Düstere Finanz-Aussichten: Wie damals – nur schlimmer

Aktualisiert

Düstere Finanz-AussichtenWie damals – nur schlimmer

Vor drei Jahren kollabierte Lehman Brothers und erschütterte das Weltfinanzsystem. Heute steht die Finanzwelt vor dem nächsten Crash – nur ist der totale Kollaps diesmal wahrscheinlicher.

von
S. Spaeth
Drei Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman-Brothers stehen französische Banken mit dem Rücken zur Wand.

Drei Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman-Brothers stehen französische Banken mit dem Rücken zur Wand.

Die grossen weltgeschichtlichen Tatsachen würden sich einmal als Tragödie, das andere Mal als Farce ereignen, schrieb der Philosoph und Ökonom Karl Marx. Vor drei Jahren rasselte die damals drittgrösste Investmentbank der Welt in die Pleite. In der Finanzwelt herrschte im Herbst 2008 Panik. Diese Woche sagte Deutsche-Bank-Chef Joe Ackermann auf einer Tagung in Frankfurt, dass ihn die heftigen Kursstürze der letzten Wochen an die Zeit von 2008 erinnerten.

Drei Jahre nach dem grössten Kurssturz an der Wall Street seit 1929 bangt man wieder um Banken – diesmal aber um jene Frankreichs. Die Bonitätswächter von Moody's haben die Kreditwürdigkeit von Crédit Agricole und Société Générale heruntergestuft. Der Grund: Ihre Bücher sind randvoll mit maroden griechischen Staatsanleihen – und Crédit Agricole ist sogar direkt an verlustbringenden griechischen Banken beteiligt.

Arg in der Bredouille soll sich auch die französische Bank BNP-Paribas befinden. Das «Wall Street Journal» zitierte eine Aussage eines namentlich nicht genannten Manager, wonach sich das Finanzinstitut keine US-Dollars mehr bei anderen Marktteilnehmern leihen könne. Selbstverständlich dementierten die Franzosen das Gerücht um Refinanzierungsprobleme energisch. Der Kurs taucht trotzdem. Innerhalb der letzten drei Monate haben die Aktien der französischen Bank 47 Prozent ihres Werts verloren.

Banken misstrauen einander

«Es gibt erschreckende Parallelen zwischen der Zeit vor dem Lehman-Crash und heute», sagt der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann im Gespräch mit 20 Minuten Online. Erneut gebe es Probleme auf dem Interbankenmarkt. Die Finanzinstitute misstrauen einander. Sie bringen ihr Geld über Nacht lieber zur Europäischen Zentralbank, als es einer Geschäftsbank auszuleihen. Die Einlagen sind diese Woche zwischenzeitlich auf ein 14-Monats-Hoch geklettert. Und leihen sich die Banken trotzdem Geld, dann zu teureren Konditionen. Diese Woche stieg der Libor – der Zinssatz für Leihgeschäfte unter den Banken – auf ein Rekordhoch.

Die Furcht vor dem nächsten Crash zeigt auch die jüngste Massnahme der Notenbanken. Um den austrocknenden Geldgeschäften unter den Geschäftsbanken entgegenzuwirken, beschlossen die Notenbanken der USA, Japans, Englands und der Schweiz am Donnerstag, in einer gemeinsamen Aktion die Dollar-Liquidität ausserhalb der USA zu erweitern. Die Massnahme gilt vorerst für die kommenden drei Monate.

Zwar reagierten die Börsen kurzfristig positiv; Frankreichs Problem ist damit aber nicht gelöst. Sollte die Schuldenkrise Griechenland in die definitive Zahlungsunfähigkeit treiben, wackeln Frankreichs Banken gefährlich. «Es kommt nicht von ungefähr, dass der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy einer der grössten Befürworter eines erweiterten europäischen Rettungsschirms ist», sagt Wittmann. Allein die Grösse der Bilanzsummen der angeschlagenen Banken Société Générale und BNP Paribas dürfte «Monsieur le Président» die Schweissperlen auf die Stirn treiben: Sie sind grösser als die jährliche Wirtschaftsleistung Frankreichs.

Erneut too big to fail

«Solche Banken untergehen zu lassen ist eigentlich undenkbar», sagt Wittmann. Sie würden wohl vom französischen Staat oder der französischen Nationalbank gerettet. Damit wäre das Problem aber höchstens verschoben: Die Gelder für die Bankenrettung würden der französischen Staatsschuld angerechnet – und könnten Frankreich die Triple-A-Bonität definitiv entziehen. Seit der Zurückstufung der US-Bonität munkeln Analysten und Ökonomen immer wieder, dass es auch der Bonität der «Grande Nation» an den Kragen gehen könnte.

Sollte Frankreich – mit 17 Prozent am milliardenschweren Rettungsschirm beteiligt und eigentlich auf der Seite der Helfer in der Eurokrise – selbst in Schieflage geraten, sind weitere Rettungsaktionen für Griechenland, Portugal & Co. in Frage gestellt.

«Kollaps ist wahrscheinlicher»

Sorgen macht Wittmann auch das zuletzt stark gestiegene Volumen an spekulativen Finanzprodukten: Diese Entwicklung habe man schon vor dem Crash der Bank Lehman Brothers festgestellt. Laut dem Wirtschaftsprofessor bildet sich diesmal eine noch viel grössere Blase. Sollte sie mitten in der Schuldenkrise platzen und Banken ins Trudeln bringen, sieht er schwarz. Womöglich könnten die Staaten diesmal nicht schnell genug einspringen und Schlimmeres verhindern: «Der Kollaps des Weltfinanzsystems ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher als vor drei Jahren», sagt Wittmann.

Zurück zum eingangs erwähnten Karl Marx: Womöglich hatte der 1883 verstorbene Ökonom auch mit seiner Annahme recht, dass sich der Kapitalismus selbst zerstöre.

Trübe Aussichten für EU-Wirtschaft

Die Wirtschaftsaussichten der EU sind getrübt. Nach einem guten ersten Quartal habe sich das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr kontinuierlich abgeschwächt, schrieb die Europäische Kommission in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Konjunkturausblick. Zum Jahreswechsel werde das Wachstum «nahezu zum Erliegen kommen». Konkret erwartet die Kommission für das dritte und vierte Quartal ein Wachstum von je 0,2 Prozent. Einen Ausweg aus dem Dilemma sieht IWF-Chefin Christine Lagarde nur in koordinierten politischen Massnahmen. «Es gibt einen Weg aus der aktuellen Situation, wenn sich die Regierungen zu schnellen und kühnen Aktionen durchringen», so die Französin.

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