Krieg gegen Gaddafi: Wie die Alliierten in Libyen gewinnen wollen
Aktualisiert

Krieg gegen GaddafiWie die Alliierten in Libyen gewinnen wollen

Trotz minutiöser Planung und Koordination kommt die NATO mit den Luftangriffen in Libyen nur langsam vorwärts. Jetzt sollen Kampfhelikopter die Entscheidung bringen. Das Unterfangen birgt Gefahren.

von
ske

Die NATO hat die Angriffe auf libysche Ziele verstärkt. Auch in der Nacht zum Donnerstag war die libysche Hauptstadt Ziel von Luftangriffen. Laut dem Nachrichtensender CNN wurde Tripolis erneut von mehreren Explosionen erschüttert. Ein libyscher Regierungssprecher sagte, NATO-Flugzeuge hätten eine Schule getroffen. Bereits in den Nächten zuvor hatten die Angriffe auf Tripolis an Intensität zugenommen. Rund 20 Bomben- und Raketeneinschläge wurden am frühen Dienstagmorgen binnen einer halben Stunde gezählt. In der Nacht auf Montag hatte eine Mirage 2000 der Alliierten bereits ein libysches Kriegsschiff angegriffen, welches die NATO und humanitäre Hilfsschiffe bedroht hatte.

Mit den heftigen Luftangriffen auf die libysche Hauptstadt Tripolis werde deutlich, dass die NATO die Angriffe auf Gaddafis Truppen intensiviere und so versuche, die Pattsituation in dem seit bald drei Monaten andauernden Konflikt zu durchbrechen, schreibt die «New York Times». Frankreich und Grossbritannien läuten sogar einen Kurswechsel ein, indem noch diese Woche Kampfhubschrauber zum Einsatz kommen sollen, berichtet «Spiegel Online». Ziel seien möglichst präzise Attacken gegen die Regierungstruppen, damit der Libyen-Einsatz für die Alliierten zu einem Ende kommen könne.

Bereits jetzt werden die Angriffe der Alliierten gezielt geplant und koordiniert. Doch die Unerfahrenheit der NATO, einen komplexen Luftkrieg gegen bewegliche Ziele bei gleichzeitig schlechten Kommunikationsmöglichkeiten mit den Rebellen zu führen, hat Folgen. Mindestens zwei fehlgeleitete Luftangriffe haben mehrere Rebellenkämpfer getötet. Mit den Aufklärungsflugzeugen sei es nach wie vor schwierig, feindliche Ziele klar zu identifizieren. Ausserdem falle es Flugzeugen noch immer schwer, Treibstoff zu tanken, um längere Missionen in Angriff zu nehmen, zitiert die «New York Times» einen hohen NATO-Diplomaten. Ohne Bodentruppen könne auch die Kampflinie nur ungenau aufgezeigt werden.

Bilder von Drohnen und Spionage-Flugzeugen

Informationen über libysche Truppen erhalten die Alliierten von der CIA, von speziellen Truppen, welche mit den Rebellen zusammenarbeiten, sowie von den Rebellen selbst. Laut NATO existiere aber kein direkter Kontakt mit jemandem auf dem Boden, der die Angriffe der Alliierten koordinieren könne. Stattdessen müssen sich die NATO-Truppen auf Bilder verlassen, die von Drohnen, Spionage-Flugzeugen und Satelliten gesammelt werden.

Das politische Ziel – Zivilisten vor Gaddafis Truppen zu schützen – militärisch umzusetzen, fällt dem südlichen NATO-Hauptquartier in Neapel zu. In einem umgewandelten Ballsaal, den einst Mussolini genutzt hatte, versuchen Geheimdienst-Analytiker, Experten für Angriffsziele und andere Planer Informationen über mögliche Ziele zu sammeln. Welche Ziele aus der Luft attackiert werden, steht meist im Voraus fest. Es kommt aber auch immer wieder zu Gelegenheitsangriffen, bei welchen innerhalb weniger Minuten die Erlaubnis zum Angriff erteilt wird. Aus Neapel wird jeweils die Liste bewilligter Ziele an ein Luft-Operationszentrum in der Nähe von Bologna weitergeleitet. Dort überwacht ein Offizier der US-Air Force den heiklen Prozess, die verschiedenen Luftangriffe zu koordinieren. Dabei soll vor allem das Risiko für Zivilisten klein gehalten werden. Experten entscheiden aber auch, welche Bombe einen bestimmten Bunker am besten zerstören kann.

