Wie ein Berner 1912 die Klimaforschung prägte

Sieben Wochen lang waren der Berner Geophysiker Alfred de Quervain, sein Team sowie rund 30 Huskys in Grönland. 

Sieben Wochen lang waren der Berner Geophysiker Alfred de Quervain, sein Team sowie rund 30 Huskys in Grönland. 

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Publiziert

Eisige ForschungWie ein Berner 1912 die Klimaforschung prägte

1912 durchquerte der Berner Alfred de Quervain Grönland. Die Ergebnisse seiner Expedition sind auch für die heutige Schweizer Klimaforschung von grosser Bedeutung.

von
Transhelvetica

Er war Abenteurer, Wissenschaftler und Pionier: 1909 besuchte Alfred de Quervain erstmals Grönland. Drei Jahre später startete er eine Expedition über die ganze Insel. Sieben Wochen und rund 650 Kilometer waren der Geophysiker aus Bern, sein Team sowie rund 30 Huskys zu Forschungszwecken im ewigen Eis unterwegs. Die Expedition erregte Aufmerksamkeit. Denn bereits vor rund 100 Jahren standen die Gletscher im Fokus der noch jungen Klimaforschung. Allerdings fürchtete man sich damals vor einer neuen Eiszeit – während uns heute die Klimaerwärmung und die damit einhergehende Gletscherschmelze Sorgen bereiten.

Vor 100 Jahren fürchtete man sich vor einer neuen Eiszeit. 

Vor 100 Jahren fürchtete man sich vor einer neuen Eiszeit. 

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Zwei Jahre nach seiner Grönland-Expedition führte Alfred de Quervain mit dem Klimatologen Robert Billwiler erstmals Messungen auf dem Claridenfirn in den Glarner Alpen durch. Seither wird dort im Winter der Schneezuwachs und im Sommer die -schmelze gemessen, um wichtige Zusammenhänge von Klima und der Massenveränderung von Gletschern zu erschliessen. Die Daten und Erkenntnisse von Alfred de Quervain sind heute noch von Bedeutung. Nach wie vor gilt sein präzises Höhenprofil des Inlandeises, das 85 Prozent Grönlands bedeckt, als Referenz für wissenschaftliche Studien. Beispielsweise für die Erforschung des Grönländischen Eisschilds, des zweitgrössten Süsswasserspeichers der Erde, der durch die Klimaerwärmung in den letzten 15 Jahren stark geschrumpft ist.

650 Kilometer legten die Forschenden auf Grönland zurück. 

650 Kilometer legten die Forschenden auf Grönland zurück. 

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

25 Wetterstationen

Auch hierzulande haben Gletscher seit dem Ende der Kleinen Eiszeit um 1850 bis zu 40 Prozent ihrer Masse verloren. Zu den Gründen, dem Ausmass und den Auswirkungen von Klimaerwärmung und Gletscherschwund forscht die Schweiz deshalb seit geraumer Zeit – auch in Grönland: Unweit der Route von Alfred de Quervain entstand 1990 das Swiss Camp, die Basis für atmosphärische Forschung der ETH Zürich. Von dort aus werden 25 Wetterstationen in fast ganz Grönland unterhalten, um dank neuester Technologie an aktuellste Daten zu gelangen, die per Satellit in die Schweiz übermittelt werden. Dass die Auswirkungen der Klimaerwärmung auch für die Schweiz Konsequenzen haben werden, zeigen Simulationen der ETH Zürich und der Universität Freiburg. Im besten Fall, wenn die globalen CO2-Emissionen bis 2050 auf null gesenkt werden können, ist eine Reduktion des Eisvolumens von «nur» rund 40 Prozent bis 2100 noch möglich. Im schlechtesten Fall verschwinden in der Schweiz bis 2100 alle Gletscher unter 4000 Metern.

Die Daten und Erkenntnisse von Alfred de Quervain sind heute noch von Bedeutung.

Die Daten und Erkenntnisse von Alfred de Quervain sind heute noch von Bedeutung.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Eine derartige Klimaentwicklung bekäme auch die Schweizer Bevölkerung zu spüren: Der Temperaturanstieg könnte zu enormer Hitze, Dürre und Starkregen führen. Und ein 200-Jahr-Jubiläum der Gletschermessungen am Claridenfirn dürfte es kaum mehr geben.   

Ausstellung Grönland 1912

Deine Meinung

0 Kommentare