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Allianz USA–Iran?Wie der IS den Nahen Osten umkrempelt

Mit Luftangriffen im Irak verstärkt der Iran seinen Kampf gegen den IS. Die faktische Allianz Teheran–Washington ist nur eine von vielen Folgen des «Islamischen Staates».

von
Martin Suter
New York
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Solche Kampfjets vom Typ F-4 «Phantom» der iranischen Luftwaffe bombardierten Ende November IS-Stellungen im Irak. Der Iran kaufte die amerikanischen Maschinen kurz vor der Revolution 1979.

Solche Kampfjets vom Typ F-4 «Phantom» der iranischen Luftwaffe bombardierten Ende November IS-Stellungen im Irak. Der Iran kaufte die amerikanischen Maschinen kurz vor der Revolution 1979.

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Der oberste Führer im Iran, Ayatollah Ali Khamenei, hat den Luftwaffeneinsatz dementieren lassen. Die Interessen des Irans und der USA gleichen sich bezüglich IS immer mehr an. Bild: 27. November 2014.

Der oberste Führer im Iran, Ayatollah Ali Khamenei, hat den Luftwaffeneinsatz dementieren lassen. Die Interessen des Irans und der USA gleichen sich bezüglich IS immer mehr an. Bild: 27. November 2014.

Keystone/Uncredited
Admiral John Kirby dementiert, dass sich Washington mit Teheran abspricht. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums sieht jedoch nicht ein, warum die Berichte über die Bombardierungen falsch sein sollten. Bild: 7. November 2014.

Admiral John Kirby dementiert, dass sich Washington mit Teheran abspricht. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums sieht jedoch nicht ein, warum die Berichte über die Bombardierungen falsch sein sollten. Bild: 7. November 2014.

Keystone/Manuel Balce Ceneta

Das Regime in Teheran hat am Mittwoch bestritten, dass iranische Kampfflugzeuge Ende November im angrenzenden Irak Bomben auf Stellungen des Islamischen Staats (IS) abwarfen. «Der Iran war nie an Luftschlägen gegen Daesh (IS) im Irak beteiligt», sagte ein hoher Offizieller am Mittwoch zu Reuters. «Eine Zusammenarbeit dieser Art mit Amerika kommt für den Iran nicht in Frage.»

Die Zeichen mehren sich jedoch, dass die USA und das Mullah-Regime ihre Aktionen gegen den Islamischen Staat mehr oder weniger direkt koordinieren. Quellen im Irak und in Washington bestätigten jedenfalls am Dienstag, dass iranische Kampfjets vom älteren amerikanischen Typ F-4 «Phantom» irakische Gebiete nahe einer Pufferzone an der Grenze bombardierten.

Keine direkte Koordination

Zu den Nachrichten über die Bombenflüge sagte Pentagonsprecher John Kirby: «Ich habe keinen Grund zu glauben, dass sie nicht stimmen.» Man spreche sich vor Einsätzen der US-Luftwaffe aber mit der irakischen Regierung ab, nicht mit der iranischen, sagte Kirby laut «New York Times».

Das halbe Dementi bedeutet nur, dass offenbar Bagdad als Schaltstelle dient und die Einsätze Washingtons und Teherans koordiniert. Die objektiven Interessen der USA und des Irans stimmen hinsichtlich des IS nämlich zu grossen Teilen überein.

Gleiche Ziele für Washington und Teheran

«Allein die Möglichkeit, dass der Islamische Staat auch nur Teile des Iraks beherrscht, ist für Teheran inakzeptabel, was dessen Interessen mit jenen der Vereinigten Staaten gleichrichtet», glaubt George Friedman vom Analysedienst Stratfor. Wie Friedman schreibt, wünschen sich beide Staaten einen gebrochenen IS und eine funktionsfähige Regierung im Irak. «Die Amerikaner haben kein Problem damit, dass der Iran die Sicherheit im Süden garantiert, und die Iraner wehren sich nicht gegen ein proamerikanisches Kurdistan, so lange im Süden Öl fliesst.»

In Friedmans Analyse hat der Islamische Staat «einen Strudel geschaffen, der regionale und globale Mächte hereinzieht und ihr Verhalten umdefiniert». Besonders schwierig sei die Situation für die Türkei, schreibt er. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan habe bisher Konflikte mit den Nachbarn gescheut. Er strebe zwar einen Machtwechsel in Syrien an, fürchte sich aber ebenso vor einem sunnitischen Dschihad-Regime an der Südgrenze der Türkei.

Wie im Osmanischen Reich

Sollte er er massiv in den syrischen Konflikt eingreifen, «würde die Türkei gegenüber der arabischen Welt jene Rolle wieder einnehmen, die sie im Osmanischen Reich spielte», analysiert Friedman. Es sei nicht klar, dass dies der Türkei besser gelingen werde als den USA im Irak.

Saudi-Arabien wiederum reagiere «alarmiert auf die Entente zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran». Riad erkenne in Teheran einen starken Rivalen, der über die schiitische Bevölkerung auf der arabischen Halbinsel die Stellung der saudischen Monarchie gefährden könne. Nach Friedmans Ratschlag muss Saudi-Arabien nun schnellstens sunnitische Kräfte neben dem IS stärken, damit der Druck nachlässt, der Washington und Teheran zusammenbringt.

Kissinger siehts auch

Doch das ist leichter gesagt als getan. Bislang spricht alles, auch der Fortgang der Nukleargespräche, für eine zunehmend enge Bindung zwischen den früheren Erzfeinden Iran und USA. Henry Kissinger erstaunt das nicht. Der Iran, sagte der Grandseigneur der strategischen Diplomatie im Oktober auf NBC, «ist ein natürlicher Alliierter der Vereinigten Staaten.»

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