«Peking direkt» mit Klaus Zaugg: Wie Cristiano Ronaldo und Thomas Häberli
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«Peking direkt» mit Klaus ZauggWie Cristiano Ronaldo und Thomas Häberli

Das Doppel von Roger Federer und Stanislas Wawrinka war für 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg der bisherige Höhepunkt der Olympischen Spiele in Peking. Grund genug für ihn, einen Vergleich zu wagen.

Nein, die Berner Young Boys werden Cristiano Ronaldo nicht als Yakin-Ersatz verpflichten. Aber: In Peking bietet sich die Möglichkeit, live zu sehen, wie es wäre, wenn der Berner Torjäger Thomas Häberli neben Manchester Uniteds Cristiano Ronaldo stürmen dürfte. Das Doppel Roger Federer/Stanislas Wawrinka live zu sehen war für mich bisher das faszinierendste Erlebnis dieser Sommerspiele. Das Duo entspricht ungefähr einem Zweimann-Sturm Ronaldo/Häberli im Fussball.

Auf dem Papier ist die Differenz zwischen Federer und seinem Doppelpartner zwar nicht so gross wie jene zwischen Superstar Ronaldo und Häberli. Wawrinka ist die Nummer 10 der Welt, Federer noch für wenige Tage die Nummer 1.

Und doch: Zwischen unseren beiden Tennis-Helden liegen Welten. Federer dominiert das Spielfeld auch im Doppel auf eine unnachahmliche Art und Weise. Es ist, als ob er lenke und denke - und Wawrinka renne. Der Waadtländer ist ein lauffreudiger, oft gar aggressiv wirkender Fleissspieler mit viel Vorwärtsdrang auf Weltklasse-Niveau - aber ohne Charisma. Um beim Fussball zu bleiben: In diesem Bereich ist Federer Franz Beckenbauer und Wawrinka Berti Vogts.

Federer macht Wawrinka stärker

Beim gestrigen Erstrundenspiel war es fast ein symbolischer Akt, dass Federer den Satzball souverän verwertete. Als wolle er seinem «Springbuben» zeigen, wie man so etwas macht - und wer der Chef auf dem Platz ist. Logisch, dass der anfänglich nervöse Wawrinka im Laufe des Spiels gegen die Italiener Bollelli/Seppi immer stärker auftrumpfte. Federer machte ihn besser - so wie ein grosser Fussballspieler eine Mannschaft besser macht. Eben genauso wie ein Cristiano Ronaldo gewiss aus Thomas Häberli einen noch besseren Stürmer machen würde.

In Federers Schatten

Ein Blick zurück in die Vergangenheit: Heinz Günthardt ist der «Bernhard Russi» unserer Tenniszene geworden - obwohl er in der Weltrangliste nie besser als auf Position 22 klassiert war (1986). In den Top Ten der Welt war er also nie. Stanislas Wawrinka hingegen hat dies geschafft. Mit dieser grandiosen sportlichen Leistung müsste der Romand eigentlich einer der populärsten Sportler unseres Landes sein - vor jedem Ski- und Velohelden, vor jedem Fussball- und Eishockeystar. Aber: Heinz Günthardt dürfte heute noch populärer sein als Wawrinka.

Der Waadtländer hat das Pech, im Schatten von Roger Federer, dem grössten und charismatischsten Schweizer Sportler aller Zeiten, zu stehen. Hier in Peking, auf dem Platz im Doppel - und wohl überall für den Rest seiner beeindruckenden Karriere. Eine Medaille bei den Sommerspielen hier in Peking dürfte für Wawrinka wohl ein kleines «Trösterli» sein.

Klaus Zaugg, Peking

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