Milliardenvermögen: Wie die Schweiz Chodorkowskis Geld rettete
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MilliardenvermögenWie die Schweiz Chodorkowskis Geld rettete

Der einst reichste Mann Russlands verdiente im Straflager rund 35 Franken pro Monat. Doch was wurde aus Michail Chodorkowskis Milliardenvermögen?

von
gux

Im Gefängnis machte er Aktenordner aus Karton und verdiente so sein Brot: Sein Dezemberlohn aus dem Straflager an der russisch-finnischen Grenze betrug 1270 Rubel, umgerechnet 34.60 Franken. Dabei hatte Michail Chodorkowski einst ein Vermögen von schätzungsweise elf Milliarden Dollar besessen. Zehn Jahre und eine Begnadigung durch Waldimir Putin später stellt sich die Frage, was aus Chodorkowskis Vermögen wurde.

Der russische Oligarch hatte vom sogenannten Wildwest-Kapitalismus der 90er-Jahre in Russland profitiert. Dazu hatte er aus dem Ölkonzern Jukos eines der bestgeführten Unternehmen Russlands gemacht. Entsprechend saftig waren die Forderungen des russischen Staates, als Chodorkowski wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung verurteilt worden war. Das Ölimperium wurde zerschlagen, die lukrativsten Werte des Konzerns fielen per Versteigerung an den staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft.

«Fragen Sie die Staatsanwälte. Die wissen alles»

Chodorkowskis Anwälte stellten seither immer wieder klar, dass ihr Klient kein Milliardenvermögen mehr habe. Auch sein Sohn Pawel sagte gegenüber Medien, vom Vermögen seien «vergleichsweise geringe Mittel» übrig. Selbst der eben Freigekommene scheint nicht zu wissen, wie viel Geld er noch besitzt. Auf die Frage, ob er noch Milliardär sei, sagte er 2011: «Lustige Frage. Fragen Sie die Staatsanwälte. Die wissen alles. Ich möchte es auch gern wissen.»

Sicher ist: Einen Teil seiner Milliarden hat Chodorkowski Schweizer Banken, darunter der Bank Julius Bär, anvertraut: Die Rede ist von mindestens sechs Milliarden Franken. Der Kreml übte Druck aus, um an dieses Geld heranzukommen, und ersuchte die Schweiz um Rechtshilfe, da Chodorkowski als Jukos-Chef in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sei.

200 Millionen Franken

Schliesslich schaltete sich die Schweizer Bundesanwaltschaft ein: Zunächst blockierte sie 2003 sechs Milliarden Franken aus dem Jukos-Vermögen, gab dann aber den Grossteil dieser Gelder auf Anordnung des Bundesgerichts 2004 wieder frei.

Bereits 2006 wurden über rund 42 Millionen Euro eingefroren – doch für Russland wurden sie ebenso wenig freigegeben wie angeforderte Finanzdokumente von in der Schweiz ansässigen Tochterfirmen von Jukos. Die Schweiz verweigerte Moskau jede Rechtshilfe. Die Lausanner Richter begründeten dies 2007 damit, dass der Fall Chodorkowski politisch sei. Daraufhin wurden auch die restlichen Summen freigegeben: Es soll sich laut «Tagesschau.de» um rund 200 Millionen Franken handeln.

Vermögen dank Lausanner Gerichtsbeschluss unangetastet

Was mit diesem Vermögen passiert ist, ist bis heute unklar. Fest steht lediglich, dass der Entschluss der Schweizer Richter Chodorkowskis Vermögen ins Trockene brachte. Das deutete auch SP-Nationalrat Andreas Gross (61) an, der Chodorkowski als Europaratsabgeordneter und Mitverantwortlicher für Russland vor zwei Jahren im Lager besucht hatte.

Gegenüber RTS.ch sagte Gross: Sollte der ehemalige Geschäftsmann noch so viel Geld haben, dass er nie mehr zu arbeiten braucht, dann liege das am Bundesgerichtsentscheid von 2004, die blockierten Gelder freizugeben.

Verfahren nie eingestellt

In Russland wurden die Ermittlungen im Jukos-Fall nie endgültig eingestellt. Anfang Dezember erklärte der stellvertretende Generalstaatsanwalt, dass diese «eine gute gerichtliche Perspektive» hätten. Deswegen befürchten Beobachter, dass gegen Chodorkowski jederzeit ein neuer Prozess beginnen könnte.

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