Aktualisiert 16.10.2012 16:30

Prostitution in Zürich

Wie die Capo-Frauen den Strich kontrollieren

70-Stunden-Woche, Gewalt, Ausbeutung: Die Zustände auf dem Zürcher Strassenstrich sind desolat. Die Zuhälter ziehen im Hintergrund die Fäden, ihr verlängerter Arm kontrolliert die Strasse.

Rund 30 bis 40 Prostituierte stehen jeden am Abend am Zürcher Sihlquai herum und warten auf Kundschaft.

Rund 30 bis 40 Prostituierte stehen jeden am Abend am Zürcher Sihlquai herum und warten auf Kundschaft.

Prostitution ist ein lukratives Geschäft. Dies dokumentiert ein Fall, den die Zürcher Polizei 2009 beobachtete. Während sieben Monaten wurde über Western Union eine Million Franken nach Ungarn transferiert. Geld, das in Zusammenhang mit Menschenhandel und Prostitution eingenommen wurde.

Doch für die Prostituierten auf dem Strassenstrich ist das Geschäft nicht lukrativ – im Gegenteil. Dies zeigt die am Montag von «10vor10» veröffentlichte Studie, die die Stadt Zürich zusammen mit ungarischen Stiftungen durchgeführt hat. Die Studie basiert unter anderem auf 120 Gesprächen mit Roma-Prostituierten. 84 der Befragten waren zum Zeitpunkt der Befragung am Sihlquai oder der Langstrasse auf dem Strassenstrich tätig. Wie desolat der Zustand ist, zeigt unter anderem folgende Aussage einer Sexarbeiterin: «Ich benutze immer während dem Ficken Drogen. Ohne Drogen halte ich es nicht aus.» Der Bericht fördert über den Alltag der Prostituierten einiges zutage.

Arbeitszeiten

Von den Befragten gaben 88 Prozent an, jeden Tag zu arbeiten. Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 7,3 Stunden pro Tag, 50 Stunden pro Woche. 19 Prozent gaben an, mindestens 70 Stunden pro Woche als Prostituierte auf dem Strich zu stehen.

Finanzen

Geld lässt sich viel verdienen mit der Prostitution. Doch der grosse Teil bleibt selten bei den Roma-Prostituierten. In Zürich leben die Frauen gemäss Studie in kleineren Gruppen in Mehrbettzimmern und ernähren sich mit durchschnittlich 5 Franken pro Tag. Viele nehmen auch das Angebot vom Flora Dora Frauenbus in Anspruch und ernähren sich dort von Snacks und Suppen aus der Tüte.

Die Wohnungsmieten betragen in Zürich gemäss den Befragten zwischen 2250 und 2700 Franken pro Monat. Zudem wird etwa an der Langstrasse ein Standgeld von 100 bis 200 Franken von den Frauen verlangt.

Capo-Frauen

Kontrolliert wird das Geschäft auf der Strasse meist von weiblichen Aufpasserinnen. Die sogenannten Capo-Frauen bestimmen, wer wo wie lange auf der Strasse steht und sammeln das Geld ein. Auch würden sie bestimmen, ob eine Prostituierte ein Kondom benutzen, zur Ärztin oder nach einer Vergewaltigung zur Polizei gehen darf. Selbst die Beziehung zwischen den Prostituierten und den Sozialarbeiterinnen auf der Strasse versuchen die Capo-Frauen offenbar zu beeinflussen. Sie sind der verlängerte Arm der Zuhälter, die gemäss den Aussagen der Frauen selten vor Ort sind. Über die Zuhälter hielten sich die Befragten mit Aussagen zurück. Wohl nicht zuletzt, weil diese nicht selten aus dem engeren familiären Umfeld stammen.

Gewalt

Beinahe wöchentlich kommt es gemäss den Aussagen der Frauen zu Gewalt durch Freier oder Passanten. Folgende Ereignisse haben sich demnach auf dem Zürcher Strassenstrich zugetragen:

• Bewerfen mit verschiedensten Gegenständen aus fahrenden Autos

• Bewerfen mit brennenden Zigaretten

• Bewerfen mit Abfall

• Belästigen und Begrabschen

• Beschimpfen

• Übergiessen mit Flüssigkeiten, teilweise auch giftigen

• Nicht bezahlen der erhaltenen Dienstleistungen

• Raub und Diebstahl

• Abstreifen des Kondoms während des Service

• Ändern der ursprünglich vereinbarten Praktik währen des Services

• Gewaltanwendung (Schläge, Bisse etc.) vor, während oder nach dem Service

• Vergewaltigungen

• Körperverletzungen

Auf dem Strassenstrich herrsche ein harter Konkurrenzkampf unter den Roma-Frauen, heisst es in der Studie. Freier könnten sich deshalb fast alles erlauben. Die Forderung nach tieferen Preisen und ungeschütztem Geschlechtsverkehr sei Standard.

Ausstieg

Lieber heute als morgen will der Grossteil der Sexarbeiterinnen aussteigen. 81,6 Prozent beantworteten diese Frage mit ja. Nur 9,2 Prozent antworteten mit Nein. Doch die Abhängigkeit zu ihren Freiern oder die finanzielle Abhängigkeit erschwert den Ausstieg massiv.

Sicherheit erhöhen als dringlichstes Ziel

Ungarische Sexarbeiterinnen seien hinsichtlich Ausbeutung, Zwang und Gewalt einem besonderen Risiko ausgesetzt, bilanziert die Studie. Deshalb müsse die Sicherheit für diese Frauen schnell und markant erhöht werden, primär mit der Einführung eines geschützten und überwachten Strichplatzes.

Um Zwang und Ausbeutung zu verhindern, bedürfe es aber weiterer Massnahmen. So müsse mit frühzeitiger Information über Rechte und Pflichten die Selbständigkeit der ungarischen Sexarbeiterinnen erhöht werden, damit diese etwas weniger abhängig seien von Zuhältern, Capo-Frauen und Mittelsmännern.

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