Hillers und Sbisas Glück: Wie das Eishockey nach Kalifornien kam
Aktualisiert

Hillers und Sbisas GlückWie das Eishockey nach Kalifornien kam

Dass Luca Sbisa und Jonas Hiller heute Millionäre sind, verdanken sie einem Betrüger: Bruce McNall holte 1988 Wayne Gretzky nach LA und löste so eine Eishockey-Revolution aus.

von
K. Zaugg
Los Angeles

Gott hat keine bessere Hockeywelt erschaffen: Der Himmel ist wolkenlos und tief blau. Vom Meer her weht eine leichte Brise und es ist am Venice Beach rund 20 Grad warm. Kein Wunder, spielt der Finne Teemu Selänne auch mit 41 Jahren immer noch bei Anaheim. Er will für immer hier bleiben. Und Luca Sbisa sagte, als er erstmals in Stefan Bachovners «Waterfront Café» am Venice Beach einkehrte, er könnte stundenlang hier sitzen und einfach nur dem Treiben zuschauen. Doch: Leistung wird verlangt und gerade jetzt, in den Zeiten der Krise ist es schon ein wenig unruhig. Aber ein paar Schritte vom Stadion entfernt kümmert sich in Anaheim schon niemand mehr um Eishockey: Die Spieler geniessen die totale Anonymität.

Niemand, gar niemand denkt in diesen Dezembertagen in Südkalifornien an Eishockey. Dieser Sport hat hier keine Kultur. Los Angeles ist eine Stadt in der Wüste. Und doch hat genau hier, kaum zehn Kilometer landeinwärts vom Venice Beach, Ende der 1980er-Jahre eine Revolution begonnen, die das Eishockey für immer verändert hat. Und auch den Schweizer Hockeystars Millionen einbringt.

Noch Ende der 1980er-Jahre ist Eishockey in Amerika ein beschauliches Geschäft. Bloss zwei NHL-Stars verdienen mehr als eine Million Dollar: Wayne Gretzky in Edmonton und Mario Lemieux in Pittsburgh. Der NHL-Durchschnittslohn steht bei 125 000 Dollar.

NHL-Revolution auf Kanadas Kosten

Aber dann betritt ein kleiner, dicker, aber charismatischer Schurke die Bühne. Bruce McNall. Ohne ihn hätte es die NHL-Revolution, die Erweiterung von 21 auf 30 Teams, die Eroberung des «Sunbelts» und die Entwicklung des Hockeys zum Big Business im Süden und Südwesten der USA nicht gegeben. Und damit auch keine Schweizer Dollarmillionäre. Ja, ohne Bruce McNall wäre möglicherweise immer noch kein Schweizer Stammspieler in der NHL. Denn erst die Erweiterung auf 30 Teams hat den Spielermarkt auch für Schweizer, Dänen, Slowenen, Norweger und Franzosen geöffnet.

Diese NHL-Revolution hat auch dazu geführt, dass die Kanadier die Kontrolle über «ihren» Sport verloren haben: Eishockey, Kanadas Staatsreligion, wird inzwischen von amerikanischem Geld regiert und seit 1993 gewinnen immer amerikanische NHL-Teams den Stanley Cup.

Gretzky-Transfer sorgt für Aufsehen

Die NHL-Revolution beginnt, von den Kanadiern und der übrigen Welt fast unbemerkt, im Januar 1988 in Südkalifornien. Das ist so, wie wenn eine Skirevolution ihren Anfang in Katar nehmen würde.

Dr. Jerry Buss verkauft die Los Angeles Kings an Bruce McNall. Dem charismatischen Filmproduzenten und Antiquitätenhändler ist sofort klar: Soll Eishockey in Kalifornien und im Süden der USA rocken und rollen, braucht er einen Superstar. Nur mit dem grössten Star kann er im Sportmarkt Los Angeles eine Rolle spielen. Die Liebe hilft ihm: Das Hollywood-Sternchen Janet Jones erobert das Herz von Kanadas «Hockeygott» Wayne Gretzky. Im Sommer 1988 wird geheiratet, sie möchte in Los Angeles leben. Am 9. August 1988 holt Bruce McNall Wayne Gretzky, den Grössten aller Zeiten, in Edmonton aus einem laufenden Vertrag heraus nach Los Angeles.

