Aktualisiert 27.10.2009 13:51

Bundesrätin in ChinaWidmer-Schlumpf spricht in China Klartext

Justizministerin Widmer-Schlumpf hat sich bei ihren chinesischen Amtskollegen für den verschwundenen tibetischen Filmemacher Dhondup Wangchen eingesetzt. Dessen in Zürich lebender Cousin bleibt aber skeptisch. Von den Fortschritten des chinesischen Rechtsstaats, wie sie von der Bundesrätin in Peking gelobt wurden, spürt seine Familie wenig.

von
Katharina Bracher

Eveline Widmer-Schlumpf hat den Fall des inhaftierten tibetischen Filmers Dhondup Wangchen, dessen Verwandte in Zürich leben, auf ihrer China-Mission angesprochen. «Die Bundesrätin hat ihre Sorge um den verschwundenen Filmemacher bei der chinesischen Justizministerin und dem Minister für öffentliche Sicherheit ausgedrückt», wie EJPD-Informationschef Guido Balmer gegenüber 20 Minuten Online sagte. Widmer-Schlumpf hat ihre Bitte um Informationen zum verschwundenen Filmemacher mit einem Lob verbunden: China habe in den letzten Jahren bei der Gesetzgebung grosse Fortschritte gemacht. So seien auch im Prozessrecht wesentliche Erfolge erzielt worden.

In grosser Sorge um den Cousin

Die Familie des verschwunden Filmemachers würde diese Feststellung wohl nicht unterschreiben. «Ich bin immer noch in grösster Sorge um meinen Cousin», sagte Gyaljong Tsetrin, der 2002 in die Schweiz geflüchtet ist, gegenüber 20 Minuten Online. «Wir haben zwar auf Umwegen erfahren, dass der Prozess gegen ihn angefangen hat, wissen aber nicht, wie der Stand der Dinge ist.» Man wisse nicht mal, was Dhondup vorgeworfen werde. Eine Anklageschrift habe man nie zu Gesicht bekommen und der Familienanwalt sei von den chinesischen Justizbehörden gezwungen worden, das Mandat niederzulegen.

Laut EJPD-Sprecher Balmer hat Widmer-Schlumpf ihre chinesischen Kollegen um Auskunft zum Aufenthaltsort von Dhundup Wangchen gebeten. Darüber hinaus habe sie die chinesischen Behörden gebeten, dem tibetischen Filmer rechtliches Gehör zu verschaffen. Die chinesische Regierung habe eine baldig Antwort zugesichert, so Balmer weiter.

Gyaljong Tsetrin will sich bei Widmer-Schlumpf bedanken

Mario Fehr, SP-Nationalrat und Präsident der Parlamentarischen Gruppe für Tibet, erfüllt die vorläufige Bilanz der China-Reise von Eveline Widmer-Schlumpf mit Genugtuung. Bereits im Vorfeld erklärte er gegenüber 20 Minuten Online, dass er der Bundesrätin zutraue, die desolate Menschenrechtslage in China zu thematisieren. «Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat meine Erwartungen erfüllt», sagt er heute, «ich teile allerdings ihre Einschätzung bezüglich der generellen Fortschritte in China nicht.» Fehr hofft aber trotzdem, dass sich die chinesische Regierung an ihr Versprechen halte.

Gyaljong Tsetrin ist zufrieden mit der Schweizer Justizministerin: «Ich bin überaus dankbar, dass Frau Widmer-Schlumpf sich für meinen Cousin eingesetzt hat.» Er wolle persönlich bei Widmer-Schlumpf nach deren Rückkehr in Bern vorbeischauen und sich bedanken.

Der Film von Dhondup Wangchen wurde im August 2008 in Zürich uraufgeführt. Das Filmmaterial wurde vom Regisseur unter prekären Umständen ausser Landes in die Schweiz gebracht und in Zürich von Gyaljong Tsetrin geschnitten und zur Aufführung gebracht. Wangchen selbst hat den Film nie gesehen, da er vor der Veröffentlichung von den chinesischen Behörden verschleppt wurde. Auch ein Mönch, der den Regisseur während der Filmarbeiten auf seinem Motorrad in Tibet umhergefahren hat, wurde verhaftet, ist aber später wieder freigelassen worden. Der in Zürich lebende Gyaljong Tsetrin war selbst mehrmals verhaftet und gefoltert worden wegen so genannt «anti-chinesischen Aktivitäten». Im Jahr 2002 floh er in die Schweiz.

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