African Lodge im Thuner Hotel - Whirlpool mit Kannibalen-Optik entfacht Rassismus-Debatte
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African Lodge im Thuner HotelWhirlpool mit Kannibalen-Optik entfacht Rassismus-Debatte

Im Hotel Delta Park bei Thun kann man es sich in der African Lodge im Kochtopf-Whirlpool gutgehen lassen. Das finden einige rassistisch. Der Hotelchef zeigt sich gesprächsbereit.

von
Lucas Orellano
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Der Whirlpool in der Africa Lodge des Hotels Delta Park bei Thun erinnert für einige an ein rassistisches Bild von Afrika.

Der Whirlpool in der Africa Lodge des Hotels Delta Park bei Thun erinnert für einige an ein rassistisches Bild von Afrika.

Hotel Delta Park
Beim Hotel Delta Park hat man den Vorwurf von J.L. zur Kenntnis genommen. «Wir befürworten eine Diskussion, es ist sehr wichtig sie zu führen», sagt Direktor Mirco Plozza auf Anfrage von 20 Minuten.

Beim Hotel Delta Park hat man den Vorwurf von J.L. zur Kenntnis genommen. «Wir befürworten eine Diskussion, es ist sehr wichtig sie zu führen», sagt Direktor Mirco Plozza auf Anfrage von 20 Minuten.

Hotel Delta Park
«Persönlich sehe ich ein kreatives Konzept», sagt Mark Bamidele-Emmanuel («Diaspora TV»)auf Anfrage von 20 Minuten.

«Persönlich sehe ich ein kreatives Konzept», sagt Mark Bamidele-Emmanuel («Diaspora TV»)auf Anfrage von 20 Minuten.

Hotel Delta Park

Darum gehts

  • J.L.*, der in Nairobi wohnte und mit einer Kenianerin verheiratet ist, wurde im Internet auf den Kannibalen-Kochtopf aufmerksam.

  • Rassismus-Forschende stören sich an der «kolonialrassistischen» Optik des Pools.

  • Kein Problem mit dem Kochtopf hat Mark Bamidele-Emmanuel, Chef von «Diaspora TV».

  • Hoteldirektor Mirco Plozza nimmt die Kritik entgegen und signalisiert Gesprächsbereitschaft.

Ist das rassistisch? In der «African Lodge» im Hotel Delta Park in Thun kann man sich von Kannibalen kochen lassen – quasi. Das Hotel wirbt auf seiner Webseite mit einem Pool in Form eines Kochtopfes, darunter das zugehörige Holz, um ein Feuerchen zu entfachen. «Was hat man sich dabei nur gedacht?», sagt J.L.*, der im Internet darauf aufmerksam wurde, als er einen Termin im Spa buchen wollte. «Ich kann mir fast nicht vorstellen, wie das geplant und umgesetzt wurde. Das hätte doch jemandem auffallen müssen, dass das rassistische Klischees bedient.»

Die Idee einer African Lodge findet J.L. grundsätzlich sehr gut. «Es ist abgesehen von dem Topf ja auch sehr stilvoll gemacht und eingerichtet. Man hat sich das wahrscheinlich schlicht nicht überlegt», sagt J.L., der auf Rassismus sensibilisiert ist, weil seine Frau aus Kenia ist und er mehrere Jahre seines Lebens in Nairobi gewohnt hat. «Wir diskutieren zuhause mit unseren beiden Kindern natürlich auch über Rassismus», sagt er. «Den Feuertopf-Pool habe ich allerdings noch nicht angesprochen. Ich schäme mich für solche Dinge, das ist unglaublich peinlich.»

Beim Hotel Delta Park hat man den Vorwurf von J.L. zur Kenntnis genommen. «Wir befürworten eine Diskussion, es ist sehr wichtig sie zu führen», sagt Direktor Mirco Plozza auf Anfrage von 20 Minuten. Es sei aber auch wichtig, den Kontext zu kennen. «Die African Lodge ist seit fünf Jahren in Betrieb und die beliebteste unserer drei Private Spas. Wir haben bisher keine negativen Rückmeldungen erhalten, auch nicht von Menschen mit anderer Hautfarbe, die bei uns zu Gast sind. Bei uns arbeiten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Kulturen und niemand von ihnen hat sich bisher davon angegriffen gefühlt.»

«Der Westen sollte manchmal aufhören, für die Afrikaner zu sprechen»

Kein Problem mit dem Kochtopf-Whirlpool hat Mark Bamidele-Emmanuel, Chef der Online-Senders «Diaspora TV», der selber aus Nigeria stammt. «Persönlich sehe ich ein kreatives Konzept», sagt er auf Anfrage von 20 Minuten. Dass der Topf auf Klischees anspielen soll, lässt Bamidele-Emmanuel nicht gelten: «In den meisten afrikanischen Dörfern kochen wir mit drei Steinen und Holz, und das ist das Beste, was man essen kann.»

«Ich glaube, dass kein Afrikaner das anstössig finden wird», so Bamidele-Emmanuel weiter. «Im Übrigen sollte der Westen manchmal aufhören, für die Afrikaner zu sprechen. Mir ist aufgefallen, dass sich in den meisten Fällen nicht einmal die Afrikaner beschweren, sondern einige NGOs, die Medienpräsenz gewinnen wollen. Afrikaner sind kluge Geschäftsleute und wir verstehen, wenn sie uns diskriminieren wollen, aber das ist bei diesem Hotelkonzept nicht der Fall.»

«Romantisches Bild des ‹vormodernen Afrika›»

Liegt hier also ein Ausdruck von unterschwelligem Alltagsrassismus vor, oder doch eine Überreaktion von Weissen, die es besonders gut machen wollen? «Die vom Hotel bediente Symbolik des Kochtopfs reiht sich in eine kolonialrassistische Bildwelt ein», sagen Barbara Miller und Simone Rees, die an der Universität Freiburg unter anderem zu Postcolonial Studies und der Geschichte der Dekolonisierung forschen.

«Einerseits reproduziert sie durch die Hervorhebung des Exotischen ein romantisches Bild des ‹vormodernen Afrika›, in welchem die Menschen von der Zivilisation unberührt leben wie im Steinzeitalter. Andererseits spielt es mit der Bedrohlichkeit des ‹Primitiven›, welches gerade in der Tourismus-Branche Faszination erwecken soll.» Genau in dieser Gegenüberstellung können sich Schweizerinnen und Schweizer für modern, fortschrittlich und überlegen halten. «Solche Symbole und Klischees bestehen in verschiedenen Bereichen der Schweizer Öffentlichkeit relativ lang unproblematisiert weiter», so die beiden Forschenden.

Hotel zieht Namensänderung in Betracht

Das Hotel Delta Park zeigt sich indes gesprächsbereit. Man habe in den drei Private Spas architektonische und stilistische Elemente aufgegriffen, damit sich Gäste wie in einer anderen Welt fühlen. «Die Kannibalen-Konnotation ist nicht beabsichtigt, aber ich verstehe jetzt, dass man sich allenfalls dadurch angegriffen fühlen kann», sagt Mirco Plozza. «Wir sind absolut bereit, mit Herrn L. vor Ort eine Diskussion zu führen. Für mich ist auch eine Namensänderung der ‹African Lodge› durchaus möglich.»

*Name der Redaktion bekannt.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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