Bei Angriffen auf Kommando-Bunker in Tripolis verlasse sich die NATO immer mehr auf amerikanische Drohnen, da diese stundenlang fliegen können und deutlicher aufzeigen, was auf dem Boden vor sich gehe. Die Überwachung eines Ziels starte jeweils 96 Stunden vor einem Angriff, schreibt die NYT. Auf einem Computerbildschirm leiten Kontrolleure schliesslich die verschiedenen Flugzeuge und behalten potenzielle Gefahren im Auge. Kampfflugzeuge, Tankflieger, Störsender und Aufklärungsjets, aber auch kommerzielle Fluglinien sind mit verschiedenen Symbolen gekennzeichnet. Ein Klick auf eines der Symbole zeigt die Höhe des Flugzeuges sowie seine Geschwindigkeit an. Auf einer anderen Konsole kann ein Kontrolleur Hunderte von Schiffen und sogar Trucks beobachten, die sich entlang der libyschen Küste fortbewegen.

Höhere Treffsicherheit mit Helikoptern

Mit Helikoptern soll die Treffsicherheit jetzt aber noch weiter verbessert werden. Frankreichs Aussenminister Alain Juppé verkündete bereits: «Wir wollen genauere Treffer am Boden. Deshalb schicken wir Helikopter nach Libyen.» Laut britischem Verteidigungsministerium sei noch keine Entscheidung über den Einsatz von Kampfhubschrauber gefallen. Wie «Spiegel Online» berichtet, könne man aber davon ausgehen, dass 18 Helikopter für die Libyen-Mission vorgesehen seien. Zwölf französische Tiger- und Gazelle-Hubschrauber befinden sich bereits auf dem Weg nach Libyen, drei britische Apaches seien im Mittelmeer eingetroffen. Kampfhelikopter würden die Schlagkraft der westlichen Alliierten deutlich verstärken, ist Benjamin Barry, Militär-Analyst beim Internationalen Institut für strategische Studien in London, überzeugt: «Die Maschinen können viel tiefer und deutlich langsamer operieren als Kampfflugzeuge. Ihre Raketen und Kanonen machen sie zu Präzisionswaffen, während Flugzeuge eher grossflächig bombardieren», sagte Barry gegenüber dem deutschen Onlineportal.

Für Militärexperten sei der Hubschrauber-Einsatz eine Vorbereitung für künftige Bodentruppen. Frankreich habe bereits jetzt durchblicken lassen, dass künftig Elitesoldaten Missionen auf libyschem Boden durchführen werden. Helikopter-Einsätze seien aber auch ein Risiko. Das langsame Manövrieren und der Tiefflug mache sie zu leicht zu treffenden Zielen für Gaddafis Luftabwehr.

Admiral Samuel J. Locklear ist aber trotz langwierigem Militäreinsatz überzeugt, dass das in der UNO-Resolution formulierte Ziel, Zivilisten zu schützen, bereits erreicht und die libysche Armee deutlich geschwächt worden sei: «Gaddafi wird nie mehr fähig sein, eine grosse Armee gegen sein Volk einzusetzen, denn diese existiert gar nicht mehr», sagt Locklear laut «New York Times». Die Luftangriffe hätten bereits über die Hälfte der libyschen Munition vernichtet und die meisten Nachschublinien für die Truppen im Feld unterbrochen. Aber es sei klar, dass der Militäreinsatz ohne politischen und ökonomischen Druck noch sehr lange andauern werde.

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