Von diesem Schock hat sich Kanada bis heute nicht ganz erholt, und dieser Transfer verändert die NHL und ebnet letztlich den Schweizern den Weg zu den Dollar-Millionen. Das «Journal» in Montreal druckt die grösste Schlagzeile seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. «The Edmonton Journal» macht auf Seite 1 auf, und unten auf der Frontseite findet sich ein kleines Kästchen: «Weitere Geschichten finden Sie auf den Seiten 2, 3, 4, 5, 6, 11, 18, 19, 23, 30, 36, 37, 38, 39, 40, 42, 43, 46 und 47». Wayne Gretzky und Janet Jones sind übrigens auch heute noch glücklich verheiratet und haben fünf Kinder: Tristan, Trevor, Ty, Pauline und Emma.

Eishockey bleibt in Kalifornien eine Randsportart

Mit Gretzky wird Eishockey in Kalifornien und in den USA tatsächlich vorübergehend «Big Business». Die NHL wird nach und nach auf 30 Teams erweitert, der Durchschnittslohn explodiert auf heute 1,6 Millionen Dollar und die Anzahl der Dollarmillionäre auf über 400. Bruce McNall bringt sogar den Unterhaltungskonzern Disney dazu, ins Hockeygeschäft einzusteigen: 1993 kreiert das Unternehmen «Mighty Ducks of Anaheim».

Eishockey ist definitiv in Südkalifornien angekommen.

Aber der Boom ist trügerisch: Ein dauerhaftes Geschäft ist Eishockey weder in Kalifornien noch in den anderen Städten des Südens geworden, und seit Gretzky nicht mehr hier spielt und es keinen Superstar mehr wie Gretzky gibt, ist Eishockey in Südkalifornien wieder meistens eine Randsport wie bei uns Handball.

Spieler sind die Profiteure

Daran hat auch der Stanley Cup-Sieg von Anaheim (2007) nichts geändert. Selbst zum Lokalderby gegen die Los Angeles Kings kamen in Anaheim diese Woche nur noch etwas mehr als 14 000 Fans, gut 5000 Sitze blieben leer. Disney hat die Ducks längst verkauft. Und Phoenix steht nach wie vor unter Zwangsverwaltung der NHL. Inzwischen verdienen wieder bloss die Teams in den alten Märken an der Ostküste verlässlich Geld.

Richtig gelohnt hat sich die von Bruce McNall angezettelte Revolution letztlich nur für die Spieler. Sie werden heute in der Regel Millionäre. Drei Schweizer haben in den «Südstaaten-Teams» die ersten Dollarmillionen gemacht: Martin Gerber (Carolina), Jonas Hiller und Luca Sbisa (Anaheim). Hiller ist mit 4,5 Millionen Dollar Jahressalär der bestverdienende Schweizer Mannschaftsportler aller Zeiten.

McNall, der verlorene Held des Eishockeys

Und was ist aus Bruce McNall geworden? Einer der meistbewunderten Unternehmer Kaliforniens wird als Hochstapler, als Betrüger, als Schurke entlarvt. Er hat die Bank of America mit faulen Krediten um 236 Millionen Dollar erleichtert. Er hatte den Gretzky-Transfer und die NHL-Revolution also letztlich auf Pump finanziert – anders wäre es wohl gar nicht möglich gewesen, das Hockeybusiness anzukurbeln. Weil kein Investor bereit war, Ende der 1980er-Jahre in Südkalifornien Millionen ins Eishockey zu investieren.

Am 9. Januar 1997 wird der damals 46-Jährige Bruce McNall zu fünf Jahren und zehn Monaten Zuchthaus und fünf Millionen Dollar Busse verurteilt. Die Strafe hat er im locker geführten Gefängnis von Baron («Country Club») inzwischen verbüsst. Obwohl er über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben hat, ist er heute vergessen. Ein verlorener Held des Eishockeys.

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