Kirche und Menschenrechte: Wie christlich sind unsere Werte?

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Kirche und MenschenrechteWie christlich sind unsere Werte?

Politiker behaupten immer wieder, die wichtigsten europäischen Werte, etwa die Menschenrechte, hätten christliche Grundlagen. Stimmt das?

von
Rolf Maag
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CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister meint, die Schweiz sei ein christliches Land und von christlichen Werten geprägt.

CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister meint, die Schweiz sei ein christliches Land und von christlichen Werten geprägt.

Keystone/Anthony Anex
Doch sind die Menschenrechte christlich begründet? Wenn man die jahrhundertelange Praxis der christlichen Kirchen betrachtet, muss man das bezweifeln. Karl der Grosse ordnete im 8. Jahrhundert die Zwangsbekehrung der heidnischen Sachsen an.

Doch sind die Menschenrechte christlich begründet? Wenn man die jahrhundertelange Praxis der christlichen Kirchen betrachtet, muss man das bezweifeln. Karl der Grosse ordnete im 8. Jahrhundert die Zwangsbekehrung der heidnischen Sachsen an.

Wikimedia Commons/Beckstet/CC BY-SA 3.0
Der Dominikaner Tomás de Torquemada (1420-1498) baute die berüchtigte spanische Inquisition auf, die bis ins 19. Jahrhundert bestehen blieb.

Der Dominikaner Tomás de Torquemada (1420-1498) baute die berüchtigte spanische Inquisition auf, die bis ins 19. Jahrhundert bestehen blieb.

Wikimedia Commons/PD

Kürzlich verlangte ein SVP-Politiker, in den Schulzimmern von Kriens müssten Kreuze hängen, weil «die öffentliche Schule ein Spiegelbild unserer christlich geprägten Identität, Kultur und Traditionen ist». Ähnlich argumentiert CVP-Präsident Gerhard Pfister, wenn er immer wieder die christlichen Werte hochhält. Was könnte damit gemeint sein?

Eine mögliche Antwort liefert ein Positionspapier des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer aus dem Jahr 2008. Dort werden die Freiheit des Individuums, das Gebot der Chancengleichheit, das Prinzip des Ausgleichs zwischen Bedürftigkeit und Überfluss sowie die Garantie körperlicher und seelischer Unversehrtheit zu den nicht verhandelbaren Grundwerten mit angeblich christlicher Grundlage gezählt. All diese Werte und Ziele sind in den verschiedenen Menschenrechtserklärungen, etwa derjenigen der UNO aus dem Jahr 1948, verankert.

Intolerante Praxis

Sind die Menschenrechte christlich begründet? Wenn man die jahrhundertelange Praxis der christlichen Kirchen betrachtet, muss man das bezweifeln. Bis in die Neuzeit begegneten sie Andersdenkenden und -gläubigen mit äusserster Intoleranz. Als Beispiele können etwa die Zwangstaufen der Sachsen unter Karl dem Grossen, die Exzesse der Inquisition, die Verbrennung des Arztes Miguel Serveto in Calvins Genf oder die Wiedererrichtung des jüdischen Ghettos unter Papst Pius IX. im Jahr 1850 dienen.

Andererseits bemerkt der christlich gesinnte Politologe Hans Maier: «Menschenrechte und Menschenwürde sind nicht denkbar ohne das Werk christlicher Erziehung durch Jahrhunderte hindurch.» Er fügt allerdings hinzu: «Aber ebenso wahr ist, dass die Kirche auf Idee und Bewegung der Menschenrechte lange Zeit mit Skepsis, ja mit Ablehnung reagiert hat.» Haben die Kirchen vielleicht ihre eigenen Lehren falsch verstanden?

Gottesebenbildlichkeit

Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man einen Text liest, der ganz am Anfang der Bibel (1. Buch Mose, 1, 26) steht: «Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.» Manche meinen, die Idee der Menschenwürde habe ihre Grundlage in der hier beschriebenen «Gottesebenbildlichkeit».

Der Politologe Armin Pfahl-Traughber schreibt dazu: «Die Auffassung von der Ähnlichkeit des Menschen mit Gott bezieht sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott, hat somit eine religiöse Dimension. Es geht hier erkennbar eben nicht um das Verhältnis der Menschen zueinander in der realen Welt.» Jedenfalls fanden die Autoren der Bibel nichts dabei, dass zahlreiche Ebenbilder Gottes von ihresgleichen versklavt wurden.

Gleichheit vor Gott

Aber die Idee der Gleichheit der Menschen hat doch eine biblische Grundlage? Das scheint eine Aussage des Apostels Paulus, der einen grossen Einfluss auf die christliche Theologie hatte, nahezulegen: «Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‹einer› in Christus Jesus» (Brief an die Galater, 3, 28). Diese Gleichheit gilt aber nur für getaufte Christen, und auch das nur im Angesicht Gottes.

Dass auch Paulus nichts gegen die Sklaverei und somit gegen die irdische Ungleichheit einzuwenden hatte, belegt eine Passage im ersten Brief an die Korinther, 7, 20-22: «Jeder soll in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat. Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; auch wenn du frei werden kannst, lebe lieber als Sklave weiter. Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi.»

Wir alle sind Sünder

Die Vorstellungen von der Menschenwürde und den Menschenrechten sind deshalb nur schwer christlich zu begründen, weil wir angeblich alle Sünder sind, seit Adam die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis kostete. Aufgrund dieser Erbsünde haben wir alle die ewige Verdammnis verdient, die Gott in seiner Barmherzigkeit jedoch einigen wenigen erspart.

Im Bewusstsein unserer Schlechtigkeit müssen wir auf Erden auch Regierungen ertragen, die uns ausbeuten und unterdrücken. Paulus sagt im Römerbrief (13, 1-2): «Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.»

Säkularismus

Die Menschenrechte wurden von den Denkern der Aufklärung nicht christlich, sondern mit der natürlichen Gleichheit der Menschen begründet. Ausserdem ist die Schweiz seit der Totalrevision der Bundesverfassung im Jahr 1874 ein säkularer Staat. In einem solchen sollten aber die Normen, nach denen sich alle zu richten haben, auch ohne Rückgriff auf eine besondere religiöse Tradition begründet werden. Alles andere würde einer religiös pluralistischen Gesellschaft, in der auch sehr viele Menschen ohne Glauben leben, nicht gerecht werden.

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