Interne Dokumente veröffentlicht: Wie der Bund die Corona-Pandemie unterschätzte

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Interne Dokumente veröffentlichtWie der Bund die Corona-Pandemie unterschätzte

Die Corona-Pandemie wird uns noch lange beschäftigen. Die «SonntagsZeitung» veröffentlicht jetzt Dokumente, die zeigen, wo die zuständigen Gremien versagten. Ein Drama in vier Akten.

von
Nicolas Saameli
Daniel Koch beantwortet am 24. Februar 2020 Fragen von Journalistinnen.

Daniel Koch beantwortet am 24. Februar 2020 Fragen von Journalistinnen.

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Maskenpflicht, Ausgangssperre, Todesfälle: Noch lange wird es in der Schweiz Aufklärungsbedarf zum Umgang der Behörden mit der Corona-Pandemie geben. Jetzt hat die «SonntagsZeitung» Dokumente veröffentlicht, die zeigen, wo Fehler geschahen – und wie die Bevölkerung beruhigt werden sollte.

1. Die Kassandra

Am Montag, dem 24. Februar 2020, meldet sich Mirjam Mäusezahl, die Co-Leiterin der Sektion «Epidemiologische Überwachung und Beurteilung» in einer Sitzung der BAG-Taskforce zu Wort. «Das neuartige Coronavirus stellt eine besondere Gefährdung der öffentlichen Gesundheit dar», sagt sie laut den Protokollen. Der Bundesrat solle sofort die besondere Lage ausrufen, beantragt sie.

Ihr Chef, Pascal Strupler, der bereits vor Ausbruch der Pandemie seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte, sieht die Lage weniger ernst: Das Ausrufen einer besonderen Lage sei derzeit nicht möglich. Er habe die Situation am Wochenende «intensiv» mit Departementschef Alain Berset besprochen. Eine besondere Lage könne nur gemeinsam mit «konkreten Massnahmen» beschlossen werden.

Hätte man bereits so früh auf Mäusezahl gehört, hätte viel Leid verhindert werden können, sagt Epidemiologe Christian Althaus von der Universität Bern. «Bei der Bekämpfung einer sich exponentiell ausbreitenden Epidemie zählt jeder Tag.»

Beschlossen wird die besondere Lage dann doch – aber erst fünf Tage später. Am Freitag der gleichen Woche verbietet der Bundesrat Veranstaltungen von über 1000 Teilnehmern.

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Sie warnte früh:  Mirjam Mäusezahl, die Co-Leiterin der Sektion «Epidemiologische Überwachung und Beurteilung».

Sie warnte früh: Mirjam Mäusezahl, die Co-Leiterin der Sektion «Epidemiologische Überwachung und Beurteilung».

pd
Aber er hörte nicht hin: BAG-Direktor Pascal Strupler.

Aber er hörte nicht hin: BAG-Direktor Pascal Strupler.

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390’000 Masken sind genug – dachte man zumindest beim Bundesstab Bevölkerungsschutz.

390’000 Masken sind genug – dachte man zumindest beim Bundesstab Bevölkerungsschutz.

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Auch in Sachen Tests und Masken machte man sich keine Sorgen: Test-Kapazitäten seien sichergestellt, man verfüge über grosse Bestände von Hygienemasken, ist den Protokollen des Bundesstabs Bevölkerungsschutz zu entnehmen. Damit gemeint waren 390’000 Masken, viel zu wenig für die ganze Schweiz.

BAG-Direktor Pascal Strupler tat währenddessen das, was man tut, wenn man sich in Sicherheit wähnt: Er fuhr in die Ferien.

2. Panik

Am 22. Februar 2020 bricht in Norditalien das Chaos aus. Die Corona-Zahlen schnellen so schnell nach oben, dass wenige Wochen später Bilder von Militär-LKWs um die Welt gehen, die die Toten aus den überfüllten Friedhöfen abholten.

Daniel Koch, der inzwischen pensionierte Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» beim BAG, sieht die Gefahr der Situation im Februar aber offenbar noch nicht: «Virus wird nicht so leicht übertragen wie Grippenvirus, darum gute Aussichten, die Situation unter Kontrolle zu bringen», wird er in einem Protokoll der Taskforce zitiert.

Es muss damit gerechnet werden, dass die Situation in der Schweiz schlimmer wird und diejenige in Italien übertrifft.

Patrick Mathys, BAG

Dieser Eindruck änderte sich rasch, wie die Dokumente zeigen. Am 16. März 2020 sagt BAG-Chef-Krisenbewältiger Patrick Mathys: «Die Lage in der Schweiz ist sehr ernst – es muss damit gerechnet werden, dass sie schlimmer wird und diejenige in Italien übertrifft. Weiter ist davon auszugehen, dass grosse Probleme auf das Gesundheitswesen zukommen.» Inzwischen will man sich an der «Dynamik» der Pandemie orientieren, nicht mehr an den Fallzahlen.

