetzen. Er ist Gründer und Präsident des Global Animal Law Project. Ein weltweites Netzwerk aus Professoren und Anwälten für Tierschutzrecht. Unter anderem wurde die «Würde der Kreatur» durch sein Zutun in die Schweizer Verfassung aufgenommen.

Ist die Gansabhauet mit dem Tierschutzgesetz vereinbar?

Das Problem der Gansabhauet in Sursee sei, dass «der Tiertod ritualisiert gefeiert, und nicht wie im Gegensatz zur Schlachtung und zum Verzehr bloss in Kauf genommen wird». Dennoch räumt er ein: «Daraus aber direkt eine Art ‹Störung des Totenfriedens des Tieres› abzuleiten, ohne Gesetzesänderung, ist rechtlich nicht haltbar.»

Ändern liesse sich dies durch eine Erweiterung des Artikels 262 im Strafgesetzbuch (Art. 262 StGB). Darin geht es um die Strafen für die Schändung eines Leichnams. «Durch den Zusatz einer Ziffer 3: ‹Wer die Ruhestätte eines toten Wirbeltiers in roher Weise verunehrt, wer einen Leichnam eines Wirbeltiers verunehrt oder öffentlich beschimpft, wird mit Busse bestraft›, wäre es mit dem Verfassungsbegriff der kreatürlichen Würde schon vereinbar», schlägt Goetschel vor. Dann liessen sich auch unwürdige Umgangsformen mit Tierleichnamen nach der Jagd oder im Schlachthof ahnden. Ob sich hierfür eine parlamentarische Mehrheit finden liesse, könne er allerdings nicht abschätzen.

«Zeitgemäss erscheint dieses Ritual, auch mit toten Gänsen, keineswegs», sagt Goetschel. Es liesse sich «in Zeiten echt prickelnder Publikumsspiele mit elektronischen Hilfsmitteln» sicher etwas Fantasievolles und Zeitgenössisches denken. Ein Tier-Imitat oder eine Alternative für den Anlass zu gebrauchen, war laut Komitee-Präsident Felber noch nie ein Thema in Sursee. Felber meint: «Wenn sie von der lokalen Bevölkerung getragen wird, darf die Tradition auch weiterhin stattfinden.»  

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22 (bei Notfällen)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel.  079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00


Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Schweizer Tierschutz (anonym möglich)

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