Aktualisiert

Kulturgeschichte, Teil IIWie der Tattoo-Boom nach Europa kam

Entdecker James Cook brachte von seinen Südsee-Reisen auch einen tätowierten Eingeborenen mit. Der wurde erst zur Jahrmarktattraktion, dann zum Trendsetter.

von
Fee Riebeling
1 / 6
Es war der britische Seefahrer und Entdecker James Cook (1728 bis 1779), der die Europäer mit Tätowierungen vertraut machte.

Es war der britische Seefahrer und Entdecker James Cook (1728 bis 1779), der die Europäer mit Tätowierungen vertraut machte.

Nathaniel Dance-Holland/National Maritime Museum
Denn er hatte von seiner zweiten Fahrt in die Südsee den tahitischen Prinzen Omai mitgebracht, der sichtbar tätowiert war.

Denn er hatte von seiner zweiten Fahrt in die Südsee den tahitischen Prinzen Omai mitgebracht, der sichtbar tätowiert war.

Sir Joshua Reynolds
Der permanente Hautschmuck erfreute sich besonders in der britischen Oberschicht grosser Beliebtheit. Auch vor dem Königshaus machte die Begeisterung nicht halt. So soll Königin Victoria (1819-1901) zwei Tattoos an sehr delikaten Stellen gehabt haben.

Der permanente Hautschmuck erfreute sich besonders in der britischen Oberschicht grosser Beliebtheit. Auch vor dem Königshaus machte die Begeisterung nicht halt. So soll Königin Victoria (1819-1901) zwei Tattoos an sehr delikaten Stellen gehabt haben.

Bei der Rückkehr von seiner zweiten Fahrt in die Südsee 1774 hatte der britische Entdecker James Cook ein ganz besonderes Souvenir an Bord: den tahitischen Prinzen Omai. Der tätowierte Mann war, wie es heisst, auf eigenen Wunsch mit nach England gekommen. Dort wurde er wegen seiner Körperverzierungen schnell zur lebenden Sensation. Presseberichte über den «wilden Indianer aus der Südsee» verbreiteten sich rasch – in Europa und der ganzen westlichen Welt.

Besonderer Beliebtheit erfreute sich Omai in den britischen Adelshäusern. «Es war die Zeit, in der man sich stark für Exotisches interessierte», sagt Kulturanthropologin Susanna Kumschick, die für das Gewerbemuseum Winterthur die Ausstellung «Tattoo» zusammengestellt hat. Doch bei einer passiven Begeisterung sei es nicht geblieben. So liessen sich bald auch Menschen aus der Oberschicht Bilder unter die Haut stechen – jedoch anders als der Tahitianer an gut verdeckbaren Stellen. Berühmte Beispiele sind König Edward VII., Königin Victoria und ihr Mann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Victoria soll sogar einen Tiger und einen Python an delikaten Stellen des Körpers getragen haben.

Ende des 19. Jahrhunderts waren Tattoos bei der Elite im Westen gang und gäbe – unter anderem bei Frauen. 1897 soll die Zahl der tätowierten Frauen in der New Yorker Oberschicht bei 75 Prozent gelegen haben.

Tätowierungen werden zum Massenphänomen

Doch nicht nur die Vorliebe für Spezielles brachte die Menschen in der gesamten westlichen Welt dazu, es Omai nachzutun. «Viele taten dies auch aus finanziellen Gründen», so Kumschick. Als sie bemerkten, wie viel Aufmerksamkeit der tätowierte Prinz bekam, folgten Zirkuskünstler seinem Vorbild und liessen sich die Haut verzieren. Die berühmteste Vertreterin unter den Artisten war die Amerikanerin Maud Stevens Wagner, die sich in den 1920er-Jahren auch als erste westliche Tätowiererin einen Namen machte.

Auch Seemänner sprangen auf den Trend auf. «Ihre Motivation war jedoch eine andere», weiss Susanna Kumschick. Zum einen seien sie aufgrund ihrer vielen Reisen mit Tätowierern in Kontakt gekommen. Zum anderen sahen sie in den bunten Bildern beispielsweise die Möglichkeit, auf eine ganz eigene Art von ihren Überfahrten zu berichten. «Viele ihrer Bilder waren ihre Mitbringsel, ihre Trophäen.»

Ab- und Aufstieg

Die Begeisterung für den unter die Haut gehenden Körperschmuck hielt in Europa bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs an. Dann rückten mit einem Mal Zwangstätowierungen in das Bewusstsein der Leute. Schuld daran waren die Nazis, die den Häftlingen in den Konzentrationslagern Nummern auf den Arm tätowierten, um später deren Leichen ohne Kleidung identifizieren zu können. In der Folge waren Tattoos in weiten Teilen der Gesellschaft geächtet.

Erst in den 1970er-Jahren erlebten die permanenten Hautverzierungen ein Revival. Mitverantwortlich dafür waren Künstler, die ihren Körper zum Medium machten. So liess sich beispielsweise die Österreicherin Valie Export auf einer Bühne in Frankfurt das Motiv eines Strumpfhalters auf den linken Oberschenkel tätowieren. Das Ziel der Feministin: auf die funktionalisierte Rolle der Frau als Lustobjekt aufmerksam zu machen. Ob ihr das wie beabsichtigt gelang, ist nicht überliefert. Sicher ist aber, dass sie eine derjenigen war, die dazu beitrug, den menschlichen Körper anders wahrzunehmen und damit Tätowierungen wieder salonfähig zu machen, bis sie in den 1990er-Jahren im Mainstream angekommen sind.

Gezeichnet fürs Leben

Die Tätowierung: Vom archaischen Symbol der Stammeszugehörigkeit bis zur Mainstream-Modeerscheinung der urbanen Jugend. Alle Artikel der Sommerserie zum Thema Tattoos finden Sie hier.

Sie sind am ganzen Körper tätowiert und würden uns Ihre Kunst zeigen? Dann senden Sie eine Mail an community@20minuten.ch!

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.