Dieses Bild ging um die Welt: In Bergamo werden im März 2020 die Toten per Militärtruck aus der Stadt gefahren.

Dieses Bild ging um die Welt: In Bergamo werden im März 2020 die Toten per Militärtruck aus der Stadt gefahren.

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Am gleichen Tag ruft der Bundesrat die ausserordentliche Lage aus. Läden und Restaurants werden geschlossen.

Dass dieser Teil-Lockdown auch weiter hätte verschärft werden können, geht daraus hervor, dass laut der «SonntagsZeitung» in zwei Ämtern Dokumente vorbereitet werden, die Personen bei einer Ausgangssperre bei sich tragen müssen – wie das etwa in Italien, Frankreich oder Spanien der Fall war. Diese Dokumente bleiben aber weiterhin unter Verschluss.

3. Streit

Es sind nicht nur Masken, über die gestritten wird: So zeigen die Dokumente, wie ein Mitarbeiter der Zollverwaltung am 30. März beim Bundesstab nachfragte, «wieso Österreich das Tragen von Schutzmasken im öffentlichen Raum verordnet und auch die Armee ihren Panzerfahrern die gleiche Anweisung erteilt». Das Grenzpersonal sei diesbezüglich «sehr verunsichert».

Die Antwort eines BAG-Vertreters: Man erarbeite gerade Bedarfsrechnungen. Nach wie vor gelte aber, dass mit erster Priorität das Bundespersonal versorgt werden müsse. «Es wird aber klar festgehalten, dass ein allfälliger Entscheid zum Tragen von Masken aufgrund des Druckes von aussen auf der politischen Stufe gefällt wird und nicht aus epidemiologischer Sicht.»

«Dass Masken schützen, ist ‹common sense›. Dies muss auch so kommuniziert werden.»

Matthias Egger, der Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce

Einige Wochen später sind dazu auch andere Meldungen zu vernehmen. Am 20. Mai sagt Matthias Egger, der Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce, im Krisenstab: «Dass Masken schützen, ist ‹common sense›. Dies muss auch so kommuniziert werden.»

Ähnliche Probleme gibt es auch bei der Datenverarbeitung. «Es ist zentral, dass das BAG in Zusammenarbeit mit den Kantonen die Corona-Zahlen besser, schneller und zuverlässiger liefert», steht in einem Protokoll des Krisenstabs vom 27. März. Der Krisenstab geht damit auf Berichte ein, wonach das BAG mit der Datenverarbeitung heillos überfordert sei.

Und auch bei der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft tut man sich schwer. Erst am 9. März sagt Amtsdirektor Strupler, «dass sich das BAG bemüht, sich auch von wissenschaftlicher Seite begleiten zu lassen, um deren Kenntnisse und Ansichten beim Entscheid von Massnahmen einfliessen zu lassen». Zuvor war man mit Epidemiologen wie Christian Althaus von der Uni Bern oder Marcel Salathé von der EPFl aneinandergeraten.

4. Das Glätten der Wogen

Früh wird beschlossen, die Öffentlichkeit «verhalten» zu informieren. Beim Bundesstab Bevölkerungsschutz will man verhindern, dass Panik ausbricht. Eine Medieninformation über das erste Treffen des Bundesstabs Bevölkerungsschutz gab es nicht.

«Es ist wichtig, an heutiger Pressekonferenz beruhigend zu wirken», sagt Alain Bersets Generalsekretär Lukas Bruhin denn auch am 24. Februar in der BAG-Taskforce. Berset spricht daraufhin an der Pressekonferenz vom 24. Februar von einem «Aktionsplan», mit dem man die Verbreitung des Virus bekämpfen will.

Als am gleichen Abend ein Teilnehmer einer Sitzung fragt, was es denn mit diesem Aktionsplan auf sich habe, sagt ein BAG-Vertreter: «Es liegt kein spezifischer Aktionsplan vor, gemeint ist der Pandemieplan respektive einzelne Massnahmen daraus; man wollte aus Sensibilitätsgründen lediglich den Begriff ‹Pandemie›-Plan nicht verwenden.»

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Sprach an einer Medienkonferenz von einem «Aktionsplan»: Bundesrat Alain Berset.

Sprach an einer Medienkonferenz von einem «Aktionsplan»: Bundesrat Alain Berset.

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Ein solcher lag aber eigentlich gar nicht vor. Man wollte lediglich den Begriff «Pandemie» nicht verwenden.

Ein solcher lag aber eigentlich gar nicht vor. Man wollte lediglich den Begriff «Pandemie» nicht verwenden.

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Hübscher Hut, neue Krawatte: Berset und Daniel Koch.

Hübscher Hut, neue Krawatte: Berset und Daniel Koch.

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