Aktualisiert 01.02.2011 14:12

Unruhen

Wie Ägypter in der Krise den Alltag meistern

Seit Ausbruch der Proteste ist der Wasserpreis deutlich gestiegen. Die Menschen kaufen Brot und Bohnen auf Vorrat und formieren sich zur Bürgerwehr.

von
Ryan Lucas, dapd

Nach 24 Jahren in Kanada waren Rafik und Leila Baladi erst vor zwei Wochen zurück nach Kairo gezogen. Jetzt sind sie wie so viele Einwohner der 18-Millionen-Stadt im Chaos der Protestwelle unterwegs, um Wasser und die wichtigsten Lebensmittel auf Vorrat zu kaufen und packen in einem Supermarkt in der Innenstadt ihren Einkaufswagen mit Milch, Bohnen, tiefgekühlter Hähnchenbrust und anderem voll. «Wir wissen einfach nicht, was passieren wird», sagt Leila. «Die Leute haben eine Riesenangst.»

Der Aufstand gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak, der vor einer Woche begann und am Dienstag mit einem Marsch von einer Million Menschen eine neue Dimension erreichen sollte, hat den Alltag in der ägyptischen Hauptstadt durcheinandergewirbelt. Schulen sind geschlossen, Geschäfte verriegelt. Statt des üblichen Megastaus fliesst der Verkehr nur spärlich. Dem Nachtleben hat das Ausgehverbot von abends bis morgens den Garaus gemacht. Internet- und SMS-Dienste, teilweise auch Handy-Netze sind seit Tagen gestört.

Schlaflose Nächte

Die Furcht vor Kriminalität ist allgegenwärtig. «Die Geldautomaten sind leer, um die 5000 Sträflinge treiben sich auf den Strassen herum, und es gibt keine Sicherheit», klagt May Sadek, eine PR-Agentin aus dem bürgerlichen Stadtteil Dokki. Aus mindestens vier Gefängnissen in Kairo sind in den vergangenen Tagen tausende Gefangene ausgebrochen. Die Polizei, normalerweise an fast jeder Strassenecke präsent, hatte sich am Wochenende verkrümelt, sodass Plünderer und Brandstifter freie Bahn hatten. Banden räumten Geschäfte, Einkaufszentren und Wohnungen in besseren Vierteln aus. Erst am Montag waren in vielen Gegenden wieder Polizisten zu sehen.

Doch in der Zwischenzeit sprangen junge Männer in die Bresche, bildeten Bürgerwehren und rüsteten sich mit Schusswaffen, Messern und Knüppeln, um ihre Familien und ihr Hab und Gut zu verteidigen. In Teilen der Stadt regelten sie auch den Verkehr und verjagten Banden von Kriminellen, die Autoscheiben einschlugen.

Wegen der Schüsse draussen und aus Angst vor Plünderern taten Naglaa Mahmud und ihre beiden Söhne zuhause im gehobenen Stadtteil Maadi im Süden Kairos in der Nacht zum Sonntag kein Auge zu. «Wir konnten nicht schlafen», sagt die 37-jährige Hausfrau. «Mein Mann und mein Bruder gingen mit Knüppeln runter, um die Gauner fernzuhalten. Bei Tagesanbruch sind meine Kinder endlich eingeschlafen. Die Schüsse haben ihnen Angst gemacht.»

Leere Geldautomaten

Da kein Ende der Proteste in Sicht ist, decken sich die Menschen mit Vorräten ein, um abzuwarten, bis die Lage sich beruhigt. In Vierteln wie Samalek, Mohandiseen und Dokki wurden bereits am Sonntag manche Dinge knapp, vor allem Brot und Wasser in Flaschen. In einem Laden kostete Wasser drei mal so viel wie üblich. Da die Banken geschlossen sind und viele Geldautomaten nichts mehr hergeben, hat manch einer schon nicht mehr viel im Portemonnaie. «Wir können nichts abheben, und wir haben im Augenblick keine 1.000 Pfund (124 Euro) mehr. Deshalb kaufen wir jetzt, was wir können, und versuchen damit auszukommen», erklärt der Musiker und Autor Rafik Baladi.

Das öffentliche Leben in Kairo ist fast ganz zum Erliegen gekommen. In der Innenstadt, dem Brennpunkt der Proteste, haben nahezu alle Geschäfte die Läden dicht gemacht, Schaufenster sind zugestrichen oder mit Brettern vernagelt. Am anderen Nilufer in Dokki haben nur eine Handvoll Apotheken, Cafés und Imbissstuben geöffnet. «Seit Dienstag geht es nur noch um die Demonstrationen, um nichts sonst», sagt Selma Abu Dahab, die für eine internationale Firma arbeitet. Dass der Zugang zum Internet gekappt ist, sei für alle ein grosses Ärgernis: «Das ist so, als ob sie uns einen Knebel in den Rachen stopfen.»

Trotz aller Sorgen, Mühen und Ängste scheinen sich die Menschen in Kairo auf die Situation einzurichten. «Das ist das erste Mal, dass wir in so einer Lage sind», sagt Sadeks Freund Jassin Gedelhak, ein junger Immobilienmakler. «Es ist nicht nur eine Frage, wie lange wir durchhalten können - es ist eher die Frage, wie lange die aushalten können», sagt er in Anspielung auf Mubaraks Regime.

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