Aktualisiert 08.05.2020 05:29

Zum vermeintlichen WM-StartWie aus unserer Traum-WM der Corona-Albtraum wurde

Heute würde die Eishockey-Heim-WM beginnen. Ein Traum wurde zum Albtraum. Auf die grosse Vorfreude folgte der riesige Frust. Eine Aufarbeitung der Ereignisse in zehn Punkten.

von
Marcel Allemann
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Die Eishockey-WM in der Schweiz ist eines der vielen Opfer der Corona-Krise.

Die Eishockey-WM in der Schweiz ist eines der vielen Opfer der Corona-Krise.

Foto: Keystone
OK-Chef Gian Gilli musste die WM am 21. März absagen.

OK-Chef Gian Gilli musste die WM am 21. März absagen.

Foto: Keystone
Die Traurigkeit danach war gross, nicht nur bei Nationaltrainer Patrick Fischer.

Die Traurigkeit danach war gross, nicht nur bei Nationaltrainer Patrick Fischer.

Foto: Keystone

Darum gehts

  • Heute hätte die Eishockey-WM in Zürich und Lausanne starten sollen.
  • Das Coronavirus verhinderte dieses Sport- und Volksfest in der Schweiz.
  • Wir erzählen Ihnen in zehn Punkten die Geschichte unserer Heim-WM – von der Vergabe bis zur bitteren Absage.

1. Am 15. Mai 2015 erhält die Schweiz am Kongress des Internationalen Eishockey-Verbandes IIHF anlässlich der WM in Prag die Austragung der Weltmeisterschaft 2020 zugesprochen. Hauptspielort ist Zürich mit dem Hallenstadion. Als zweite Stadt war schon damals Lausanne mit dem sich in Planung befindenden Eishallen-Neubau vorgesehen. Es hätte das elfte Mal sein sollen, dass Eishockey-Weltmeisterschaften in der Schweiz stattfinden.

2. Bereits drei Tage nach dem WM-Zuschlag steht fest, wer das OK der Titelkämpfe anführen wird. Es ist mit dem erfahrenen Sport-Manager Gian Gilli derselbe Mann, der schon bei der letzten Schweizer WM 2009 in Bern und Kloten die Hauptverantwortung trug.

3. Unverändert bleibt auch das Maskottchen. Cooly, die lustige und sympathische Schweizer Kuh, soll nach der Eishockey-WM 2009 und der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich ihren dritten internationalen Auftritt haben.

Maskottchen Cooly war bereit für ihre Einsätze.

Maskottchen Cooly war bereit für ihre Einsätze.

Foto: Keystone

4. Dafür, dass die Vorfreude auf den Grossanlass steigt, sorgt aber primär die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Patrick Fischer ist es als Nationaltrainer gelungen, einen grossartigen Teamspirit zu entwickeln. Der bisherige Höhepunkt seiner Amtszeit ist der WM-Final 2018 in Kopenhagen, der gegen Schweden erst im Penaltyschiessen verloren geht. Es ist die zweite WM-Silbermedaille innert fünf Jahren. 2019 wird die Nati an der WM in der Slowakei von Kanada im Viertelfinal erst in allerletzter Sekunde am erneuten Halbfinal-Einzug gehindert. Das Nationalteam ist in den letzten Jahren enorm populär geworden, entsprechend glänzend lässt sich der Ticket-Verkauf für die Heim-WM an.

Die Heim-WM ist Monat für Monat immer besser spürbar.

5. Ab Mai 2019 wird die WM im Land immer präsenter. «Let’s Make History!» ist das offizielle WM-Motto. Und die rund 1000 freiwilligen Helfer sind nicht einfach «Volonteers», sondern «History Makers». Es sind Plakate in den Städten zu sehen, es laufen Aktionen im ÖV, und im September wird der Countdown auch im Flughafen Zürich-Kloten mit einer grossen WM-Uhr eingeläutet, die fortan die verbleibenden Tage (241 sind es damals), Stunden, Minuten und Sekunden bis zum 8. Mai 2020 zählen wird. TV-Spots werden geschaltet, die Berichterstattung in den Medien nimmt zu. Die Heim-WM ist Monat für Monat immer besser spürbar.

6. Ab dem 30. Dezember 2019 ist es plötzlich nicht mehr der virtuelle Roger Federer, der die Passagiere am Flughafen Zürich-Kloten begrüsst, sondern Eishockey-Nati-Goalie Leonardo Genoni. Zur selben Zeit weilt eine WM-2020-Delegation am Spengler-Cup in Davos. Maskottchen Cooly hat einen Auftritt, auch Gian Gilli ist vor Ort. Er spricht vor der letzten Ruhe vor dem Sturm und zeigt sich im Hinblick auf die nächsten Monate voller Enthusiasmus. Zeitgleich bereitet Ärzten in Spitälern im chinesischen Wuhan ein neuartiges Coronavirus grosse Sorgen, mehr als 180 Leute sind bereits infiziert. Dass dieses die Welt im unmittelbar bevorstehenden Jahr 2020 auf den Kopf stellen und keine drei Monate später auch die Schweizer Eishockey-WM zu Fall bringen würde, daran denkt an diesen beschaulichen Tagen in Davos wahrlich niemand.

Das Coronavirus beeinträchtigt den Sport: Geisterspiele auch im Schweizer Eishockey.

Das Coronavirus beeinträchtigt den Sport: Geisterspiele auch im Schweizer Eishockey.

