Aktualisiert 01.04.2010 14:35

Glamour am SüdfussWie die Formel 1 nach Oensingen kam

Monaco, Genfersee-Riviera, Dubai: Dort wohnen die Formel-1-Stars. Den Deutschen Adrian Sutil zogs hingegen nach Oensingen. Selbst Einheimische wundern sich.

von
Joel Bedetti

Nebel am Horizont, horizontales Gewerbe aller Orte und rundherum die Autobahn, nüchtern präsentiert sich Oensingen am Fuss des Solothurner Juras seinen 5000 Einwohnern und dem Reporter an einem Märzmorgen auf der Suche nach dem Formel-1-Glamour. Adrian Sutil, Formel-1-Rennfahrer, wohnt offiziell hier in Oensingen. - Warum?

Auf den ersten Blick ist Oensingen ein typisches Mittellanddorf, also ein unbeschreibbares Irgendetwas aus Masten, Zäunen, Baugruben, Gärten, Einfamilienhäusern und verwaisten Strassen. Auf den zweiten Blick merkt man, dass alles noch viel schlimmer ist.

In Oensingen kommt all das zusammen, das der modernen Gesellschaft unangenehm ist, aber dazu gehört. Bordelle, Puffs, gesichtslose Lagerhallen, Waschbeton, Autobahn und die Grossfleischerei Bell, in der jährlich tausende Rinder zu McDonald's-Burgern zermantscht werden. Einziger Lichtblick: Man sieht davon oft nichts, wegen dem Nebel, der an über hundert Tagen im Jahr über der Landschaft hängt.

Also nochmals: Was zum Teufel kann Adrian Sutil nach Oensingen gezogen haben?

Schnelle Flucht ist möglich

Der Reporter richtet die Frage an die ersten Oensinger, die ihm beim Bahnhof über den Weg laufen. Eine Sekunde Stille. Dann beide, wie aus der Pistole geschossen «Die gute Erschliessung, klar doch! Man ist schnell überall.»

Und was sonst? Der eine kratzt sich irgendwo, der andere sagt «Puuhh!» und lacht verlegen.

Nach einigen Sekunden ruft einer: «Der Steuerfuss. Der ist auch nicht schlecht.» «Ja, der Steuerfuss», der andere sekundiert durch eifriges Kopfnicken.

Mehr will den beiden nicht einfallen.

Bei der folgenden Passantenbefragung wiederholt sich die beschriebene Szene fast aufs Wort. Egal ob ein Teenager auf dem Heimweg, eine alte Frau mit Einkaufstasche, die Lotto-Fraktion beim Dorfkiosk oder der Kehrichtmann - alle bemühen zögerlich den Steuerfuss und die Verkehrsverbindungen. Der grösste Vorteil Oensingens scheint also zu sein, dass man hier schnell wieder wegkommt.

Dorfstrasse ist Autobahn

Gemeindepräsident Markus Flury, FDP, empfängt im ersten Stock. Flury wohnt seit 1975 in Oensingen. Er muss lachen, als er das ausspricht: «Als ich damals hierher kam, habe ich mir gesagt: Hier bleibst du nur ein paar Jahre.»

«Wieso? Wegen dem Nebel?»

Flury prustet los. «Ououou, der Nebel, das war schlimm am Anfang!» In den letzten Jahren sei es aber besser geworden damit, scheine ihm, sagt Flury, so als ob man den Nebel mit einem Gemeinderatsbeschluss dazu gebracht habe, sich zu bessern.

«Wir haben uns überrollen lassen»

Nicht nur in Sachen Wetter hat Oensingen Fortschritte gemacht. Flury erzählt von geplanten Wohnsiedlungen, von den vielen Arbeitsplätzen, dass es mit den Finanzen gut steht. Er erzählt von den kulturellen Höhepunkten im Oensinger Leben; dem Zwiebelmarkt, dessen Glanz aber gerade von einer grösseren Veruntreuungsgeschichte überschattet wird, und natürlich dem dreijährlichen Sonnenwendfest, zu dessen Höhepunkt sich zwei erbittert rivalisierende Dorfvereine mit Tonnen Feuerwerk hinter dem Juragebirge verschanzen und um die Wette zeuseln (dafür erhielten sie 2008 den Oensinger Kulturpreis).

