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Fussball-WMWie die WM der Wirtschaft schadet

In der Schweiz geht man davon aus, dass pro Arbeitnehmer und Tag eine Viertelstunde Arbeitszeit verloren geht. Im Ausland ist es weit mehr.

Die Schweizer Fussball-Fans schden der Wirtschaft weniger.

Die Schweizer Fussball-Fans schden der Wirtschaft weniger.

Die meisten Schweizer Arbeitgeber vertrauen ihren Angestellten während der Fussball-WM in Südafrika. In Sachen Fussballkonsum geben sie sich grosszügig - sofern die Arbeit nicht liegen bleibt. Als Produktivitätsbremse gilt die WM vor allem im Ausland.

Allein schon mit fussballbezogenen Diskussionen, etwa über Schiedsrichter-Entscheide und Torszenen, geht täglich pro Arbeitnehmer eine Viertelstunde Arbeitszeit verloren, wie eine Studie zur Fussball-WM 2006 in Deutschland zeigte. Der geschätzte Produktivitätsverlust betrug laut der Studie der Universität Hohenheim (D) 0,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Ein weiterer Grund für den Arbeitszeitverlust ist der müdigkeitsbedingt verspätete Arbeitsbeginn am Morgen nach spannenden Abendpartien.

Ferientage statt krank

Für solche und ähnliche Fälle bietet in England der Verband für Kleinunternehmen seit wenigen Wochen seinen Mitgliedern rechtliche Hilfe an. Fussballfans könnten sich während und nach den Spielen reihenweise krank melden, wird auf der Insel befürchtet.

Die Empfehlung des Verbandes an seine Mitglieder: Den Angestellten frühzeitig klar machen, dass sie Ferientage beziehen müssen, wenn sie wegen der WM nicht zur Arbeit erscheinen wollen - oder können. Für Arbeitstage mit Spielen während der Arbeitszeit könne das Abwesenheitsproblem abgefedert werden, indem Radio am Arbeitsplatz erlaubt werde oder sogar Fernseher aufgestellt würden.

In Deutschland und im Fussball-Erfinderland England dürften die Leute fussballverrückter sein als in der Schweiz. Der Schweizerische Gewerbeverband jedenfalls sieht keine grossen Probleme auf die Schweiz zukommen.

Empfehlungen habe der Gewerbeverband nicht herausgegeben, sagte Kommunikationschef Patrick Lucca. Für das Verfolgen der Spiele während der Arbeit gelte: «Wer schaut, holt nach.» Die Erfahrung zeige aber, dass Chefs und ihre Angestellten in den KMU pragmatische Lösungen fänden für die meisten Probleme im Zusammenhang mit Fussball-Grossanlässen.

Kulante Lösungen als Motivation

Auch der Schweizerische Arbeitgeberverband veröffentlichte keine Richtlinien. «Das ist Sache der Firmen», sagte Informationschef Hans Reis. Bei der WM 2006 und der EM in der Schweiz vor zwei Jahren hat der Verband keine grösseren Probleme festgestellt. «Eine kulante Lösung für WM-Spiele kann auch die Motivation fördern», sagte Reis.

So sehen es offenbar viele Schweizer Arbeitgeber: Swisscom, Helsana und UBS verwiesen auf Anfrage auf die flexible Arbeitszeit und die Eigenverantwortung der Angestellten. «Es ist durchaus möglich, dass unsere Mitarbeitenden je nach Tätigkeit und Arbeitsbereich die Spiele zumindest teilweise live schauen können», sagte eine UBS-Sprecherin.

Eine gezielte Sperrung von Informationsangeboten auf die WM hin fassen weder Swisscom noch Helsana ins Auge. Es würde auch kaum Sinn machen - der Angebote im Internet sind schlicht zu viele: Live-Ticker, Live-TV-Streams, Internetradio, aber auch SMS-Dienste für das Mobiltelefon oder Apps fürs iPhone. Gewiefte Fussball-Fans wissen sich auf dem Laufenden zu halten. (sda)

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