Foto: Keystone

7. Das Coronavirus ist in Europa angekommen. Zunächst wird Norditalien zum Hotspot. Am 25. Februar 2020 gibt es den ersten offiziellen Covid-19-Fall in der Schweiz. Drei Tage später ruft der Bundesrat die «besondere Lage» aus und verbietet Veranstaltungen mit über 1000 Personen. Erstmals hat Covid-19 auch Auswirkungen auf den Schweizer Sport. Die für das bevorstehende Wochenende vorgesehenen Fussballspiele werden verschoben, die beiden letzten Runden der Qualifikation im Eishockey ohne Zuschauer ausgetragen. Noch hoffen zu diesem Zeitpunkt aber alle, dass das bevorstehende Playoff stattfinden kann. Dass die WM in Gefahr ist, wird damals in der Öffentlichkeit, bei dieser ganzen Flut von News und Informationen rund um das Virus, noch kaum richtig wahrgenommen. Es bleiben ja auch noch über zwei Monate Zeit. Aber beim WM-OK beginnen in diesen Tagen allmählich die Alarmglocken zu schrillen.

8. Am 6. März erfolgt wie geplant die Taufe des WM-Songs «Here We Go» von Bastian Baker und Yves Larock. Eine Nummer mit Hitpotenzial. Ein Hit, dem aber schon bald die vorgesehene Plattform fehlen wird. Die Schweiz wird in den Tagen darauf von der Corona-Welle überrollt. Das Eishockey-Playoff wird zunächst verschoben und schliesslich abgesagt. Die Zweifel, dass die WM wie geplant stattfinden kann, werden täglich grösser. Am 16. März ruft der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» aus. Es kommt zum Lockdown, das ganze Land steht plötzlich still. Auch der Sport ist ausser Gefecht gesetzt. Spätestens jetzt ist allen klar: Eine Eishockey-WM im Mai in Zürich und Lausanne ist völlig unrealistisch.

Ein bitterer Tag für Gilli und seinen Staff. Für die «History Makers». Für alle Fans mit Tickets. Für sämtliche sportinteressierten Leute in der Schweiz, die sich gefreut haben.

9. Am 17. März wird die Fussball-EM 2020 ins Jahr 2021 verschoben. Ein Sportanlass nach dem anderen wird abgesagt oder hinausgeschoben. Dann kommt der 21. März, und es kommt das, was kommen musste: Der Stecker wird gezogen, offizielles Lichterlöschen für die Eishockey-WM 2020. Ein bitterer Tag für die IIHF mit ihrem Schweizer Präsidenten René Fasel. Aber vor allem auch für Gilli und seinen Staff. Für die «History Makers». Für alle Fans mit Tickets. Für sämtliche sportinteressierten Leute in der Schweiz, die sich gefreut haben. Zunächst strebt Swiss Ice Hockey an, die WM 2021 nachholen zu können. Zieht sich von diesem Vorhaben aber wieder zurück. Denn die nachfolgenden Veranstalter hätten finanziell abgegolten werden müssen. Und überhaupt: Wie wird die Lage im Mai 2021 sein? Ist das Virus dann wirklich besiegt? Und wie investitionsfreudig wären in den kommenden Monaten allfällige Sponsoren noch? Eine realistische Variante scheint inzwischen 2023 zu sein. Von der geleisteten Vorarbeit könnte bis dann nur noch in reduziertem Masse profitiert werden.

10. 8. Mai 2020. Für Zürich sind heute 23 Grad und Sonnenschein prognostiziert. Die Stadt würde sich in ihrem perfekten vorsommerlichen Kleid zeigen. Die Fans würden am Nachmittag und Vorabend gut gelaunt durch die Zürcher Strassen flanieren, in einem Gartenrestaurant essen und mit einem Bier in der Hand in die Sonne blinzeln. Bevor um 20.20 Uhr im Hallenstadion der WM-Eröffnungs-Knüller Schweiz - Russland steigen würde. Würde, hätte, wäre. Corona hat alle in die Knie gezwungen. Es gibt kein Schweiz - Russland. Auch (noch) kein Essen im Restaurant. Und mit dem Bier in die Sonne geblinzelt wird heute leider ausschliesslich auf dem heimischen Balkon.

Eishockey-WM in der Schweiz

Die Weltmeisterschaft 2020 hätte bereits das elfte Mal sein sollen, dass die globalen Wettkämpfe in der Schweiz stattfinden. Seit 1920 wird die WM von der Internationalen Eishockey-Föderation (IIHF) veranstaltet und machte schon zehn Mal halt in der Eidgenossenschaft.

  • 1928 in St. Moritz
  • 1935 in Davos
  • 1939 in Zürich und Basel
  • 1948 in St. Moritz
  • 1953 in Zürich und Basel
  • 1961 in Genf und Lausanne
  • 1971 in Bern und Genf
  • 1990 in Bern und Freiburg
  • 1998 in Zürich und Basel
  • 2009 in Bern und Kloten

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20 Kommentare
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Als History Maker dabei

08.05.2020, 09:19

Schon als die zwei letzten Qualispiele waren und ich in der Halle ohne Zuschauer stand, ahnte ich, dass die WM wohl nicht stattfinden würde. Ich hatte mich so extrem darauf gefreut, als History Maker einen wichtigen Bestandteil der WM zu sein. Das Feeling und die Atmosphäre miterleben zu können, was so eine WM mit sich bringt. Solch eine Chance hat man nur einmal im Leben. Schade. Sehr schade und sehr, sehr bitter. Aber was soll man machen. Die Gesundheit geht vor !

Mit Denker

08.05.2020, 09:17

Schade. Wirklich.. Hatten auch Tickets. Wie für diverse Konzerte und Veranstaltungen. Wird nun leider nichts draus.. Gibt hoffentlich bald neue Daten für die Events. Will kein Geld retour. Dafür neue Tickets..

Bibi T.

08.05.2020, 09:01

Ach, diese Übertreibungen! Eine Weltmeisterschaft, die jedes Jahr stattfindet, marginalisiert sich selber.