Dann huscht der erste Schatten über Flurys Gesicht. «Wir wachsen, das ist schon gut, aber man sollte kontrolliert wachsen. Wir haben uns überrollen lassen.» Flury holt in die Ortsgeschichte aus. Früher war Oensingen ein beschauliches Dörfchen, man arbeitete hier als Stahlgiesser bei der von Roll, in einer Papierfabrik oder beackerte die Scholle.

Dorfkern von Industrie belagert

Dann kam 1968. In Oensingen kam nicht die sexuelle Revolution, sondern die A1. Die vielen Puffs kamen später.

Mit der Autobahn kamen die Firmen, die grosse Bauten an guter Verkehrslage benötigten. Die berüchtigte Oensinger Gewerbezone entstand. Dann wurde die A 2 gebaut, die sich nur sieben Kilometer westlich von Oensingen mit der A1 kreuzt. Also kamen noch mehr Firmen. Der Dorfkern wurde von Industriebauten umzingelt.

Puffs nur in der Gewerbezone

Nun huscht der zweite Schatten über Flurys Gesicht. «Der Lärm, das gebe ich zu, ist nicht akzeptabel.» Flury erklärt: Die Fernfahrer starten ihre Fahrten in Nachbargemeinden, rösten durch Oensingen hindurch und gehen erst danach auf die Autobahn, um LSVA zu sparen. Man bekämpfe das mit oberster Priorität.

Dann gibt es neben dem Nebel und dem Lärm ja noch dieses andere Thema. Flury winkt ab. «Das Rotlichtmilieu haben wir im Griff!» Selten gebe es Lärmklagen, vor einigen Jahren wurde ein Bordell ausgeräuchert, sonst sei aber alles ruhig. Anders als bei Nachbargemeinden, sagt der Gemeindepräsident, habe man die Salons nämlich in der Gewerbezone festnageln können.

Oensingen bleibt Oensingen

Aber viel mehr, das scheint auch Flury klar, lässt sich nicht ändern, Oensingen ist Oensingen. Man muss mit der Autobahn leben, also muss man mit den Sexclubs leben, muss mit dem Verkehrslärm leben. Und auch der Nebel wird bleiben.

«Herr Flury, hat man hier nicht das Gefühl, dass alles Unangenehme nach hierhin ausgelagert wird, Autobahnen, Bordelle, Schlachthäuser und so?»

«Auf keinen Fall», sagt der Gemeindepräsident ungerührt, «das Schlachthaus ist ein grossartiger Arbeitgeber».

«Und was könnte Herrn Sutil hierher gezogen haben?»

Flury, wie aus der Pistole geschossen. «Die guten Verkehrsverbindungen natürlich!»

Parkfeld und Niemandsland

Der Reporter beschliesst, noch einen Augenschein in der Gewerbezone zu nehmen, oder besser gesagt, auf der Dünnernstrasse spazieren zu gehen. Die Dünnernstrasse ist ein menschenleerer Grossgewerbe-Boulevard, der direkt auf die Autobahn zuführt. Den Rand säumen Garagen, ein Selecta-Automat, ein gigantisches Parkfeld mit amerikanischen Ausmassen und davor das Riesenschlachthaus von Bell, in welchem es gerade gewaltig rumpelt.

Das Ende der Dünnernstrasse ist das Ende von Oensingen. Und am Ende von Oensingen steht die Autobahn. Laster schiessen vorbei, hinter den Lastern liegt das grünbraune Niemandsland. Tiefe Traurigkeit prallt vom allgegenwärtigen Beton.

Heimatliebe auf Oensinger Art

Zurück zum Rätsel. Was macht ein Formel-1-Star hier? Über seinen Manager lässt Adrian Sutil ausrichten, dass dessen Bruder im nahen Niederbipp wohne. Der habe ihm sein Heim, ein umgebautes Bauernhaus hinter der Bächburg, vermittelt. «Ich komme sehr selten dazu, in Oensingen auf Tour zu gehen, fühle mich aber sehr wohl», schreibt Sutil. Und wenn nicht, sind ja die Fluchtwege ausgezeichnet.

Oensingen am Jura-Südfuss:

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