Aktualisiert 28.06.2011 10:42

Nach der Diktatur, Teil III

Wie das Militär seine Gefangenen entsorgte

Erstmals seit dem Ende der argentinischen Militärdiktatur kommen die Verantwortlichen vor Gericht – und Gräueltaten ans Licht.

von
Karin Leuthold

Die ehemaligen Piloten Alejandro D'Agostino, Enrique De Saint Georges und Mario Arru sind die ersten drei Angeklagten im Fall der sogenannten «Todesflüge». Erstaunlich eigentlich, denn der Verdacht, dass die Gefangenen während der Militärdiktatur in Argentinien aus Flugzeugen lebend in den Rio de la Plata geworfen wurden, besteht seit 1983.

Obwohl das argentinische Militär sich bisher weigert, die von 1976 bis 1983 begangenen Verbrechen anzuerkennen, hat es die Protokolle der Flüge aus dieser Zeit freiwillig an die Abteilung der Staatsanwaltschaft ausgehändigt, die für die Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur zuständig ist. Die Kommission benötigte zwei Monate, bis sie die 3000 Formulare durchgekämmt hatte. Doch schliesslich fanden sie, wonach sie suchten: Elf regelwidrige Einträge zwischen 1976 und 1978.

Hin und zurück – ohne Zwischenlandung

Bei der Untersuchung war den Ermittlern aufgefallen, dass viele Flüge nachts ausgeführt wurden. Die drei Piloten flogen meistens auf den Atlantik hinaus, bis zur 140 Kilometer entfernten Insel Punta Indio, und kehrten ohne Zwischenlandung zurück. Der Menschenrechtskommission fiel vor allem der Eintrag vom 14. Dezember 1977 auf: In jener Nacht sind vermutlich die zwei französischen Nonnen Alice Domon und Léonie Duquet verschwunden.

Die Ordensfrauen waren zwischen dem 8. und dem 10. Dezember festgenommen worden und wurden im Keller der Mechanikerschule der Marine in Buenos Aires festgehalten, der zum Knast umfunktioniert worden war. Am 14. Dezember waren die beiden Frauen noch am Leben: Ein Bild, auf dem sie die Ausgabe der Zeitung «La Nación» in der Hand halten, bezeugt dies.

Laut Logformular sind die drei angeklagten Piloten in jener Nacht um 21.30 Uhr mit dem Skyvan-Flieger vom Inlandflughafen Buenos Aires abgeflogen und um 0.40 Uhr wieder gelandet. Die Leichen der Nonnen wurden am 20. Dezember am Ufer des Rio de la Plata angespült.

Perverses Verhalten

Ein besonders perverser Aspekt bei diesen Todesflügen ist der Umgang der Vorgesetzten mit den Piloten: De Saint Georges wurde in der Phase, in der er gehorsam Befehle ausführte, gelobt. So vermerkte sein Chef Roberto Salinas in seinem Dossier «die Liebe zur Institution, die er mit Stolz vertrat». Er sei «bedingungslos loyal». Arru hielt er für «einen ausgezeichneten Offizier, der mit voller Verantwortung» seine Aufgabe erfüllt, «immer erfolgreich».

Doch als De Saint Georges ein Jahr später ankündigte, er wolle als Zivilpilot zur Luftfahrtgesellschaft «Aerolíneas Argentinas» wechseln, änderte sich die positive Meinung der Vorgesetzten. Nun hiess es, der Mann zeige «kein Engagement».

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