Aktualisiert 08.12.2011 17:36

EZB senkt Leitzins

Wie der Zinsentscheid auf die Schweiz wirkt

Die Zinssenkung der EZB bringt für die Schweiz mehr Frust als Freude. Der Franken geriet unter Aufwertungsdruck. In einer Woche ist die SNB am Zug. Die Zinsen senken kann sie nicht mehr.

von
Balz Bruppacher
Mit der neuerlichen Zinssenkung hat EZB-Chef Mario Draghi der Schweizerischen Nationalbank die Aufgabe nicht leichter gemacht.

Mit der neuerlichen Zinssenkung hat EZB-Chef Mario Draghi der Schweizerischen Nationalbank die Aufgabe nicht leichter gemacht.

Analysten hatten in den letzten Tagen Mario Draghi geraten, es der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gleichzutun und die unbeschränkte Feuerkraft der EZB gegen die Eurokrise einzusetzen. Also die berühmte Bazooka abzufeuern. «The answer ist no», sagte der EZB-Präsident am Donnerstag auf Fragen der Medien und bezeichnete Interpretationen seiner früheren Aussagen, die solche Hoffnungen geweckt hatten, als Missverständnis. Stattdessen rief Draghi die Regierungen der Eurozone zu einer stabilen Fiskalpolitik und zu Strukturreformen auf.

Neben der allgemein erwarteten Leitzinssenkung um einen viertel Prozentpunkt kündigte die EZB aber weitere Erleichterungen für die Refinanzierung der Banken und für den Zugang zu Liquidität an. Damit soll eine Kreditklemme verhindert werden. Wenig verheissungsvoll sind die Konjunkturaussichten der EZB. Die Wachstumsprognose für 2012 für die 17 Länder der Eurozone wurde auf eine Bandbreite zwischen minus 0,4 und plus 1 Prozent reduziert. Draghi verwies zudem auf erhebliche Abwärtsrisiken.

SNB vor schwieriger Aufgabe

Was heisst das für die Schweiz? Ein Endalarm in der Eurokrise wird kaum von der EZB in Form einer unbeschränkten Garantiezusage für die Staatsanleihen der angeschlagenen Südländer kommen. Trotz bedeutungsschwerer Worte der Politiker im Vorfeld des EU-Gipfels – Frankreichs Nicolas Sarkozy sprach vom Gipfel der letzten Chance – dürften auch die politischen Weichenstellungen die Unsicherheiten über die Zukunft der Einheitswährung nicht aus der Welt schaffen.

Die Schweiz steht damit vor der doppelten Herausforderung des starken Frankens und der Konjunkturflaute in Europa. Das Mittel der Zinssenkung steht der Nationalbank nicht mehr zur Verfügung, nachdem sie den Leitzins bereits im vergangenen August faktisch auf den Nullpunkt reduziert hatte. Den Mindestkurs von 1.20 Franken für den Euro scheint die Nationalbank während nunmehr drei Monaten ohne grossen Mitteleinsatz verteidigt zu haben. Wirtschaft und Gewerkschaften drängen deshalb mehr oder weniger deutlich auf eine höhere Untergrenze von 1.30 Franken oder mehr. Bankökonomen bezweifeln allerdings, dass dieser Weihnachtswunsch am nächsten Donnerstag in Erfüllung geht, wenn die SNB-Spitze zu ihrer letzten geldpolitischen Lagebeurteilung in diesem Jahr zusammentritt.

Euro-Crash wird vorbereitet

Banken und Behörden bereiten sich vielmehr auf das Worst-Case-Szenario eines Auseinanderbrechens des Euro vor. Der Bundesrat denkt zudem laut über flankierende Massnahmen wie die Einführung von Negativzinsen im Kampf gegen die Flucht in den Franken nach. Entscheidend für die Schweizer Konjunkturentwicklung wird auch das Verhalten der Konsumenten sein.

Wenig Gutes verheissen die Erhebungen über die Konsumentenstimmung und das Sorgenbarometer der Credit Suisse, wo die Sorge über den Arbeitsplatz ganz oben steht. «Diese Entwicklung ist besorgniserregend», schreiben die Ökonomen der Grossbank. Denn die Arbeitsplatzsicherheit sei das Zünglein an der Waage beim Kaufentscheid. «Wer Angst um seinen Job hat, konsumiert weniger.»

Der Euro fiel nach den Beschlüssen der EZB vorübergehend auf 1.2327 Franken. Das ist über ein Rappen weniger als am letzten Dienstag. Auch die europäischen Börsen blieben in Erwartung der Beschlüsse des EU-Gipfels unter Druck.

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